Der Geschäftsbericht von Al-Qaida in Jemen

29.01.2015

Regeln für den "Islamischen Staat"

Wenn man ein staatliches Gebilde verwalten will, braucht man Bürokratie und Bürokraten. Das ist unlängst vom Islamischen Staat deutlich geworden, als eine Einheit des irakischen Geheimdienstes im Juni des letzten Jahres, als Mosul noch nicht in den Händen des IS war, dort den hohen IS-Führer Abdel Rahman al-Bilawy tötete und auf USB-Sticks und Festplatten zahlreiche Dokumente fand. Sie zeigen, dass der IS nicht nur kämpft, sondern eben auch eine Krankenversicherung, Heiratsbeihilfen und Unterstützungszahlungen für die Familien getöteter oder inhaftierter Kämpfer eingerichtet hat. Waffenkäufe werden säuberlich aufgelistet wie diejenigen, die sie erhielten.

Bekannt wurden jetzt einige Anweisungen vom November 2014 für die Provinz Deir az-Zor in Syrien, die auch alltägliche Bereiche regeln. So werden die Muslime, die unter der Kontrolle des IS leben, daran erinnert, dass für die Gebetszeiten die "alte Zeitordnung (Sommer) gilt. Wer Apotheken betreibt oder in einer solchen arbeitet, muss einen Abschluss erlangt haben und diesen vorlegen. Verordnet wird überdies, dass der Gewinn nicht mehr als 20 Prozent betragen darf. Der Diwan al-Siha, die Gesundheitsbehörde des IS, legte angesichts der schwierigen Situation des Landes und zur Vermeidung von Unsicherheiten und Willkürlichkeiten Höchstpreise im medizinischen Bereich für Kaiserschnitt (15.000 syrische Pfund) und für eine normale Geburt (10.500) fest, inklusive einer 12-stündigen Pflege des Kindes nach der Geburt.

Weil Fischer am Euphrat zu wenig kontrolliert wurden und einige so gierig waren, "auf verbotene Weise und für das Leben der Menschen, der Fische und der Umwelt zu fischen", wurden weitere Verbote verhängt. So darf nicht mit Strom, Sprengstoff oder Giften gefischt werden. Verboten ist der Fischfang auch in Zeiten der Fortpflanzung, weil dies den Fischbestand bedroht. Alle werden gebeten, sich daran zu halten, da dies "im Interesse des Islamischen Staats und aller Muslime ist".

In Mosul wurden Politische Wissenschaften, Schöne Künste und das Kolleg für Menschenrechte an der Universität abgeschafft. Auch Archäologie, Sport und Philosophie darf es angeblich nach der Scharia nicht geben. Und Touristik will man auch nicht. Thematisiert werden dürfen Demokratie, Kultur, Freiheiten, Rechte nicht. Fragen über Prinzipien des Nationalismus, über Rassismus, "pseudhistorische Ereignisse" oder geografische Aufteilungen sind auch nicht erwünscht. Mit Humanismus und Aufklärung hat die Scharia des IS nichts zu tun, es ist pure Indoktrination.

Das Cover des neusten Inspire-Magazins droht mit Anschlägen auf Flugzeuge.

Al-Qaida im Jemen (AQAP), für einige Zeit die aktivste Terrorzelle, bis sie vom IS überholt wurde, hatte mit dem aus dem USA stammenden Imam Anwar al-Awlaki einen international wirkenden Führer. Mit der durch ihn entwickelten Medienstrategie, u.a. durch das PDF-Magazin Inspire in westlicher Ästhetik und englischer Sprache, wurden Rekruten aus aller Welt angelockt. In den USA galt AQAP als gefährlichste Gruppe, da immer wieder versucht wurde, in den USA Anschläge zu begehen, und Anhänger aufgefordert wurden, selbständig als "einsame Wölfe", ohne verdächtige Reisen in Trainingscamps, Anschläge in ihren Heimatländern auszuführen. 2011 wurde al-Awlaki mit einer US-Drohne getötet.

Spätestens als sich letztes Jahr ISIS von al-Qaida lossagte und schließlich große Territorien in Syrien und im Irak einnehmen konnte, während man die für Kameras inszenierte Grausamkeit kultivierte, eine effektive Medienstrategie schuf und ein Kalifat ausrief, das nun zum großen Gegner der Regionalregierungen, der USA und der EU wurde, trat AQAP in den Hintergrund. In Saudi-Arabien trat al-Qaida praktisch schon lange nicht mehr auf, im Jemen kontrolliert die Terrorgruppe nur kleine Gebiete. Wer in der Konkurrenz der islamistischen Terrorgruppen mit spektakulären Taten und Bildern die Nase vorne hat, zieht auch mehr Anhänger und Unterstützung an, zumal wenn wie beim IS auch eine gute eigenständige Finanzierung vorhanden ist, um die Kämpfer und die Organisation zu bezahlen. Auch tschetschenischen Islamisten hatten sich letztes Jahr darüber beklagt, dass Anhänger zum IS abwandern, weil dieser mehr Geld und Ruhm bietet. In Syrien schlossen sich viele Kämpfer anderer islamistischer Gruppen dem IS an, der sich mittlerweile auch in Afghanistan und Pakistan auszubreiten beginnt, wo al-Qaida praktisch verschwunden ist.

AQAP hat sich noch nicht dem IS angeschlossen, aber offenbar gibt es Beziehungen zwischen den beiden Gruppen, was zumindest die Anschläge in Paris nahelegen. Angeblich wurden sie koordiniert, der Angriff auf Charlie Hebdo wurde auch von den Tätern der AQAP zugeordnet, während der Überfall auf den Supermarkt nach dem Täter auf das Konto des IS gehen soll. Während der IS sehr viel stärker damit beschäftigt ist, sein Territorium in Region zu verteidigen und zu erweitern und das den Alltag dort zu organisieren, stellt sich AQAP als Kampforganisation dar, die zwar vor allem im Jemen aktiv ist, aber versucht, den Terror in die USA, aber auch nach Europa zu bringen.

AQAP-Aufruf zur Gewalt im Sile von "Mach's einfach".

Im vorletzten Inspire-Heft wird der Anschlag in Boston gefeiert und dazu aufgerufen, in den USA Anschläge mit Autobomben auszuführen. Die seien leicht herzustellen und könne jeder in seiner Küche basteln. Es sei sowieso besser, im Westen Anschläge auszuführen, als nach Jemen zu kommen. Es werden mal wieder unter dem Titel "open Source Jihad" Anleitungen veröffentlicht. Auf dem "Schlachtfeld" sei man nur ein weiterer Soldaten, im Westen sei jeder Einzelne eine "eigene Armee". Al-Awakli wird zitiert, der oder ein Autor an seiner statt noch einmal erklärt, warum Anschläge halal sind, auch wenn Kinder und Frauen sterben. Autobomben seien nichts anderes als Katapulte, mit denen bereits vor 1400 Jahren Städte angegriffen wurden, wobei irgendwelche Bewohner getötet werden können:

Do we throw out 1400 years of war methods out of the window and suddenly come up with new rules? That's how they did it. Rasūlullāh ,صلى الله عليه وسلم the sahābah, the khulafā al rashidūn, the Ummayads, the Abbasids, the Mumlūks and the Ottomans all used catapults and later on artillery to bomb cities. That's what a catapult does, it throws a missile whether it is a rock or a container filled with combustible material into a city and it could hit awoman or a child just like it could hit a man. That is exactly what placing a bomb in Washington or London or any other Western city is. It is no different than what our predecessors used to do for 1400 years.

Inspire

In Inspire werden Äußerungen von Politikern und Medienberichte aufgezählt, in denen auf AQAP hingewiesen wird. Gerne hört man auch, dass man als gefährliche Terrorgruppe eingeschätzt wird, das steigert den eigenen Wert. So gibt es auch ein fiktives Interview mit Obama, dessen Antworten sind wörtliche Zitate. Im neuesten Inspire-Heft geht es wieder um die Herstellung von Bomben in der Küche mit Küchengeräten und das Konzept des "einsamen Dschihad", der auch "Neurotmesis" genannt wird. Ein Einzelner könne der Überwachung der Geheimdienste am besten entgehen. Und es wird eine Bombe vorgestellt, die angeblich nicht bei Flughafenkontrollen entdeckt werden kann, um so den "Open Source Jihad" zu "Amerikas Albtraum" werden zu lassen. Detailliert wird beschrieben, wie sich eine solche Bombe herstellen lassen soll, deren Wirkung angeblich experimentell geprüft wurde. Empfohlen wird Anschläge auf französische, britische oder US-Flugzeuge oder auf wichtige Menschen für die Wirtschaft wie den Fed-Chef oder auf reiche Menschen wie Bill Gates. Die sollen Angst bekommen aus den USA mitsamt ihrem Geld fliehen.

Jetzt hat AQAP eine Art Geschäftsbericht für das letzte Quartal 2014 und den Januar 2015 vorgelegt, in dem dokumentiert sein soll, für welche Tätigkeiten die Terrorgruppe verantwortlich sein will. Die Logik ist klar: Je mehr erfolgreiche Anschläge und Angriffe, desto besser läuft das Geschäft.

205 "Operationen" will AQAP oder Ansar al-Sharia in dieser Zeit ausgeführt haben - mit besonderer Heraushebung des Anschlags auf Charlie Hebdo in Paris, genannt "Schlacht von Paris". Praktisch alle Anschläge und Überfälle fanden im Jemen gegen die schiitischen Houthis, die jemenitischen Streitkräfte und "Interessen Frankreichs und der USA in Jemen" statt. Aufgezählt wird, wie viele Anschläge oder Angriffe in welcher Provinz stattfanden. Unterteilt wird in Anschläge mit Autobomben, Motorradbomben, Straßenbomben und Sprenggürteln, in Überfälle, Raketenangriffe, Angriffe, Morde und Scharfschützenangriffe. Auffällig ist, dass weder der "Erfolg" noch eigene Verluste aufgezählt werden. So genau will man es offenbar nicht haben.

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