Der grüne Komet

18.01.2015

Die fernsten Fernen in Zeit und Raum - wie sehen sie aus? Eins steht fest: Sie haben nichts Menschliches an sich. Vielleicht werden es Verteilungen sein, Strukturen, durch die Materie und Energie, Masse und Kraft in einen Gleichgewichtszustand geführt sind, in denen sich Physik und Geometrie vereinigen.

Als schwereloser diffuser Ring schwebte er im Mittelpunkt seines achtdimensionalen Kontinuums und drehte sich langsam um die eigene Symmetrieachse. Die Negatronenströme kreisten in einer festen Ebene und bauten ein Feld auf, gerade stark genug, um Veränderungen der Raumkrümmung in den Pararäumen anzuzeigen. Aus seinem eigenen Raum waren keine Störungen zu erwarten. Längst hatte er alle Materie in sich aufgenommen und in das Gleichmaß seiner Nullwertstruktur überführt.

Der grüne Komet Lovejoy, entdeckt im August 2014. Bild: Nasa

Die Impulse waren unerwartet stark. Zuerst transformierte er sich in eine kugelsymmetrische Verteilung mit abfallender Ausstrahlung gegen den unendlich fernen Punkt, um die Koordination festzustellen. Dann zog er sich zusammen und schwang sich über den Pararaum in das sechsdimensionale hyperbolische Universum, aus dem die Schwingungen kamen. Er ließ sich in Form einer weit ausladenden Zykloide niedergleiten. Jede elektrische Erscheinung, selbst abgesättigte Kreisströme der Atomhülle, jede Kraftwirkung überhaupt, veränderte die Form.

In dieser Region des Pararaums trieben noch Klumpen metastabiler Materie. Er hatte vor, sie zu gegebener Zeit aufzunehmen. Aber nicht von ihnen kam die Störung. In einem Winkel entdeckte er eine hochorganisierte Struktur, ihm selbst nicht unähnlich, in der Gestalt einer Rotationszissoide. Es war ihm rätselhaft, woher sie gekommen sein konnte. Er streckte Akzeptoren aus, um sich über den Ordnungszustand des Fremden näher zu orientieren, zog sie aber eilends zurück, denn er vernahm niederwertige Zitterbewegungen. Hier gab es keine friedliche Verschmelzung, nicht einmal glatte Vereinigung.

Er umfasste den Gegner als gestrecktes Hohlellipsoid, doch der wich in den Pararaum aus und umklammerte den Angreifer, sodass sie ineinander hingen wie zwei Glieder einer Kette. Er überzog den Gegner als Oberflächenschicht, doch diesem gelang eine inverse Transformation, sodass der Angreifer selbst eingeschlossen war. Er wich in einen parallelen Nachbarraum aus, nahm die Gestalt des Gegners an und trat so zurück, dass er mit ihm zur Deckung kam. So zwang er ihn zur Entscheidung. Er wusste, dass eine Struktur, die Materie in hochentropischen Zustand überführt, seiner nullstabilisierten Organisation nicht gewachsen war. Quant um Quant zerschmolz er und wandelte sie in negatronische Singularitäten um. Er wuchs dadurch fast um ein Viertel seines Durchmessers.

Ihn interessierte der Weg seines Widersachers. Er breitete sich aus und holte die davoneilenden alten Impulse ein, um die Emissionszentren zu erfahren. Er fand die Übergangskoordinaten und tauchte in einen Raum, der ihm bisher entgangen war. Es war ein dreidimensionales Kontinuum, in einer vierten Dimension gekrümmt und geschlossen, und es war voll von primitiver Materie. Diesen Zustand durfte er nicht andauern lassen, er musste die Substanz, die hier noch zwischen Energie und Masse hin und her schwankte, befrieden, in das wunderbare Gleichmaß der negatronischen Ordnung einbeziehen. Er zog sich in dreidimensionale Form zusammen und flog als riesiger leuchtender Tropfen, eine grüne Spur hinter sich, auf die nächste Materiezusammenballung zu - einem Haufen von Körpern, die längs einer Spirale angeordnet waren.

Geschrieben 1960, erstmals publiziert im Band "Der grüne Komet" in der Reihe "Goldmanns Zukunftsromane", der ersten Science-Fiction-Buchreihe ebenfalls 1960, und einige Jahre später ein zweites Mal in der "Phantastischen Bibliothek" des Suhrkamp-Verlags.

55 Jahre später erscheint der Komet "Lovejoy" als diffus leuchtender grüner Fleck am westlichen Nachthimmel. Natürlich Zufall - oder hat sich da eine Vision erfüllt? Science-Fiction-Autoren wie Herbert W. Franke haben keine Visionen mit der Aussicht auf Erfüllung, aber immerhin genug Phantasie, um Situationen zu beschreiben, die phantastisch, aber prinzipiell möglich sind.

Herbert W. Franke ist nicht nur Buchautor, sondern auch Physiker, und er hat als erster auf die Existenz von Marshöhlen hingewiesen; das war keine Vision, sondern das Ergebnis von Schlüssen aus unserem Wissen über diesen Planeten (Höhlen auf dem Mars). Immerhin sind vor ein paar Jahren auf der Marsoberfläche Einbruchsöffnungen riesiger Höhlen fotografisch nachgewiesen worden (Marshöhlen – nun auch fotografisch nachgewiesen). Ist seine Beschreibung des grünen Kometen vielleicht doch eine Erscheinung, die sich einst verwirklichen wird? Die Chance dafür ist gering. Aber nichts muss uns daran hindern, das Auftreten des Kometen mit dem freundlichen Namen "Lovejoy" als einen Hinweis auf die Werkausgabe des Verlags p-machinery, Murnau, anzusehen, deren erster Band, eben "Der Grüne Komet", vor ein paar Wochen erschienen ist.

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