In den Medien muss sich fast alles ändern

16.01.2015

Der Soziologe Hauke Brunkhorst über die "publikative Gewalt"

Der Soziologe Hauke Brunkhorst hat die Debatte zwischen den traditionellen Medien und ihren Kritikern mitverfolgt und hält die Kritik für berechtigt. Im Interview mit Telepolis macht der Soziologe von der Universität Flensburg deutlich, wie groß der Unterschied zwischen der veröffentlichten Meinung der Medien und der "nichtveröffentlichten öffentlichen Meinung" doch ist und sagt, dass sich in den Medien fast alles ändern muss.

Auch die Auswahlkriterien bei der Rekrutierung des Nachwuchses, wie sie vonseiten der großen Medienhäuser veranschlagt werden, sieht Brunkhorst kritisch. Die hohe Qualifikation, die Redakteure heutzutage mitbringen, sei zwar begrüßenswert, aber zugleich würde der "universellen Wettbewerbsorientierung" zu viel Tribut gezollt, so dass eine "etwas zu einseitige Vorauswahl" festzustellen sei.

Scharf kritisiert Brunkhorst, der sich in seiner Forschung auch mit den Hintergründen des Neoliberalismus auseinandersetzt, Medien im Hinblick auf die Verbreitung der neoliberalen Idee. Nach den Worten von Brunkhorst waren Medien die "willigen Vollstrecker der globalen Ideologie des Neoliberalismus", die "kritische Stimmen an die Peripherie gedrängt und zum Schweigen gebracht" haben.

Herr Brunkhorst, in einem Artikel für DIE ZEIT haben Sie vor kurzem Folgendes geschrieben: "Wer will von den Massenmedien und kritischen Journalisten anderes erwarten als Konformismus gegenüber den ökonomischen Eliten und Machtspiele gegenüber jenen, die sie fallen lassen?" Können Sie diese Gedanken näher erläutern?

Hauke Brunkhorst: Die Aussage von mir erläutere ich in der ZEIT, dort schreibe ich nämlich: "Freie Mitarbeiterinnen, die in den 1970er Jahren mit ihren Honoraren noch Familien ernähren konnten, versinken heute in Armut." Und anmerken muss man noch, dass gleichzeitig die Spitzengehälter in den Massenmedien auf historisch nie dagewesene Höhen gestiegen sind, was einer nicht nur technischen (Internet), sondern auch ideologisch-ökonomischen Umstrukturierung des gesamten Medienbereichs geschuldet ist.

Die Stichworte sind: Marginalisierung des öffentlichen Sektors gegenüber dem rein privaten, Transformation des öffentlichen Sektors an der Spitze und zu Spitzensendezeiten in Privat-Public-Partnerships, Leistung soll sich lohnen, man kann nicht länger jeden mitnehmen, wer unten ist, ist selber schuld, Wettbewerbs- und Einschaltquotenideologie, wann immer man einschaltet usw. Das zusammengenommen macht es wahrscheinlich, dass wir von den "Massenmedien" nichts "anderes" mehr "erwarten" können als "Konformismus gegenüber den ökonomischen Eliten und Machtspiele gegenüber jenen, die sie fallen lassen?"

Exemplarisch wäre hier der Fall des Bundespräsidenten Wulff, der auch zur Hannover-Connection gehört, aber den Islam zum Bestand deutscher Religionen erklärt hatte. Das dürfte der kulturelle Hintergrund dafür sein, dass Jauch und Bild im abgesprochenen oder unabgesprochenen Wechselspiel den Präsidenten zum Abschuss freigegeben und dann gleich nachgeladen haben. Solcherart Beispiele gibt es mittlerweile zahllose.

In den vergangenen Monaten gab es von vielen verschiedenen Seiten eine breite Kritik an den großen Medien. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier beklagte in einem Beitrag für die FAZ eine erstaunliche Homogenität und einen Konformitätsdruck in den Medien. In einem Appell im Hinblick auf die Situation mit Russland haben sich 60 Prominente auch an die Medien gerichtet und geschrieben: "Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen." Der Journalismusforscher Uwe Krüger hat 2013 eine Studie veröffentlicht, in der er deutschen Alpha-Journalisten ein zu enges Verhältnis zu den Machteliten nachweist. Hinzu kommt die Kritik der Rezipienten, die sich jeden Tag in den Foren der großen Medien in Form von Kommentaren niederschlägt. Was ist dran an all dieser Kritik?

Hauke Brunkhorst: Alles richtig.

Die Debatte in Sachen Ukraine/Russland zeigt deutlich, dass es einen Kampf um die Deutungshoheit gibt. Auf der einen Seite stehen die traditionellen Medien, auf der anderen Seite das Internet mit seinen vielen alternativen Formaten. Diese Auseinandersetzung bei der es immer wieder auch darum geht, wer die legitimen Deuter und Interpreten der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit sind, findet allerdings schon länger statt. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Deutungsnarrative der Leitmedien scheinbar mehr und mehr hinterfragt werden?

Hauke Brunkhorst: Das sehe ich positiv. Mit dem Fernsehen geht es zu Ende, und das ist gut so. Ob im hochfragmentierten Internet etwas Neues und Besseres entsteht, ist nicht absehbar, immerhin ist das kritische, negative Potential des Internets und der demokratische Zugang zu ihm unendlich viel höher als bei Fernsehen und Rundfunk. Gleichzeitig ist das Netz viel beweglicher und aktueller, sichtbarer im Wortsinn als die Zeitungen. Jeder kann hier fast alles veröffentlichen, und dabei bilden sich natürlich auch neue Macht- und Hegemonialstrukturen und die Herrschaft der Märkte überflutet die gesamte Privatsphäre. Das ist die Schattenseite. Aber das kritische und demokratische Potential ist noch lange nicht ausgereizt.

Welche Rolle spielt ihrer Sicht nach die Tatsache, dass es eine relative Homogenität innerhalb des journalistischen Feldes gibt, was Herkunft, Ausbildung etc. der Journalisten angeht? In einer umfangreichen Studie stellte der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg fest: "Journalisten sind in ihrer sozialen Zusammensetzung...nicht der Spiegel der Bevölkerung - so wenig wie Ärzte, Anwälte oder Wissenschaftler…" Und weiter: "Journalisten unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer formalen Bildung vom Durchschnitt der Bevölkerung. Sie rekrutieren sich auch sehr deutlich vor allem aus einem Bereich der Gesellschaft: der Mittelschicht. Rund zwei Drittel der Väter von Journalisten (66,7 %) sind oder waren Angestellte oder Beamte; Kinder von Arbeitern stellen eine kleine Minderheit (8,6 %). Welche Rückschlüsse ziehen Sie als Soziologe aus solchen Daten?

Hauke Brunkhorst: Ja, das ist so, aber es ist in einer funktional differenzierten Gesellschaft mit hoher Spezialisierung unvermeidlich. Immerhin wächst dem auch ein kritisches Bildungspotenzial nach, für das die Prekarität zur lebenslangen Existenz geworden ist. Heute studieren weltweit dreißig Prozent der Bevölkerung und mehr und sie haben alle sozialen Bewegungen, Aufstände und Revolutionen der jüngsten Zeit gemacht oder zumindest ausgelöst.

Stefan Kornelius, Außenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, sagte vor einigen Monaten in einem Interview mit ZAPP im Hinblick auf die junge, nachrückende Journalistengeneration in seinem Haus: "Wir haben es mit einer Generation zu tun, die jetzt in den Journalismus kommt, die so international ist wie keine zuvor. Jeder Volontär bei uns hat zwei, drei Jahre Auslandserfahrung in den noch so exotischsten Ländern hinter sich, spricht Sprachen, das ist wirklich toll und bemerkenswert. Es gibt die komplette Erasmus-Generation, die rumläuft, die ist offen und versteht, wie die Welt tickt. Also eigentlich müsste es ein leichtes Spiel sein, aber das darf man sich nicht durch die Verrückten verderben lassen." Ist das nicht eine bemerkenswert interessante Aussage, wenn man darauf mit einem soziologischen Blick schaut? Was sind Ihre Gedanken, wenn Sie diese Worte hören?

Hauke Brunkhorst: Ich stimme Kornelius völlig zu, würde aber die Schattenseiten, wie ich es oben angesprochen habe, nicht unerwähnt lassen. Es ist ja schön und stimmt, dass die Redakteure immer besser qualifiziert sind und, um mit den Worten des amerikanischen Soziologen Craig Calhoun zu sprechen, den "cosmopolitanism of frequent flyers" einschließlich des fließenden Englisch internalisiert haben, aber das ist auch eine etwas einseitige Vorauswahl, die der universellen Wettbewerbsorientierung etwas zu viel Tribut zollt. In deren Namen sind die Universitäten von Betriebswirten gerade erst auf neoliberale Stromlinie gebracht worden und produzieren nun auch die dazu passenden Journalisten. Gerade die Süddeutsche ist im Übrigen erst in jüngster Zeit Opfer eines weiteren Privatisierungsschritts in Richtung Turbokapitalismus geworden, musste aus der Stadt raus und die Redaktion shareholdergerecht "modernisieren". Das wissen die Redakteure ganz genau.

"Willige Vollstrecker der globalen Ideologie des Neoliberalismus"

Sie haben sich in Ihrer sozialwissenschaftlichen Arbeit auch mit dem Neoliberalismus auseinandergesetzt. Können Sie skizzieren, welche Rolle Medien und Journalisten bei der Durchsetzung der neoliberalen Idee gespielt haben?

Hauke Brunkhorst: Sie waren die willigen Vollstrecker der globalen Ideologie des Neoliberalismus und haben die kritischen Stimmen an die Peripherie gedrängt und zum Schweigen gebracht. Der Satz, der 2002 in einem Leitartikel der FAZ stand, ist kein Zufallstreffer, sondern Ausdruck einer globalen Medienhegemonie: "Wenn Eltern Ihrem Säugling die Anstrengung des Saugens dadurch erleichtern, daß sie die Öffnung der Babyflasche vergrößern, legen sie den ersten Grundstein für mangelnde Leistungsbereitschaft."1

Was muss sich in der Medienlandschaft ändern?

Hauke Brunkhorst:  Fast alles. Schauen Sie sich doch an, wie weit die veröffentliche öffentliche Meinung von der nichtveröffentlichten öffentlichen Meinung entfernt ist.

Können Sie dafür mal ein Beispiel nennen?

Hauke Brunkhorst: Nehmen Sie doch nur mal das sinkenden Vertrauen der EU-Bürger in ihre nationalen und transnationalen Institutionen im Vergleich zu der stark gewachsenen Solidaritätsbereitschaft der EU-Bürger untereinander - gerade auch zwischen ihren verschiedenen Kulturen in Nord und Süd, Ost und West. Während das Vertrauen in die Institutionen, wie die Eurobarometer zeigen und jeder Fernsehzuschauer, Stammtischbesucher und Internetnutzer weiß, im Keller ist, hat die bürgerschaftliche und soziale Solidarität der Europäer nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2008 Ausmaße erreicht, wie nie zuvor in der Geschichte der Europäischen Union.

Das zeigen glasklar die gründlichen empirischen Studien von Gerhards und Lengfeld, die aber im Fernsehen, am Stammtisch und im Internet (wo sie jeder abrufen könnte) unbekannt bleibend und in der verwalteten Öffentlichkeit kein Ohr finden. So ist, um nur diesen einen, hochsignifikanten Indikator europäischer Solidarität zu erwähnen, eine überwältigender Mehrheit der Europäer für einen einheitlichen europäischen Mindestlohn, und die Deutschen, von denen immer wieder das Gegenteil behauptet wird, sind auch dann noch zu 58,1% dafür, wenn sie dafür erhebliche Lohneinbußen in Kauf nehmen müssten.

Diese Zahl, die wachsendes kollektives Selbstvertrauen der europäischen Bürgerschaft im ganzen erkennen lässt, bleibt aber Geheimwissen der empirischen Soziologie, während gleichzeitig die veröffentlichte Meinung aus dem gesunkenen Institutionenvertrauen auf sinkende Solidaritätsbereitschaften und sinkendes kollektives Selbstvertrauen schließt, um dann lauthals dem Volk die üblichen rechtsnationalen Vorurteile zuzuschreiben. Kein Wunder, dass dann jeder glaubt, er wäre von Nachbarn umringt, deren transnationale Solidaritätsbereitschaft sehr viel geringer ist als seine/ ihre eigene. Der Effekt ist, dass dann nur noch die Minderheit rassistischer Abendländler für ein ganz anderes Europa demonstriert und die ganz anders eingestellten Mehrheiten resigniert zuhause bleiben, denken sie doch, sie wären in der Minderzahl und hätten dann auch noch die Institutionen gegen sich. Da wird politische Apathie zur einzig verbliebenen Option, keine mehr zu haben.

Der Teufelskreis wird in den heutigen Medien in derselben Weise stabilisiert wie in der frühen Kulturindustrie, deren Selektions- und Silencing-Mechanismus John Ford in dem Hollywoodwestern Liberty Valence auf den schon klassischen Satz gebracht hat: "If legend becomes fact, print the legend."

Cover

Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
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