Fachkräftemangel: Mehr Schein als Sein?

Wie in der Tagesschau Nachrichten gemacht werden

"Recherche, bestmögliche Recherche, und dann Zusammenhänge erklären." So lautet das Credo von ARD-aktuell, der zentralen Nachrichtenredaktion des Senders. Wie ihr Flaggschiff, die Tagesschau, dieses in die Praxis umsetzt, illustriert ein am 2. Januar gesendeter Beitrag (ab 5:30). Was nicht passt, wird passend gemacht: die angebliche Verschärfung des "Fachkräftemangels" durch den "demografischen Wandel" und die Rente mit 63 sowie die "freiwillige" Rente mit 70 als alternativlose Antwort darauf. Wie schlimm es an der Basis aussieht, bezeugt eine mittelständische Unternehmerin, deren Probleme sich bei näherem Hinsehen zum großen Teil als Hirngespinste entpuppen.

Screenshot aus dem tagesschau-Beitrag zum Fachkräftemangel

Nach der "Politikverdrossenheit" hat zuletzt auch die "Medienverdrossenheit" Eingang in die öffentliche Debatte gefunden. Eine vom NDR-Medienmagazin Zapp in Auftrag gegebene Studie, ergab kürzlich, dass 15 Prozent der Deutschen gar kein und 54 Prozent nur noch wenig Vertrauen in die Medien haben. Einige führende Medienvertreter versprachen daraufhin, darüber nachzudenken, so etwa Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Nicht so Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, der erklärte, die Umfrageergebnisse würden "nichts daran ändern, dass wir jeden Tag nach bestem Wissen und Gewissen Nachrichten machen, dass wir das tun, was Journalismus ausmacht, nämlich Recherche, bestmögliche Recherche, und dann Zusammenhänge erklären."

Für viel Wirbel hatte zuvor schon die Rüge des ARD-Programmbeirats an der Ukraine-Berichterstattung des Senders gesorgt. Doch die vernichtende Kritik prallte an den ARD-Führungsgremien ab. Deutlich feinfühliger zeigte sich Gniffke jetzt, als er sich postwendend für einen Kameraschwenk über die Beine der FDP-Politikerin Katja Suding in der Tagesschau entschuldigte. Merke: Wenn es um Political Correctness geht, verstehen die Programmverantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Konsensmaschine keinen Spaß. Zugegeben, eindeutige Falschmeldungen werden gelegentlich berichtigt, die tieferen Ursachen des Vertrauensverlustes in die Medien jedoch konsequent ausgeblendet.

Der Anspruch von ARD-aktuell, objektiv und wertungsfrei Informationen zu liefern, und die täglich gesendete Realität klaffen weit auseinander, ohne dass es den Programmmachern auffällt. Denn unter Objektivität verstehen sie die Verständigung auf allgemeinverbindliche Sprachregelungen und die Orientierung am politischen Mainstream, wie es der Medienkritiker Walter van Rossum in seinem Buch "Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht" (2007) treffend analysiert hat. Diese Haltung schlägt sich naturgemäß auf die Recherche und den Aufbau der Beiträge nieder. Deutlich wird dies an einem gut dreiminütigen Beitrag, der am vergangenen Freitag in der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau gesendet wurde.

Einstiegssatz des Tagesschau-Sprechers Jan Hofer: "Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet mit einer weiteren Verschärfung des Fachkräftemangels in der deutschen Wirtschaft." Vorausgesetzt wird also, dass es einen Fachkräftemangel gibt. Weiter Jan Hofer: "Eine Studie zeige, dass in besonders betroffenen Berufen während der nächsten 15 Jahre mehr als zwei Millionen Arbeitnehmer in den Ruhestand gingen. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Weise, schlug vor, Arbeitnehmer künftig auf freiwilliger Basis bis 70 im Beruf zu halten. Hierzu müssten Anreize geschaffen werden."

Die Sprecherin des Beitrags, Marion Kerstholt, bestätigt am Ende noch einmal: "Klar ist, der Fachkräftemangel wird eine große Herausforderung." Dazwischen darf Frank-Jürgen Weise in drei Sätzen seine Idee begründen, die ihm wohl ganz spontan gekommen sein muss, nachdem er von der Studie erfahren hat. Damit der Anschein der Ausgewogenheit gewahrt bleibt, liefert Annelie Buntenbach vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds ebenfalls in drei Sätzen eine lauwarme Entgegnung ab.

Ganz am Rande erfahren wir, dass die eingangs erwähnte Studie vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) durchgeführt wurde. Und natürlich tritt auch eine Betroffene auf. Kerstholt führt sie wie folgt ein: "Viele Unternehmen suchen qualifizierte Mitarbeiter, immer häufiger ohne Erfolg, wie die Mönchengladbacher Haustechnikfirma Haaß. Sie hat 42 Mitarbeiter, sucht aber noch Verstärkung."

O-Ton Kathrin Haaß, Geschäftsführerin des Heizungs- und Sanitärbetriebs Haaß: "Wir haben zum einen das Problem, aktuell durch den demografischen Wandel, dass uns vermehrt Auszubildende fehlen und zum anderen brechen sie uns ab dem Alter von 63 weg. Das heißt, sprich, auf beiden Seiten haben wir das Problem, dass uns Mitarbeiter fehlen." Die Beweiskette, ausgehend von der IW-Studie, ist damit scheinbar geschlossen. "Seht her, da haben wir es", denkt sich der Zuschauer, wie die Öffentlich-Rechtlichen sich ihn wünschen.

Geht es eigentlich nicht um den Fachkräftemangel, sondern um die Rentenversicherung?

Kritische Medienkonsumenten belassen es nicht dabei, sondern informieren sich zusätzlich aus "dubiosen Internetquellen", wie Vertreter der etablierten Medien gerne beklagen. Zum Beispiel bei Wikipedia, wo es über das IW gleich im ersten Satz heißt, dieses sei "eine arbeitgebernahe advokatorische, d.h. Ideen vermarktende Denkfabrik." Was darunter zu verstehen ist, erfahren wir einen Klick weiter: "Advokatorische Denkfabriken betätigen sich selten forschend, ihre Hauptfunktion besteht in der Vermarktung und Neuverpackung von Ideen. Sie vertreten eine bestimmte politische oder ideologische Linie, die aggressiv beworben wird, um politische Debatten zu beeinflussen."

Schon erscheint der Tagesschau-Beitrag in einem ganz anderen Licht. Und es werden Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel diese: Warum beauftragt das SPD-geführte Wirtschaftsministerium - jene Partei, die gerade erst die Rente mit 63 durchgesetzt hat - so ein Institut mit einer Studie zu einem Thema, zu dem schon unzählige Studien vorliegen? Warum fragt Sigmar Gabriel nicht einfach die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit (BA), das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)? Dieses konnte bislang keinen flächendeckenden Fachkräftemangel feststellen, während das IW aktuell in 139 von 615 Berufen "Engpässe" erkannt haben will.

Zweifel an der Zielrichtung der nebulösen Vorschläge von BA-Vorstand Weise nähren die auch in durchaus seriösen Internetquellen kursierenden Zahlen zur Beschäftigung Älterer. Danach waren 2013 gerade einmal 22,4 Prozent der 63-Jährigen und 17,3 Prozent der 64-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Demnach scheint sich das Interesse der Wirtschaft an älteren Arbeitskräften immer noch in engen Grenzen zu halten.

Geht es Weise also in Wahrheit eher um die Rentenversicherung? Spricht er doch davon, "auch" im Hinblick auf den Arbeitsmarkt erscheine es "notwendig, dass Menschen, die das wollen, freiwillig länger arbeiten als das bisher gedacht war". Was die Freiwilligkeit und die in Aussicht gestellten Anreize betrifft, besteht durchaus Grund zur Skepsis. Gilt es doch schon jetzt, "freiwillig" privat für die Rente vorzusorgen. Wer sich das nicht leisten kann, hat eben Pech gehabt.

Die Firma Haaß war ein denkbar ungeeigneter Kronzeuge den Tagesschau-Beitrag

Zurück zur Geschäftsführerin der Firma Haaß, der Kronzeugin unseres Tagesschau-Beitrags. Wenn ihr Unternehmen "aktuell" so schwer vom "demografischen Wandel" und von der Rente mit 63 getroffen ist, dann doch sicher, weil viele der Beschäftigten schon kurz vor der Rente stehen. Denkste! Ein kurzer Blick auf die Website der Firma Haaß weckt bereits leise Zweifel. 14 der 42 Mitarbeiter sind Auszubildende. Kaum einer der Beschäftigten, die fast alle mit Foto vertreten sind, wirkt wie ein angehender Rentner. Gewissheit verschafft eine E-Mail-Anfrage an Kathrin Haaß. Hier ihre Antwort:

Unser Unternehmen hat ein Durchschnittsalter von 29, weil wir ständig ausbilden und die fertigen Gesellen auch oftmals übernehmen. Aktuell haben wir keine Mitarbeiter über 60 Jahren, da sich in den letzten Jahren welche in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet haben. Die Rente mit 63 können sich alle Mitarbeiter vorstellen - das bedeutet für uns im Vergleich zur Rente mit 67 bei 42 Mitarbeitern einen Verlust von 168 Arbeitsjahren. Als Grund, um noch nicht mit 63 Jahren in Rente zu gehen, wird oftmals das fehlende Geld genannt.

Wenn es hier überhaupt ein gravierendes Problem gibt, dann besteht es also höchstens darin, dass viele Mitarbeiter sich schon vor dem Erreichen des 63. Lebensjahrs in den Ruhestand verabschieden. Zumindest derzeit noch, in Zukunft dürften sich das wohl, aufgrund des sinkenden Rentenniveaus und der Rente mit 67, nicht mehr allzu viele Beschäftigte leisten können.

Auch auf der anderen Seite der Altersskala erscheint die Situation bei der Firma Haaß zumindest nicht gar so dramatisch wie behauptet - wenn man nachfragt. Haaß berichtet von nur 15 Bewerbungen auf fünf Lehrstellen im vergangenen Jahr, was noch über dem Branchenschnitt liege. "Wir bilden jedes Jahr konsequent zwischen zwei und fünf Auszubildende aus und sind damit im Raum Mönchengladbach der größte Ausbilder in unserer Branche." Einige kleinere Unternehmen hätten gar keine Bewerbungen erhalten.

Des Weiteren beklagt Haaß die abnehmende Qualität der Bewerber. Bedarf an neuen, bereits ausgelernten Mitarbeitern bestehe derzeit nicht. Die Aussage von Kerstholt, wonach das Unternehmen "noch Verstärkung" suche, ist daher bestenfalls als Halbwahrheit einzustufen, denn es sucht lediglich für das kommende Ausbildungsjahr neue Auszubildende, so wie jedes Jahr.

Die Firma Haaß ist demnach ein denkbar ungeeigneter Kronzeuge für unseren Tagesschau-Beitrag. Warum wurde sie also dafür ausgewählt? Vielleicht bot sie sich einfach an, weil der Geschäftsinhaber Georg Haaß als Obermeister der Innung Sanitär-Heizung-Klima Mönchengladbach fungiert. Warum lange nach einem passenden Stichwortgeber suchen, wenn es doch eh nur darum geht - eben die passenden Stichwörter abzuliefern, damit die ungefilterten Verlautbarungen aus Politik und Wirtschaft noch glaubhafter wirken?

Eine fallbezogene Recherche zwecks Erklärung von Zusammenhängen, wie von Gniffke propagiert, hätte Folgendes ergeben: Nach Angaben des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in diesem Handwerk im vergangenen Jahr um 3,2 Prozent angestiegen. In manchen Regionen ist dennoch ein Mangel an Nachwuchskräften spürbar. Dies zeigt sich daran, dass in einigen Bundesländern inzwischen die Ausbildungsvergütungen deutlich angehoben wurden. Auf ein hausgemachtes Problem wies indes Albert Kohl, Sanitärunternehmer aus Bobingen bei Augsburg, hin: "Viele ausgelernte Gesellen" landeten "in Zeitarbeitsverträgen ohne Weiterbildung […], aus denen sie nur schwer den Wiedereinstieg in ein direktes Beschäftigungsverhältnis bei einem Fachbetrieb finden." An seine Innung appellierte er, auch solchen Bewerbern eine Chance zu geben.

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Hg. Florian Rötzer
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