Gretchenfragen des Nahostkonflikts

25.01.2015

Moshe Zuckermann über Israel, die Araber und die Religion

Nach dem Anschlag in Paris und den Anti-Terroreinsätzen in Belgien wird in vielen jüdischen Gemeinden in Europa über ein Anschwellen des Antisemitismus und eine Auswanderung nach Israel diskutiert. Der Geschichts- und Philosophieprofessor Moshe Zuckermann hält dies für einen falschen Weg, weil die Juden in Israel aufgrund des Konflikts mit den Palästinensern seiner Ansicht nach einer weit größeren Gefahr ausgesetzt wären. Er begründet diesen Gedanken ausführlich in seinem neuen Buch Israels Schicksal - Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt.

Herr Zuckermann - welche Rolle spielt Religion ihrer Ansicht nach im Nahen Osten?

Moshe Zuckermann: Für den Nahen Osten insgesamt gesprochen spielt die Religion (spätestens seitdem der fundamentale Islam auf der Vorhut ist) eine sehr große, sogar zentrale Rolle. Dass beim Arabischen Frühling in Ägypten Staatspräsident Mubarak von dem Muslimbruder Mohammed Mursi abgelöst wurde, kommt nicht von ungefähr.

Darüber hinaus spielt in Israel die Religion spätestens seit den 70er Jahren, im Grunde genommen bereits seit 1967, als die ehemals moderate Nationalreligiöse Partei sich zunehmend radikalisierte, zum Sprachrohr der gesamten Siedlerbewegung avancierte und gewissermaßen einen Staat im Staat errichtete, gleichfalls eine zentrale Rolle.

Das ist insofern relevant, als in einer Gesellschaft, die bis dahin eine säkulare war, ein extrem religiöser Faktor hinzugekommen ist: Jetzt konnten die Siedlungsgebiete nicht mehr zurück gegeben werden, weil sie in der Bibel als gottverheißenes Land apostrophiert waren. Für die nationalreligiösen Siedler ist dieses Land bis zum heutigen Tag überhaupt nicht verhandelbar.

Jede Regierung hat sich seitdem in eine Sackgasse manövriert, indem sie die Siedlerbewegung gefördert und sich selbst damit den Weg zur Lösung des Konflikts verbaut hat. Gleichwohl möchte ich betonen, dass ich den Nahostkonflikt nicht als einen Religionskrieg betrachte, sondern als einen Territorialkonflikt. Wenn dieser gelöst werden könnte, würden sich auch die religiöse Komponenten abschwächen, beziehungsweise sie würden entfallen.

Moshe Zuckermann

Wie sieht die religiöse Werdegang bei den Palästinensern aus?

Moshe Zuckermann: Die palästinensische Politik unter Arafat war im Grunde genommen eine säkulare. Als die Friedensverhandlungen für die Palästinenser zunehmend frustrierender wurden, begann die Hamas eine wesentlich größere Rolle als ursprünglich zu spielen, und so ist heute Religion zu einem zentralen Faktor palästinensischer Politik geworden.

Sicherheitsfrage und soziale Diskrepanzen

Und welche sozialen und politischen Faktoren bestimmen den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern?

Moshe Zuckermann: Von sozialen Faktoren kann zunächst einmal nicht gesprochen werden, weil der Konflikt sich wie gesagt territorial, also außenpolitisch und militärisch ausrichtet. Aber natürlich kann man soziale Faktoren als Auswirkungen des Konflikts in zweifacher Hinsicht benennen: In Israel wird erstens die Sicherheitsfrage üblicherweise instrumentalisiert, um von den sozialen Diskrepanzen, den Klassenkonflikten, den ethnischen Konflikten und den Auseinandersetzungen zwischen Alteingesessenen und Neueinwanderern abzulenken. Solange man die Sicherheitsfrage dazu gebrauchen kann, braucht man sich um diese gesellschaftlichen Belange nicht zu kümmern.

Zweitens gab es eine Zeit, als die Palästinenser für die Israelis billige Arbeitskräfte waren, bis sie zu einem Sicherheitsproblem geworden sind, worauf man andere billige Arbeitskräfte beispielsweise aus Schwarzafrika, Vietnam, China und Rumänien anzuwerben begann. Durch das Abblocken der Palästinenser auf dem Arbeitsmarkt wurde die soziale Lage in den besetzten Gebieten, vor allem im Gazastreifen desolat; vorher gab es in bestimmten anderen Regionen, zum Beispiel in Ramallah, sogar einen Bau-Boom.

Das große Problem der gesamten Region besteht nicht zuletzt darin, dass man die soziale Frage nicht zu einem Politikum erhebt, weil der Territorialkonflikt nicht gelöst ist, sondern, wie gesagt, im Gegenteil instrumentalisiert wird. Durch ihre hoffnungslose Armut drängen dann viele Menschen zur Religion. Das gilt beispielsweise auch für Ägypten, wo achtzig Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

Hat der geopolitische Konflikt mittlerweile auch deshalb religiöse Dimensionen angenommen, weil sich die Politik der Religion unterordnet?

Moshe Zuckermann: Das ist bestimmt in Israel und bei der Hamas der Fall. Die Religion ist mittlerweile zu einem autonomen Faktor geworden, weil man den Stellenwert dessen, was man säkular hätte bewerkstelligen können, unterschätzt hat und dementsprechend politisch nicht angegangen wurde. So hat auf beiden Seiten die Religion außerordentlich an Bedeutung gewonnen.

Wie solle sich Ihrer Meinung nach die israelische Politik ändern? Welche Optionen hat sie?

Moshe Zuckermann: Die israelische Politik muss den Weg des Friedens einschlagen. Allerdings hat sie sich dermaßen in eine Sackgasse hineinmanövriert, dass dies äußerst schwer wird.

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