Von Verschwörungstheorien und Journalismus

13.01.2015

Zur Vertrauenskrise der Medien und ihren Ursachen

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat in der vergangenen Woche in der Printausgabe des Spiegel seine Sicht auf die derzeitige Debatte zum Vertrauensverlust der Medien dargelegt. Darin heißt es:

Es braucht nur ein paar Klicks, um in einen merkwürdigen, dunklen Fiebertraum abzudriften, eine schweißnasse Angstfantasie, die von einer Medienverschwörung handelt und einer dämonischen Gewalt, die uns alle manipuliert und systematisch belügt.

Pörksens Essay bewertet die aktuelle Medienkritik im Kern als irrational. Der Autor konstatiert besorgt: "Die aktuellen Attacken von Verschwörungstheoretikern bedrohen den Journalismus." Ein starker Vorwurf. Lässt er sich belegen? Und vor allem: Taugen die verwendeten Begriffe dazu? Oder anders gefragt: Wer oder was sind eigentlich Verschwörungstheoretiker?

Zur letzten Frage hatte der Autor dieses Textes bereits vor gut einem Jahr folgende Überlegungen angestellt (Verschwörungstheorie!):

De facto wird der Begriff 'Verschwörungstheorie' heute vor allem benutzt, um Ansichten zu beschreiben, die nonkonform sind. Diese müssen dabei noch nicht einmal Theorien im eigentlichen Sinne sein. Es reicht der reine Dissens mit dem Mainstream. (…) Das Wort wird somit in einer pauschalen Weise benutzt, die sich logisch oder vernünftig kaum mehr fassen lässt. Festes Kriterium scheint aber der nonkonforme Inhalt zu sein. Nonkonform wäre demnach 'falsch'. Wird diese Gleichung zur Grundlage wissenschaftlichen Denkens, ist der Stillstand natürlich determiniert. Wird sie zur Grundlage der Führung einer Enzyklopädie, so entsteht Wissen, das auf politische Opportunität genormt ist.

Der letzte Satz bezog sich auf Wikipedia und deren Umgang mit kritischen Sichtweisen zu 9/11. Doch könnte man ihn ebenso gut auf die Leitmedien anwenden, deren antirussischer Gleichklang in der Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt letztlich auch nichts anderes ist, als eine "Normung auf politische Opportunität" - in diesem Fall auf die Ziele des von den USA geführten transatlantischen Bündnisses.

Mancher wird an dieser Stelle widersprechen und einen Gleichklang der Medien in Frage stellen. Doch sind die Indizien für diesen Konformismus, gerade im Falle des Ukraine-Konflikts, so übermächtig, dass sich seriös eigentlich bloß noch fragen lässt, wie es denn dazu gekommen ist. Wird hinter den Kulissen durch Lobbygruppen aktiv gesteuert oder lässt sich die massive antirussische Schlagseite der Kommentare in den großen Medien allein mit einem (hinter die Ideale der Aufklärung weit zurückfallenden) Herdentrieb unter Journalisten erklären? Andere Ursachen für den zu beobachtenden Gleichklang sind jedenfalls schwer erkennbar. Es sei denn, man erachtet als Journalist die eigene Russlandkritik als "objektiv geboten", erklärt also ganz offen die eigene Parteilichkeit. Doch selbst dann bliebe zu fragen, wie es denn kommt, dass so gut wie alle Alpha-Journalisten uniform diese eine Position vertreten.

Problematisch wird eine Debatte zum Vertrauensverlust der etablierten Medien in jedem Fall dann, wenn Begriffe wie "Verschwörungstheorie" weitgehend unreflektiert als Instrument der Ausgrenzung abweichender Meinungen benutzt werden. Der Journalismus ist seinem Wesen nach selbstverständlich gerade dem Gegenteil verpflichtet - der Präsentation und dem sorgfältigen, fairen Abwägen gegensätzlicher Ansichten. Zwar kursieren natürlich eine Unmenge absurder Theorien auch zu politischen Themen, doch spannend bleibt eben die Frage, wie man diese sauber als "Verschwörungstheorie" definiert, sprich, nach welchen spezifischen Kriterien man also den (behaupteten) Unsinn vom Akzeptierten trennt. Genau diese Frage nach den Kriterien hat aber bislang noch kein Alpha-Journalist klar beantworten können, geschweige denn, dass dieses Definitionsproblem überhaupt einmal diskutiert würde. Herr Pörksen, bitte übernehmen Sie!

Erläuternd heißt es häufig, Verschwörungstheorien seien beliebt, da sie einfache Antworten in einer komplexen Welt bieten würden. Was aber - erstaunlicherweise - ebenfalls kaum einem der Medienkritik-Kritiker aufzufallen scheint: Die einfachen Antworten geben in der Regel ja gerade die Leitmedien: "Stoppt Putin jetzt", "Assad muss gestürzt werden", "Gaddafi ist böse", "Bin Laden steckt hinter 9/11" etc. Nach den eigenen, wohl oft unbewusst, verwendeten Kriterien müsste man große Teile der außenpolitischen Berichterstattung der Leitmedien unter dem Blickwinkel "einfache Antworten" selbst als "Verschwörungstheorien" einordnen, die eine komplexe Welt in ein schlichtes Gut-Böse-Raster verflachen.

Darüber hinaus fällt auf, dass die Homogenität der Kommentare zu Themen wie 9/11, Libyen, Syrien, der Ukraine etc. fast immer in Zielrichtung der Politik der Nato verläuft. Wer das zum Zufall erklären möchte, macht sich lächerlich. Dass der Nato-freundliche außenpolitische Konsens in den deutschen Medien auf Strukturen beruht, in denen transatlantische Lobbygruppen und deren Kontakte zu Alpha-Journalisten, wie etwa Stefan Kornelius von der Süddeutschen Zeitung, eine große Rolle spielen, diese Erklärung ist längst so schlüssig (hier ein hörenswerter Beitrag zur Debatte im Deutschlandradio), dass sich den Betroffenen nahestehende Kritiker, wie etwa der Münchner Medienwissenschaftler Prof. Christoph Neuberger, an einer Widerlegung zuletzt die Zähne ausbissen.

Wenn nun, nach den Pariser Vorfällen, der Präsident des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger, Helmut Heinen, in einem in vielen Zeitungen veröffentlichten Kommentar fordert, "wir", Zeitungen und Leser, sollten "gemeinsam, auch weiterhin selbstbewusst auf der Pluralität der Meinungen und der Freiheit, sie zu äußern", beharren, so ist diesem Aufruf zuzustimmen. Mit einem schlichten "Weiter so" wird dieses Ziel allerdings kaum erreicht werden. An echter Pluralität der Meinungen fehlt es ja gerade und nicht zuletzt dieser Mangel ist eine der Ursachen für die derzeitige Vertrauenskrise der Medien.

Cover

Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
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