"Cyber-Kalifat": Kommt jetzt der Cyberterrorismus?

14.01.2015

Lange hat es gedauert, bis der "Islamische Staat" auch den Kampf im Cyberspace aufgenommen hat

Terrorgruppen wie die Islamisten seit den Tschetschenen und al-Qaida haben nicht nur ihre Mord-, Anschlags- und Kampfeinheiten, sie haben, wie es der Terrorismus als "Propaganda der Tat" schon immer nahelegte, auch ihre Propaganda- und Medienabteilung. Wurden einst die Anschläge für Medien gemacht, um die Nachricht und die Bilder mit deren Hilfe zu verbreiten, so wurde später die Verbreitung der Informationen auch selbst in die Hand genommen. Anschläge, Exekutionen oder andere Taten werden gleichzeitig, wenn möglich, auch durch Kameras dokumentiert, vielmehr werden sie für Kameras inszeniert, wie dies der Islamische Staate zum Exzess vorgeführt hat.

Zu den Terrorgruppen haben auch immer Versuche gehört, Anschläge technisch zu optimieren, beispielsweise die traditionellen Sprengstoffanschläge mit chemischen, biologischen oder schmutzigen Waffen zu "optimieren". Dabei waren die Gruppen, sieht man von der japanischen AUM ab, bislang relativ erfolglos. Auch was das Internet betrifft, waren die Islamisten bislang wenig erfolgreich. Der Cyberterrorismus blieb bei den Versuchen stecken, die selbst produzierten Informationen gegen Zensurmaßnahmen im Internet und auf den sozialen Netzwerken möglichst weit zu verbreiten, auch als Maßnahme, um neue Mitglieder zu rekrutieren oder Sympathisanten anzuziehen, Gelder zu erlangen oder gegenüber anderen Gruppen in der Konkurrenz besser dazustehen.

Zwar gab es schon immer mal Hackergruppen aus islamischen Ländern, beispielsweise aus Pakistan, die Websites massenhaft überschrieben (defaced) haben, um Botschaften zu verbreiten. Erst im palästinensischen Aufstand vor 14 Jahren entstand aber eine kollektive "electronic Intifada", zu der Sympathisanten aufgerufen wurden und die teilweise von der Hisbollah getragen wurde. Teils erfolgreich wurden vor allem mit DDoS-Angriffen Websites der israelischen Regierung lahmgelegt (Intifada im Cyberspace, Kämpfe im Internet gehen weiter). Gleich wurde wieder von Cyberwar gesprochen, da israelische Hacker auch zurückgeschlagen haben.

Nachdem Hacker des "Islamischen Staats" nun Twitter- und YouTube-Konten des für die Kriegsführung in Syrien und im Irak zuständigen CentCom kurzzeitig knacken konnten, versucht das Pentagon den Vorgang herunterzuspielen. "Lediglich als Fall des Cybervandalismus" wird in einer Mitteilung die Aktion bezeichnet, man verweist darauf, dass davon nur kommerzielle Server betroffen waren, nicht aber solche des Pentagon. Gleichwohl beeilte man sich, beide Accounts so schnell wie möglich wieder zu betreiben: "We're back!". Auch YouTube ist wieder online.

Der Vorfall war vermutlich eher lapidar, allerdings veröffentlichte der IS oder eine Sympathisantengruppe eine Liste mit Namen, Telefonnummern und Emailadressen von Offizieren und Links zu Dokumenten, zudem wurden Videos auf den YouTube-Account hochgeladen. Mit der Drohung, IS sei schon in den Rechnern, machte man Stimmung, da man angeblich nun auch im virtuellen Raum den Krieg mit der Supermacht aufnimmt. Suggeriert wird damit, dass dies nur der erste Schritt sei. Kleinere Übungen zuvor scheinen dies auch nahezulegen.

"You'll see no mercy infidels. ISIS is already here, we are in your PCs, in each military base. … We won't stop! We know everything about you, your wives and children.

IS-Tweets

Peinlich war die Attacke für das Pentagon allemal. Das lässt sich auch daraus schließen, dass General Austin sich gestern offenbar genötigt sah, noch eine Mitteilung nachzureichen. Die Betroffenheit durch die Attacke scheint größer zu sein, als man zuerst zeigen wollte, offenbar sind Soldaten oder deren Angehörige besorgt. "Erhebliche Angst" hätte die Attacke bei Freunden und Familienmitgliedern ausgelöst, so der General, der versichert, dass man den Vorfall ernst nehme und alle Maßnahmen ergreife, das Personal zu schützen. Das FBI untersuche den Vorfall.

Austin wies aber noch einmal daraufhin, dass das Netzwerke von Centcom nicht betroffen war, dass keine geheimen Informationen in die Hände der Gruppe gekommen seien und dass auch "keine glaubwürdigen Drohungen gegen das Pentagon-Personal oder deren Familien" gemacht worden seien. Nach den Attacken in Paris, in New York und in Ottawa bestehe aber "leider die Bedrohung 'lone wolf'-Angriffen von Einzelnen". Allerdings scheinen doch nicht alle verlinkten Dokumente fei zugänglich gewesen zu sein.

Der General versichert, "unsere Menschen sind unsere wertvollsten Schätze und sie haben die höchste Priorität, was auch die Familienmitglieder einschließt". Aus dem lässt sich schließen, dass die Verunsicherung groß ist und dass selbst der Hackerangriff auf die YouTube- und Twitter-Accounts die gewünschten Folgen hat. Unklar ist, woher das "Cyber-Kalifat" die Liste und die Links auf die Dokumente hatte, darüber schweigt man sich im Pentagon aus, obwohl dies vermutlich die Unruhe in den eigenen Reihen erzeugt. Der Hack geschah zudem parallel zu einer Ankündigung von US-Präsident Obama, mit dem Verweis auf den Hack von Sony, für den die USA Nordkorea verantwortlich macht, für mehr Cyber-Sicherheit und Datenschutz sorgen zu wollen. Das macht allerdings auch klar, dass Daten nicht geschützt sind. Obamas Vorschlag geht u.a. auch nur dahin, dass Unternehmen zeitnah Kunden benachrichtigen sollen, wenn Daten von Hackern kompromittiert wurden. Dass die US-Geheimdienste dies permanent machen, erwähnte Obama lieber nicht.

Die Aufnahme des Kampfs im Cyberspace ist überdies wenig verwunderlich. Der Islamische Staat ist eine globale Gruppierung, die Teile Syriens und des Iraks besetzt hat. Mindestens 18.000 Kämpfer aus dem Ausland sind am IS beteiligt, darunter mehrere Tausend aus westlichen Ländern. Sie sind nicht nur mit digitaler Technik aufgewachsen, einige bringen auch die Kompetenz mit sich, nicht nur zur Werbung und Propaganda das Internet benutzen, sondern auch hacken zu können. Anonymous, wer auch immer das sein mag, hat erklärt, den Kampf gegen das CyberCaliphate aufzunehmen. Unter einer Kriegerklärung geht es nicht. Gewunden distanziert man sich von den Aktionen der US-Regierung, aber verurteilt ISIS und alles, was dem Internet aus dieser Richtung schadet.

Zu erwarten ist, dass der Islamische Staat, der in Kooperation mit al-Qaida im Jemen oder in Konkurrenz damit, die Anschläge in Frankreich für sich verbucht und sich auch die Cyber-Angriffe zuschreibt, den Cyberwar fortsetzen wird. Dabei geht es weniger um wirklichen Schaden, sondern um Aufmerksamkeit. Das zeichnet auch die Inszenierungen des IS aus. Der praktizierte Kult der Grausamkeit ist für den Zuschauer inszeniert, als ein Faszinosum. Das Archaische ist ganz modern, da täuschen sich vermutlich die Kommentatoren, schließlich sind die jungen Menschen mit Hollywoodfilmen, Computerspielen und zeitgemäßer Musik aufgewachsen. Sie wechseln nur die Ideologie und überführen die Fiktion in die Realität.

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