Der Fluch über Dresden

28.01.2015

In Dresden gehört die Angst längst zum Alltag

Zehntausende Dresdner warnten am Montag vor Pegida. Dabei gehört Rassismus dort längst zum Alltag. Ein Besuch bei Migranten, die zunehmend Angst um ihre Sicherheit haben – und um ihre Stadt. Mit oder ohne Toleranz-Konzert.

Wer sich das ganze Drama, das sich seit Pegida in Dresden abspielt, in einer unterunterbrochenen Rede aus Wut, Frust und Hoffnungslosigkeit anhören will, muss Denise Sousa besuchen. Die Brasilianerin, Mitte 40, sitzt am Küchentisch ihrer Wohnung in Dresden-Johannstadt und redet. Über ihre Stadt, in der sie Freunde gefunden hat "wie sonst nirgends auf der Welt". Eine Stadt, in der sie sich immer öfter nicht aus dem Haus traut.

Es ist der Montag. Jener Tag, an dem zehntausende Dresdner Farbe bekennen wollen: gegen Pegida, dagegen, dass eine Gruppe fremdenfeindlicher Wutbürger zunehmend das Image der Stadt ruiniert. Und der Tag, an dem es vor der Frauenkirche Grönemeyer, Silly und Sarah Connor für lau gibt.

Denise Sousa. Bild: F. Köhler

"Plötzlich gibt es Hass überall. Plötzlich liegt ein Fluch über Dresden", sagt Sousa, schenkt einen Pott Kaffee ein und beeilt sich, hinterher zu schieben, dass nicht alle Dresdner so seien, sie doch Dresden immer geliebt habe. Über ihr hängen hunderte selbst gemachte Samba-Kostüme. Wer in Dresden eine Tänzerin für den Karneval oder seinen Jungessellenabschied sucht, stößt schnell auf die kleine Brasilianerin, die im Jahr 2000 in die Stadt kam, wegen des Geldes nach Berlin und Frankfurt ging, wegen der Freunde wieder zurückkam und nun abermals überlegt, der Stadt den Rücken zu kehren.

"Die Menschen hier verdienen diesen Ruf nicht. Meine Freunde sind keine Ausländerfeinde", sagt sie und berichtet von ihrem kleinen Restaurant, das sie schließen musste, nachdem sich mit Beginn der Pegida-Proteste die sexistischen und rassistischen Belästigungen gehäuft hatten. Von der Polizei, die nichts unternahm. Von einem Freund, der sie eines Montagabends warnte, besser nicht mehr auf die Straße zu gehen.

Dass sich das Klima in seiner Stadt verändert hat, bestätigt auch Viktor Vincze. Der 1,90 Meter große aus Ungarn stammende Mann ist Vorsitzender des Dresdner Ausländerbeirates. "Das einzige von Migranten selbst gewählte Gremium in Dresden", betont er stolz. "Pegida hat ein Ventil geschaffen. Die Leute können jetzt frei sagen, dass sie etwas gegen Ausländer haben." Fast täglich berichteten ihm Migranten von Anfeindungen: muslimische Frauen, die auf der Straße bespuckt werden. Dunkelhäutige, die aufgefordert werden, in "ihre Heimatländer" zurückzukehren.

Viktor Vincze. Bild: F. Köhler

Vincze gehört zu jenen Dresdnern, die schon gegen Pegida auf die Straße gingen, als das Bündnis "Dresden Nazifrei" allenfalls ein paar hundert Antifas mobilisieren konnte. Auch am Montagabend wird er wieder seine Rede halten, wie "wichtig es ist, Gesicht zu zeigen". Darüber, dass es "notwendig ist, jeden Tag etwas zu tun, nicht nur montags". Dass es "nicht reicht, einmal in der Woche ein Schild hoch zu halten".

Dass sich das Leben in Dresden durch Pegida verändert hat, belegen auch offizielle Zahlen: Das ARD-Magazin "Report Mainz" hat Zahlen von Presseberichten, Polizeimeldungen und Chroniken der Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) ausgewertet. Demnach hat sich die Zahl rassistisch motivierter Übergriffe seit der ersten Pegida-Kundgebung gegenüber dem Vorjahreszeitrum verdoppelt. Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl berichtet, die meisten Übergriffe habe es in Sachsen gegeben. Erst am Sonntagabend wurde in Dresden ein libyscher Mann auf der Straße angegriffen. Einer der Täter habe den Hitlergruß gezeigt sowie "Ausländer raus!" und "Deutschland den Deutschen!" skandiert, wird berichtet.

Auch Denise Sousa kennt rassistische Gewalt. Anfang 2013 ging ihr Name durch die Presse Während des Karnevalsumzug in Radeburg schlugen sie mehrere Männer zusammen. Regelmäßig werde sie auf der Straße rassistisch beschimpft: "Ich frage mich, was sind das für komische Leute? Ich bin Christin und ich habe muslimische Freundinnen mit Kopftuch hier in Dresden. Wir gehen zusammen einkaufen. Ich kann nicht verstehen, warum die diesen Hass verbreiten", erzählt sie und schwärmt von den Stadtvierteln in Sao Paulo, in den Menschen "in der dritten Generation Japanisch oder Italienisch" sprechen: "Niemals kämen wir auf die Idee, dagegen zu demonstrieren."

Gebetsraum in Dresden. Bild: F. Köhler

Man muss lange suchen, um in Dresden muslimisches Leben zu finden. Gäbe es die von Pegida befürchtete Islamisierung, ihre Zentrale wäre wohl ein ebenso winziger wie trister Flachbau mit einem im Keller versteckten islamischen Gebetsraum. Nur wenige Gehminuten von jenem Ort entfernt, an dem seit drei Monaten Dresdner die Angst vor dem Islam schüren, sitzt Sami Ibrahim auf der weinroten Auslegeware. Mehrere hundert Muslime sollen sich hier manchmal zum Gebet drängen. An diesem Montagabend sind es nicht einmal ein Dutzend.

"Wir haben jeden Montag die letzten beiden Gebete abgesagt, zum Schutz der Leute, die zu uns kommen", erzählt Ibrahim mit ruhiger Stimme und stellt Kaffee und Kekse auf den Tisch. Ibrahim ist einer der Organisatoren der Mostafa-Moschee. "Die Menschen sind durch Pegida unfreundlich geworden", stellt auch er fest. Dass nun auch Ministerpräsident Tillich gesagt hat, dass der Islam nicht zu Sachsen gehöre, beunruhigt ihn. "Überall liest man davon, die Ängste dieser Pegida-Leute ernst zu nehmen, aber wer nimmt unsere Ängste ernst?" Aber auch Ibrahim hat nicht nur Angst um sich, sondern auch um seine Stadt: "Die guten Leute von uns ziehen weg, die Ärzte und Ingenieure. Was wird aus Dresden, wenn es keine Zuwanderer mehr gibt?"

Die Frage, was aus dieser Stadt werden soll, versuchen auch die vielen Redner am Abend auf dem Dresdner Neumarkt zu beantworten: weltoffen, bunt, tolerant. 250 Musiker. 22.000 Dresdner haben sich versammelt. Das fast einstimmige Bekenntnis an diesem Abend: Der Islam, nicht aber Pegida, gehöre zu Dresden. Nur als als eine junge Frau mit Kopftuch auf der Videoleinwand erscheint, skandieren einige: "Wir sind das Volk." Sousa ist an diesem Abend zu Hause geblieben. Nicht aus Angst, sondern weil sie noch ein Samba-Kostüm fertig nähen muss: "Weißt du, oft machen die Leute nur Affenlaute, wenn ich vorbeilaufe. Das ist nicht schlimm, das ist Alltag in Dresden."

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