Wer stoppt den "Geisterfahrer"?

01.02.2015

Wie hierzulande über euro-griechische Realitäten hinweggetäuscht wird

Der Konflikt zwischen der Troika als Euro-Aufsichtsbehörde und der neuen griechischen Regierung lasse sich ganz einfach lösen, sagt in den Talkshows der Bundesfinanzminister, in seiner Rolle als sparsamer schwäbischer Hausmann: Griechenland müsse eben seine Schulden bezahlen, sich an die Vereinbarungen halten. "Pacta sunt servanda" ergänzt ihn sein bayerischer Ressortkollege, damit auch Lateinkundige Bescheid wissen. Die auferlegten "Spar"-Reformen hätten Griechenland doch schon auf den wirtschaftlichen Wachstumsweg gebracht, beschwert sich die deutsche Politikelite, aber nun richteten regierende griechische Populisten ein ganz Europa bedrohendes Chaos an.

In der Presse hierzulande wird ganz überwiegend diese Deutung der Problemlage zugespitzt, mit dem "Spiegel" als propagandistischem Sturmgeschütz: Als "Der Geisterfahrer" ist Alexis Tsipras auf das Titelbild der jüngsten Ausgabe gesetzt und als "Europas Albtraum", das Etikett "Der Brandstifter" war ja schon vergeben für den russischen Staatspräsidenten. Die neue griechische Regierung, so heißt es in dem Magazin, rüttele "am Fundament der EU" vor allem durch ihre Kritik an der Griechenlandpolitik Deutschlands, durch ihre Polemik gegen Angela Merkel; sie stelle "alles in Frage, was der Kanzlerin heilig ist". Die Regierungschefin der Bundesrepublik als sakrale Autorität europäischer Politik?

Die regierende Politik und (mehrheitlich) die Medien hierzulande vermeiden es beharrlich, wirtschaftliche Realitäten des Griechenlandkonfliktes offen zu legen:

  • Dass die scheinbar so großzügige Finanzhilfe für Hellas dazu diente, private, vornehmlich ausländische Banken und Fonds vor Verlusten zu bewahren; nur ein geringer Teil der Kredite ging an die griechische Staatskasse.
  • Dass im gleichen Zuge die Risiken dieser Finanzgeschäfte dann "sozialisiert", d.h. auf öffentliche Gläubiger verlagert wurden; für Verluste haben demnächst die gemeinen Steuerzahler nicht zuletzt in der Bundesrepublik aufzukommen.
  • Dass die von der Troika angeordneten "Reformen" keineswegs geeignet waren und sind, die griechische Wirtschaft zu sanieren; aus einem Verarmungsprogramm geht keine volkswirtschaftliche Blüte hervor.
  • Dass die zweifellos bestehenden Binnenursachen der griechischen Misere von der Vorgängerregierung dort nicht angegangen wurden - aber eben die wollte gerade die Euro-Elite, vorweg die deutsche Kanzlerin, unbedingt im Amt halten.

Weil all dieses verschwiegen oder verdeckt wird, kann in der Bundesrepublik ein populäres Ressentiment weiter seine von den Realitäten ablenkende Wirkung tun: Alles wäre gut, wenn nur die Griechen von ihrer Verschwendungssucht abkämen...

"Lügenpresse" gilt bekanntlich als ein "Unwort", "Lügenpolitik" sicherlich auch; also nennen wir den Sachverhalt anders: Da wird durch systematische Auslassungen ein täuschendes Bild der euro-griechischen Verhältnisse erzeugt, volksverdummend.

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