Auswanderung aus Israel: "politische und soziale Klaustrophobie"

01.02.2015

Ein Teil der säkularen und liberalen jungen Generation ist frustiert von den gegenwärtigen Realitäten des Landes

Israels ehemaliger Ministerpräsident und Verteidigungsminister Ehud Barak nannte das Land einst "eine Villa im Dschungel" des Nahen Ostens. Die blutigen Umwälzungen der vergangenen Jahre in Israels unmittelbaren Nachbarländern, allen voran der andauernde Bürgerkrieg in Syrien, scheinen Baraks Metapher Recht zu geben.

Dennoch ist ein wachsender Teil der jungen Generation unzufrieden mit der Situation im Land und spielt mit dem Gedanken auszuwandern. Laut einer Umfrage der Tageszeitung Haaretz ziehen fast 40% der jungen Israelis in Erwägung, das Land zu verlassen, sollte sich ihnen die Gelegenheit dazu eröffnen.

Im vergangenen Jahr schlug eine Kampagne, die Israelis zur Auswanderung nach Berlin aufrief, hohe Wellen im Land. Initiator der Kampagne war der 25jährige Israeli Noar Yarkis, der vor gut einem Jahr mit seiner Familie nach Berlin umzog. Seine Argumentation war eindeutig: Er fotographierte die Rechnung seines Supermarkt-Einkaufs in Berlin und stellte den Kassenzettel in die sozialen Netzwerke. In Israel, wo die Lebenshaltungskosten verglichen mit anderen westlichen Ländern extrem hoch sind, fand die Aktion binnen kurzer Zeit viel Zustimmung in den sozialen Netzwerken.

Die meisten Auswanderer haben einen hohen Bildungshintergrund

Doch auch wütende Reaktionen blieben nicht aus. Wegen den Preisen für Joghurt das Land zu verlassen, sei schamhaft, so argumentierten nicht wenige. Das Thema der Auswanderung ist ein sensibles im Einwanderungsland Israel. Es ist noch nicht allzu lange her, als Yitzhak Rabin Auswanderer "Weicheier" nannte. Zu seiner Zeit galt Auswanderung in weiten Kreisen der israelischen Gesellschaft noch als Verrat an der zionistischen Sache. In der jüngsten Debatte hingegen war das das Verständnis, welches auswanderungswilligen jungen Menschen entgegengebracht wurde, deutlich größer.

Aktuelle Studien und Umfragen unter auswanderungswilligen jungen Israelis sagen einiges über die breiteren Trends in der israelischen Gesellschaft aus: Es seien vor allem Menschen aus einem säkularem, liberalen Familienhintergrund mit hohem Bildungsstand, die Auswanderung als Option betrachten, so Artur Pacalet, der an an der Universität Tel Aviv seine Abschlußarbeit über israelische Auswanderung schreibt.

Seine Befragungen auswanderungswilliger Menschen seien immer wieder auf den gleichen Tenor hinausgelaufen. Er spricht von "einer Form politischer und sozialer Klaustrophobie", welche viele gebildete, säkulare junge Israelis empfinden.

Der immer wieder genannte ökonomische Aspekt der hohen Lebenshaltungskosten sei nur ein Teilaspekt, wenn auch ein gewichtiger. Das hohe Mietniveau und die generell hohen Lebenshaltungskosten machten es für die meisten jungen Leuten nahezu unmöglich Geld zu sparen und für die Zukunft zu planen. Dies hinterlasse auch bei arbeitenden jungen Israelis den Eindruck fortdauernder Prekarität.

Ein überfülltes, angespanntes Land

Zu den ökonomischen Herausforderungen kommt laut Pacalet die Wahrnehmung räumlicher und sozialer Klaustrophobie. Das Land ist klein, und abgesehen von der Negev-Wüste im Süden sehr dicht besiedelt. Die Busfahrt von Tel Aviv nach Jerusalem dauert nur eine Stunde, doch die wenigsten liberalen jungen Israelis können sich vorstellen, im konservativen, religiösen und spannungsgeladenen Jerusalem zu wohnen.

So herrscht bei einem Großteil der gebildeten und liberalen jungen Generation die Auffassung, dass Tel Aviv der einzige Ort zum Leben sei. Doch obwohl die Stadt das wirtschaftliche Zentrum des Landes ist, sei es dort üblich, dass in vielen beruflichen Feldern jeder jeden kenne - was das Gefühl sozialer Eingeengtheit verstärke, so Pacalet.

Ein ebenso wiederkehrendes Motiv in Gesprächen mit jungen Israelis, sei die Spannung und latente Gewalt, welche die Gesellschaft präge. Dabei ist laut Pacalet nicht nur das direkte Gewaltrisiko durch Anschläge oder den Gaza-Krieg im vergangenen Sommer entscheidend, sondern auch die Polarisierung der Gesellschaft, welche als Konsequenz dessen entstehe. Er schreibt:

Es sind nicht nur Terroranschläge oder Krieg, welche die Gewalt in unsere Gesellschaft tragen, sondern auch die gegensätzlichen Meinungen, wie darauf zu reagieren ist. Die Gesellschaft ist nicht nur ökonomisch und in der Frage der Religiösität extrem polarisiert, sondern auch im Hinblick auf politische Ansichten.

Ein Beispiel für diese extreme Polarisierung der politischen Ansichten sind die Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg im vergangenen Sommer in Tel Aviv und Haifa, welche von rechten Gegendemonstranten angegriffen wurden.

"Nur noch die Nationalreligiösen sind bereit, für das Land zu kämpfen und zu sterben"

So hat die Haaretz-Studie auch rausgefunden, dass die potentiellen Auswanderer nicht nur einen hohen Bildungsstand haben, sondern sich mehrheitlich auch dem politischen Lager der Mitte und links der Mitte zugehörig fühlen. Israelis, welche sich als politisch rechts oder religiös konservativ verstehen, ziehen eine Auswanderung weitaus seltener in Betracht. Für sie spielt die jüdische Identität eine größere Rolle in ihrem Selbstverständnis - und sie sehen Israel als den zentralen Ort für Juden in der Welt an.

Unter Israelis aus dem religiösen oder rechten Lager sei auch die Akzeptanz gegenüber den regelmäßigen Eskalationen der Gewalt deutlich höher, schreibt der liberale Journalist Roger Alpher. Er gibt diese Einschätzung überspitzt mit folgenden Worten wieder:

Wenn ich über Auswanderung nachdenke, versuche ich realistisch zu sein, genauso wie Renten-Minister Uri Orbach (Anm.: welcher der nationalreligiösen Partei Habayit Hayahudi angehört). Er behauptet, dass wir uns darauf einstellen müssen, dass in unserem Leben und dem unserer Kinder alle paar Jahre ein Krieg stattfinden wird, in dem auch Zivilisten ums Leben kommen. Er hat recht. Raketen werden auch weiterhin auf uns geschossen werden - wegen Siedlern wie ihm und radikalen arabischen Gruppen wie der Hamas und der Hisbollah.

Die Einschätzung, dass die Nationalreligiösen und Ultra-Orthodoxen in der israelischen Gesellschaft auch weiterhin an Einfluss gewinnen, wird von vielen liberalen Israelis geteilt. Der 39-jährige Yonatan Knoll ist in einem Kibbutz aufgewachsen und arbeitet an der Physik-Fakultät der Universität Haifa. Er sagt: "Im Gegensatz zur Generation meiner Eltern sind es heute nur noch die Nationalreligiösen, die bereit sind für das Land zu kämpfen und zu sterben." Diese könnten über kurz oder lang einflussreiche Positionen besetzen - was wiederum liberale Israelis wie ihn letztendlich zur Auswanderung bewegen könnte.

Wenn ein Nationalreligiöser Präsident wird und über Krieg und Frieden entscheidet, würde ich meine Kinder nicht zur Armee schicken. Doch in diesem Falle müsste ich auch darüber nachdenken, das Land zu verlassen.

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