"Maximierung des psychischen Einkommens"

14.02.2015

Nachdenken über Sex mit Mises und Marx - ein Interview mit Gérard Bökenkamp, Teil 1

In seinem Buch Ökonomie der Sexualität unternimmt der Historiker und Friedrich-Naumann-Stiftungs-Referent Gérard Bökenkamp den Versuch, die verschlungenen Pfade der menschlichen Sexualität entlang der Lehren von Ludwig von Mises und Friedrich Hayek zu deuten.

Herr Bökenkamp, Sie fassen Sex als Tauschbeziehung auf. Können Sie uns darlegen wo in der menschlichen Sexualität das Äquivalent zur "unsichtbaren Hand" von Adam Smith zu finden ist?

Gérard Bökenkamp: Die unsichtbare Hand beschreibt das Phänomen, dass Menschen den Nutzen ihrer Mitmenschen mehren, indem sie nach den Verwirklichung ihrer eigenen Interessen streben. Voraussetzung dafür ist, dass Eigentumsrechte und Vertragsfreiheit herrschen und dass keine Gewalt angewendet wird. Menschen verhandeln dann über den Austausch von Gütern und Dienstleistungen und das Tauschverhältnis zwischen diesen Gütern und Dienstleistungen ergibt sich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Im 20. Jahrhundert haben Ökonomen wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek diesen Ansatz weiterentwickelt.

Ein solcher freiwilliger Austausch, wie ihn Smith beschreibt, findet auch auf dem Beziehungsmarkt statt. Menschen können miteinander frei aushandeln, mit wem sie unter welchen Bedingungen eine Beziehung eingehen oder Sex haben wollen. Wie auf allen Märkten gibt es dort Suchvorgänge und permanente Aushandlungsprozesse - und die Verhandlungsposition hängt auch von Angebot und Nachfrage ab. Wenn ich zum Beispiel ein heiratswilliger Mann in einer Gesellschaft voller überzeugter Single-Frauen bin, werde ich weit mehr an Zeit, Aufwand und Geduld investieren und mich mehr um die potentielle Partnerin bemühen müssen, als wenn ich der einzige Mann in einer Gesellschaft voller heiratsbegeisterter Frauen bin.

Foto: © Privat

Und was hat Sexualität mit den Lehren von Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek gemein?

Gérard Bökenkamp: Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek waren keine Nur-Ökonomen. Das heißt sie sahen den Geltungsanspruch ihrer Theorien nicht auf die üblichen Felder, mit denen sich Ökonomen beschäftigen, beschränkt (wie Börse, Banken, Unternehmen und internationalen Handel), sondern sie hatten den Anspruch, menschliches Verhandeln und die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt zu erklären. Ludwig von Mises stellt die These auf, dass jedes Handeln zweckrationales auf die Zukunft ausgerichtetes Handeln ist - und Hayek beschreibt Wettbewerb als Entdeckungsverfahren in einem System allgemeiner Regeln. Ihrem eigenen Anspruch nach muss sich ihre Theorie also auf allen relevanten sozialen Feldern bewähren. Darum liegt es nahe, die Relevanz ihrer Theorien auf einem für uns Menschen so wichtigem Feld wie der Sexualität zu testen.

"Eine Theorie aus einem Bereich auf einen anderen anzuwenden hat Vorteile"

Sie schreiben: "Die Vielzahl von Handlungen und Verhandlungen zwischen Individuen bilden einen Markt, einen Markt für Sex, Intimität und romantische Beziehungen. Die Verhandlungspositionen auf diesem Markt ergeben sich aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage." - Warum halten Sie es für wissenschaftlich legitim, theoretische Befunde aus einer bestimmten Sparte der Wirtschaftswissenschaften eins zu eins auf die Bereiche der Biologie und Anthropologie zu übertragen?

Gérard Bökenkamp: Der Ökonom Gary Becker hat für seine ökonomische Erklärung für Phänomene wie Familie, Reproduktion, Diskriminierung und Einwanderung den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen. Aber auch in der Sozialanthropologie ist die Anwendung einer bestimmten Theorie auf ein soziales Feld gängige Praxis. Die Funktionalisten wie Bronislaw Malinowski haben zum Beispiel auf neoklassische Ansätze des Ökonomen Alfred Marshall zurückgegriffen, um die Funktionsweise vormoderner Völker zu analysieren. Claude Meillassoux und Maurice Godelier haben dasselbe mit marxistischen Konzepten getan. Claude Lévi-Strauss hat Theorien der Sprachwissenschaft verwendet um die Strukturen der Verwandtschaft zu beschreiben. Marvin Harris hat mit der materialistischen Kulturtheorie religiöse Phänomene wie die "heilige Kuh" in Indien erklärt.

Eine Theorie aus einem Bereich auf einen anderen anzuwenden, hat zwei Vorteile. Einmal kann man damit die Aussagekraft und Reichweite der Theorie testen. Das ist wie ein Experiment. Die Frage lautet: Ergibt sich bei der Anwendung bestimmter theoretischer Annahmen ein vollständiges Bild oder sogar ein klareren Bild als bei der Anwendung anderer Theorien. Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, dann stößt der Wissenschaftler möglicher Weise auf Phänomene, die mit dem bisherigen Erklärungsansatz so nicht wahrgenommen wurden. Es ist so als wenn man unterschiedliche Brillen aufsetzt: Bestimmte Dinge sieht man schärfer, andere vielleicht weniger scharf.

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