Zeichen einer beginnenden Radikalisierung

02.02.2015

Frankreich hat eine Mobilmachung gegen den Terrorismus ausgerufen und ruft zur Beobachtung abweichenden Verhaltens auf

Nach den Anschlägen in Paris hat die französische Regierung eine "Mobilmachung" gegen den Terrorismus und die "ausländischen Kämpfer" gestartet. Dazu gehört schon reflexhaft der Ausbau der Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen ("Allgemeine Mobilmachung gegen den Terrorismus"), was auch die EU-Innenminister beschlossen haben (Die neuen europäischen Überwachungsmaßnahmen). Aber man will auch im Internet etwa mit der Website Stop Jihadism präventiv die dschihadistische Propaganda untergraben.

Bild: stop-djihadisme.gouv.fr

Während der Islamische Staat mit gemeinsamen Abenteuer, einem Endkampf, der Größe durch das Mitwirken an der Weltgeschichte verleiht, einem totalen Krieg gegen das Böse und für die vermeintliche Wahrheit, der Verherrlichung der Tat, der Lust an Grausamkeit und Zerstörung oder der Verherrlichung einer Lebensführung wirbt, die durch Einsatz des eigenen Todes Sinn stiftet, ist es für staatliche Aufklärung schwer, dagegen Bilder und Argumente zu setzen. Was man versprechen könnte, ist eben das, aus dem die jungen Dschihadisten aus dem Westen fliehen wollen.

Schließlich wollen die jungen Menschen dem wenig verheißungsvollen oder auch langweilig-bürgerlichen Alltag von Arbeit, Konsum und ein bisschen Freizeitvergnügen ein Leben lang entkommen und ganz nietzscheanisch auf dem Vulkan tanzen, das volle, auch blutige oder barbarische Leben hier und jetzt führen, wie kurz es auch sein mag, und womöglich als Dschihadisten-Star im Rampenlicht der Welt stehen. Und wenn es dabei um nicht weniger als den Gottesstaat auf Erden geht, um die Einlösung einer Utopie, die gegen alle dunklen und verblendeten Mächte der Erde verteidigt und durchgesetzt werden muss. Und wenn die Dschihadisten merken, welche Bedeutung sie haben, wenn sie als Gegenspieler der Staaten und ihrer Macht und als große Gefahr gelten, wie das auch bei dieser Mobilmachung gegen die Dschihadisten der Fall ist, wird man die Verheißung des Dschihadismus möglicherweise noch schüren.

In einem Video des Innenministeriums, das an junge Menschen in der Bildsprache der Dschihadisten-Videos gerichtet wird, werden diese gewarnt, wohl vergeblich:

Sie sagen euch: "Opfert euch selbst auf unserer Seite, ihr werdet eine gerechte Sache verteidigen." In Wirklichkeit werdet ihr die Hölle auf der Erde finden und ihr werdet alleine, fern der Heimat, sterben. Sie sagen euch: "Kommt und gründet eine Familie mit einem unserer Helden." In Wirklichkeit werdet ihr eure Kinder in Krieg und Terror entführen. Sie sagen euch: "Schließt euch uns an und kommt, um den syrischen Kindern zu helfen." In Wirklichkeit werdet am Massaker an Zivilisten beteiligt sein.

Um der Ansteckung zuvorzukommen, wurde eine "Mobilmachung" in den Schulen beschlossen, die den Laizismus, die Trennung von Staat und Kirche, und die Werte der Republik zum Zentrum hat. So sollen zu dieser Lehre mitsamt einem neuen Curriculum zur Staatsbürgerkunde von der Grundschule bis zum Schulabschluss 1000 Lehrer bis zum Sommer eingestellt werden. Die Autorität der Lehrer soll im Gespräch mit den Eltern und durch Disziplinierungsmaßnahmen wiederhergestellt werden, um die "republikanischen Riten und Symbole" zu stärken.

Das klingt schon so, als ob man der Religion eine Staatsreligion entgegenstellen muss, wie das auch schon während der Französischen Revolution gemacht wurde. Fragt sich nur, ob die Riten und Werte gegen die der Islamisten ankommen. Man will die Eltern stärker einbeziehen, das Lernen Zuhause besser kontrollieren, die Beherrschung des Französischen wichtiger machen, gegen den Schulabbruch kämpfen, die Ungleichheit bekämpfen und die "soziale Mischung" fördern, was die Zugehörigkeit zur Republik fördern soll. Die reale Ungleichheit, die außerhalb der Schule etwa in den Vorstädten zementiert ist, wird davon allerdings nicht berührt

Das Innenministerium erklärt, dass das Internet mit allen Kanälen für die Dschihadisten das Medium sei, "ihre Propaganda massiv zu verbreiten und einen auf junge Menschen, die sie rekrutieren wollen, ausgerichteten Diskurs anzubieten". Seit November letzten Jahres gibt es zwar bereits die Möglichkeit, Websites zu schließen, das ist aber nicht wirklich eine Lösung. Also will man die Propaganda vorführen, die den jungen Menschen das Paradies verspricht und die Hölle bringt. Besonders geschickt wird dabei nicht verfahren:

Die Propaganda will durch die Schilderung einer lügenhaften idealen Welt überzeugen. Die Rekrutierer täuschen die jungen Menschen, indem sie eine Zukunft, ein Ideal oder einen Grund, etwas zu verteidigen, vortäuschen, wo sie nur Manipulation, Barbarei und Tod finden. Sie setzen, falls notwendig, wirkliche geistige Manipulationstechniken ein, um sie dahin zu bringen, ihre Umgebung in der Schule, in der Arbeit und selbst in der Familie zu verlassen.

Wie bei Sekten würden die Techniken auf Isolation abzielen, was manchmal sehr schnell, innerhalb von Wochen, ginge.

Hier soll die Prävention einsetzen, das Innenministerium richtet sich an die Familien oder an die soziale Umgebung. Sie sollen beobachten, ob junge Menschen auffällig werden und diese via Email oder über eine "grüne Telefonnummer" melden, um Hilfe zu erhalten. Aber damit sind dann junge Menschen und ihre Familien auch schon einmal unter Verdacht und in den Datenbanken. Überwacht werden sollen Menschen, die sich radikalisieren.

Das dürfe man, so das Innenministerium nicht mit der "Praxis eines fundamentalistischen Islam" verwechseln, es handele sich um eine schnelle Verhaltensveränderung", die "zur Ablehnung des Gesetzes und zur Gewalt" führen könne. Ein "Diskurs" ist radikal, "der einen jungen Menschen zu seiner eigenen Vernichtung oder zu der von anderen im Namen Gottes führt". Man will also im Vorfeld, präventiv, die Entwicklung zum Terroristen verhindern, indem Verhaltensabweichungen beobachtet werden sollen, die verdächtig sind. Es wird also eine Norm durch eine Abweichung aufgebaut, die als Radikalisierung beschrieben wird. Aber was sind die Symptome der Radikalisierung, die eine solche Diagnose einer riskanten Entwicklung ermöglichen?

Aufgelistet werden neun "Zeichen", die darauf hinweisen, dass eine Radikalisierung beginnt. Je mehr dieser Symptome vorliegen, desto alarmierender müsse dies für die Familie und die Umgebung sein. Bemerkenswert ist, dass nicht von einer vorliegenden Radikalisierung gesprochen wird, die riskant ist, sondern von Zeichen einer beginnenden Radikalisierung. Es soll also abweichendes Verhalten von jungen Menschen ganz früh festgestellt werden, was auch dazu führen kann, dass ein Prozess der Überwachung und Diskriminierung schon sehr früh einsetzt. Wie gibt sich als eine beginnende Radikalisierung zu erkennen:

  • Misstrauen gegenüber alten Freunden, die nun als "unrein" betrachtet werden
  • Ablehnung von Familienmitgliedern
  • Plötzliche Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten
  • Schulabbruch oder Verlassen der Arbeitsstelle, weil das ablenkt
  • Beendigung des Musikhörens
  • Fernsehen und Kino wird gemieden, um das Sehen verbotener Bilder zu vermeiden
  • Sportliche Betätigung wird beendet, wenn beide Geschlechter daran teilnehmen
  • Andere Bekleidung, besonders bei Mädchen
  • Häufig werden Websites und soziale Netzwerke mit radikalen oder extremistischen Inhalten besucht
Bild: stop-djihadisme.gouv.fr

Überdies würden die sich radikalisierenden Jugendlichen, was schon eher eine Pubertätskrise gleicht, oft für sich bleiben, sie würden sich "asozial" äußern und jede Form der Autorität oder des "kollektiven Lebens" zurückweisen. Zwar wird darauf hingewiesen, dass "jede Situation einzigartig" sei. Wenn man "ein oder mehrere Zeichen erkennt", bedeute dies noch nicht "systematisch" eine Radikalisierung, aber alle werden aufgefordert, sich bei Fragen oder Zweifeln zu melden. Zwar ist die französische "Mobilmachung" noch etwas spezifischer als die amerikanische, auf permanentes Misstrauen und Beobachten angelegte Kampagne: "If You See Something, Say Something", als Markenzeichen geschützt, aber sie geht in diese Richtung einer gegenseitigen Überwachung.

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