Ästhetik der Grausamkeit

17.01.2015

Die Bildsprache des Islamischen Staats ist westlich, aber die Opfer der Inszenierungen sind real

Der Islamische Staat inszeniert erneut seinen Kult der öffentlich zelebrierten Grausamkeit. Kaum hatte man sich gemeinsam mit Al-Qaida im Jemen zu den koordinierten Terroranschlägen in Paris bekannt und diese ausführlich propagiert, um dann einen "Cyberwar" gegen einen Twitteraccount des Hauptkommandos der US-Streitkräfte zu führen, als man wieder neue Bilder produzierte, die die Botschaft von IS verbreiteten.

Die perfide Medienstrategie von al-Qaida, die vom IS und seinem Vorläufer al-Qaida im Irak unter Sarkawi weitergeführt und perfektioniert wurde, besteht darin, reale Ereignisse zu inszenieren, um sie zu Bildern zu machen. Eigentlich sind die Islamisten ja gebunden durch das Bilderverbot. Dass sie dem angeblich folgen, sollte auch der Angriff auf Charlie Hebdo demonstrieren, es sollte ein Racheakt wegen der Veröffentlichung von Mohamed-Karikaturen sein.

Während hier das Bilderverbot sanktioniert wird, beherrscht die Islamisten eigentlich eine Bildersucht, sie schwelgen in Bildern, mit denen die sozialen Netzwerke überflutet werden. Überall müssen Kameras dabei sein, die aber nur genau regulierte Aufnahmen machen dürfen. Alles ist Pose, auch wenn die Opfer der rituellen Grausamkeit als Komparsen, als Schlachtvieh, herhalten müssen. Gezeigt wird der Furor der religiösen Reinigung, das Abschlachten und Vernichten von allem, was sich gegen die reine Lehre auflehnt oder auch nur von dieser abweicht. Wer nicht für uns ist, so IS in der Logik, die sich auch Ex-US-Präsident Bush zu eigen machte, der ist gegen uns (wenn er als Feind des Feindes nicht nützlich sein kann).

Der IS ist in seiner Bildproduktion, die Reales in Fiktives verwandelt, gleichzeitig archaisch und hypermodern, die Bildsprache ist westlich, sie wurde importiert, die erhabene Ästhetik gleicht der von Hollywood, die Technik erlaubt es, diese auch zu reproduzieren. Al-Qaida und IS sind auch keine lokalen Bewegungen, sondern internationale oder globale Gruppen, die nicht nur Menschen aus dem Westen mit ihren Kenntnissen, Erwartungen und kulturellen Formungen anziehen, sondern die wiederum die Terrorgruppe und ihr mediales Image prägen.

Bislang haben die Bildinszenierungen der Grausamkeit in Köpfungen, Massenexekutionen, Abschlagen von Händen oder Füßen oder dem Zeigen der blutigen Opfer gezeigt. Der IS führt cool und ohne Emotion aus, was auch im Film oder in den Thrillern durchgespielt und vorgeführt wird. Aber die Islamisten haben dasselbe Problem wie die westlichen Vertreter der grausamen Szenen, sie müssen die Grausamkeit, die Brutalität oder das Ausmaß der Vernichtung steigern, um noch Aufmerksamkeit zu finden. Sie müssen sich selbst überbieten, um weiterhin die blaue Blume in der Mediensimulation anzubieten. Pervers wird dies eben besonders bei den Islamisten, die die Überbietungsspirale nicht fiktiv weitertreiben, sondern real. Aber weil die gezeigte Realität eben fiktiv für die Zuschauer ist, ist der Zwang derselbe.

Vermutlich in Mosul haben IS-Mitglieder nun nicht nur eine Frau wegen Untreue gesteinigt und dies als Bild festgehalten. Sie haben nicht nur auf die öffentliche Inszenierung der Kreuzigung zurückgegriffen, um Diebe zu bestrafen, die sie dann, am Kreuz festgebunden, erschossen. Sie haben auch ein neues Spektakel erfunden. Angeblich homosexuelle Männer wurden von einem Turm von maskierten Männern in den Tod geworfen - Kameras und Öffentlichkeit waren dabei.

Gemeinhin wird angenommen, dass die Grausamkeit der Bilder, die wirkliche Grausamkeiten zeigen, der Abschreckung dienen sollen. Das wird eine Motivation sein, da die Rituale auch öffentlich stattfinden, also Zuschauer vor Ort wie im Mittelalter der Zeremonie des Strafens beiwohnen. Aber Grausamkeitsrituale sind auch immer Volksfeste und Unterhaltungsspektakel gewesen. Vielleicht sind sie heute auch etwas ähnliches wie Bungee-Springen oder andere Kitzel, die den Tod herausfordern: Ich kann es machen, ich kann nicht nur in Filmen sehen, was die Fantasie ausbrütet, ich kann sie auch in Wirklichkeit umsetzen, als öffentliches Spektakel. Ebenso wie die Angreifer in Paris die surrealistische Fantasie in ein Massaker umgesetzt haben:

Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen - der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.

Andrè Breton
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