Krieg um die Köpfe

04.02.2015

Der Psychologe Klaus-Jürgen Bruder über die Mechanismen und die Kritik an der ideologischen Mobilmachung

Deutschland rüstet nicht nur im Äußeren auf - auch im Innern vollzieht sich eine Entwicklung gen Militarisierung des Zivilen, des Denkens, Handelns und der Bildung etwa - eine ideologische Mobilmachung also, die auf die Erhöhung der Kriegsbereitschaft der Deutschen zielt. Auf dem Kongress mit dem Titel "Krieg um die Köpfe: Der Diskurs der Verantwortungsübernahme", der vom 5. bis 8. März in Berlin stattfindet, wollen Psychologinnen und Psychologen die Einstimmung der Bevölkerung auf die scheinbare Notwendigkeit und Unausweichlichkeit der Beteiligung an Kriegen analysieren und kritisieren.

Herr Bruder, Sie sind einer der Organisatoren und Referenten des Kongresses der Neuen Gesellschaft für Psychologie. Worum geht es hierbei?

Klaus-Jürgen Bruder: Zunächst einmal geht es darum, dass die Psychologen sich zu einem wichtigen Thema oder dem wichtigsten Thema derzeit überhaupt endlich zu Wort melden. Sozusagen als Teil der Bevölkerung oder besser der "Intellektuellen", wenn man das Wort mal so undifferenziert verwenden mag. Denn eigentlich sind Intellektuelle ja Leute, die den Anspruch haben, mit einer Botschaft in die Gesellschaft hineinzuwirken, an deren Rand sie sich situieren, Ideologen also, Diskurs-Macher im Vorzimmer der Macht, deren "Narren", wie Peter Brückner sie nannte, bzw. Sprachrohr und Posaunisten.

Psychologen als Berufsgruppe sind das zwar nicht auf den ersten Blick, denn sie gehören zu den "stillen" Berufen. Ihr professionelles Berufsethos kreist um die Vorstellung und Maxime der "Abstinenz", das heißt, nicht nur darum, "keine Stellung zu nehmen", sondern auch darum, unsichtbar zu sein, sich dem "Patienten", "Klienten" und "Hilfesuchenden" zur Verfügung stellen, ohne dabei die eigenen Interessen in den Vordergrund kommen zu lassen - außer natürlich dasjenige, von diesem Beruf auch leben zu können. Auf den zweiten Blick sind sie es allerdings sehr wohl.

Aus dem skizzierten Berufsethos des Keine-Stellung-Nehmens heraus kommt es jedenfalls gelegentlich dazu, dass Psychologen meinen, "krank" sei, wer in unmenschlichen sozialen Umständen Symptome entwickele, die es dann nur als Krankheit zu therapieren gölte. Erich Fromm hat hierzu vieles Wichtige gesagt, aber auch Brückner, der zu Unrecht in Vergessenheit geratene - deshalb haben wir ja auch einen Kongress 2012 gemacht, mit dem wir seine Politische Psychologie wieder in die Diskussion gebracht haben. Vor allem jedenfalls meinen beide und meinen auch wir: Auf eine kranke Umwelt mit Symptomen zu reagieren, ist eher ein Zeichen seelischer Gesundheit - und dass man eben die Verfasstheit der Gesellschaft bei der Betrachtung des Individuums niemals außer Acht lassen darf.

Helfen kann und muss man den einzelnen dann natürlich immer noch; nur macht es eben einen grundlegenden Unterschied, ob immer das Individuum als mit zu heilenden Defiziten betrachtet oder auch die Gesellschaft als Ursache von Symptomen mit Krankheitswert in die Betrachtung und alsdann Kritik mit einbezieht.

Wir sind gegen eine Therapie traumatisierter Soldaten mit dem Ziel, sie so schnell wie möglich wieder an die Front zu schicken

Diese Perspektive ist aber nicht wirklich selbstverständlich für diesen Berufsstand…

Klaus-Jürgen Bruder: Nein, sicher nicht. Und es gibt die "Spaltung" in Bezug auf eigenes Handeln und Positionierung auch noch einmal auf Seiten der Klienten: Je nachdem nämlich, ob der "Klient" ein Patient ist oder eine Firma - aktuell also beispielsweise die "Firma" CIA, die sich in Bezug auf die Entwicklung und Anwendung von Foltermethoden beraten lässt.

Über diese schon immer unrühmliche Rolle der Psychologie am Beispiel der immer als unabhängig und "wertfrei" behaupteten Experimentellen Psychologie bereits im 1. Weltkrieg - es war noch die Zeit der großen Heroen der "Gründergeneration" der Psychologie - wird Almuth Bruder-Bezzel auf unserem Kongress berichten. Die durch die Spiegel-Reportage im Dezember letzten Jahres wieder ins Bewusstsein gebrachten Foltermethoden haben eine lange Tradition in der Militärpsychiatrie, der es darum ging, die zu Tode geängstigten Frontsoldaten als "Kriegszitterer" so zu "behandeln", dass sie lieber wieder an die Front gingen, als weiter "therapiert" zu werden.

Aber selbst in der Arbeit, die sich als Arbeit mit den Patienten versteht, besteht natürlich die Möglichkeit, überwiegend "für die andere Seite" zu arbeiten, nämlich beispielsweise zu versuchen, den Patienten so schnell wie möglich wieder in den Job zu schicken und ihm auf keinen Fall das "Privileg" der Selbstreflexion zu gönnen, an deren Ende dann ggf. ganz andere Perspektiven sich eröffnen könnten als jene, wieder "zurück an die Front" zu gehen - das ist aktuell übrigens genau der Punkt, an dem wir, die Neue Gesellschaft für Psychologie, in der Öffentlichkeit interveniert haben, als wir eine Stellungnahme und einen Offenen Brief an den Präsidenten der Bundespsychotherapeutenkammer gerichtet haben, in dem wir uns gegen eine Therapie traumatisierter Soldaten unter der Regie der Bundeswehr und mit dem Ziel, sie so schnell wie möglich wieder an die Front zu schicken, gewandt haben.

Damit haben wir auch darauf reagiert, dass es unserer Auffassung nach in der gegenwärtigen Situation der Kriegsvorbereitung bzw. Kriegsteilnahme der Bundesrepublik unabdingbar notwendig ist, die bisherige "Abstinenz" der Psychologen aufzugeben, indem diese nun auch als Bürger - und zwar im Sinne des Citoyen - versuchen, auch in die politische Diskussion einzugreifen bzw. diese anzuregen und an- bzw. umzustoßen.

Dazu muss man zwar nicht als Psychologe auftreten, aber man wird gut tun, seine psychologische Erfahrung und Kompetenz nicht außer Acht zu lassen. Jürgen Hardt, über 10 Jahre lang Präsident der Hessischen Psychotherapeutenkammer und seit langem Referent auf unseren Veranstaltungen, hat das so präzisiert, dass er den Psychologen als "Experten des Unbewussten" einordnete und ihn als solchen dann zur Teilnahme an öffentlichen Diskussionen aufgerufen hat.

Man könnte es aber auch mit der Geschichte des Citoyen so formulieren: Der Psychologe ist der Protokollant der Berichte des Patienten, der Adressat seiner Anklagen und insofern auch derjenige, der die "Cahiers de Doléances" zu formulieren und zu adressieren hätte: Was macht der Krieg aus den Menschen? Was macht die Vorbereitung des Kriegs aus den Menschen? Was der alltägliche Krieg - aller gegen alle?

Verstehe ich das richtig: Auf dem Kongress treffen sich Psychologinnen und Psychologen, die der Frage nachgehen, wie die "Bewusstseinslage" der Deutschen politisch gewollt aktuell auf Krieg eingestimmt wird?

Klaus-Jürgen Bruder: Ja, Psychologinnen und Psychologen, Sozialwissenschaftler, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten, viele praktisch mit den Folgen der im weitesten Sinne kriegstreibenden Politik befassten Berufskreise, Berufstätige, aber auch viele Studenten und junge Wissenschaftler.

Die Neue Gesellschaft für Psychologie wendet sich an diesen sozusagen psychologischen Kreis, weil sie die Notwendigkeit der Verbindung von Wissenschaft und Praxis sieht und daraus Konsequenzen gezogen hat. Und eben weil die Verbindung mit der Praxis von vornherein nur möglich ist, wenn man die Trennung der Einzelwissenschaften im Feld der Human- und Gesellschaftswissenschaften überwindet.

Der mediale Diskurs ist das Bindeglied zwischen denen, die etwas mit uns machen, und uns

Damit offenbaren Sie ja ein immanent politisches Verständnis der Aufgabe von Wissenschaft…

Allerdings! Für uns war und bleibt der Auftrag der Wissenschaften jener, sich für und nicht gegen die Verbesserung der Lebensverhältnisse aller einzusetzen. Deshalb haben wir uns in diesem Jahr auch die Frage des Krieges und die Diskussion zu Krieg und Kriegsgefahr als Thema vorgenommen.

Wir wollen uns der "psychologischen" Seite dieses Themas, dieses bedrohlichen Problems zuwenden. Nicht primär: Was machen die Kriegstreiber und Kriegsherren? Sondern: Wie wirkt das auf die Menschen, auf uns? Und vielleicht auch: Was machen die mit uns? Und was lassen wir mit uns machen, wozu ermutigen wir sie geradezu?

Der theoretische Anker ist für mich dabei die "diskurstheoretische" Sicht: Der mediale Diskurs sozusagen als Bindeglied zwischen denen, die etwas mit uns machen, und uns. Das zielt auch auf die Medien, die, wie Marcuse bereits 1964 schrieb, "zwischen den Herren und ihren Dienern vermitteln", und natürlich auf die notwendige Kritik solcher Praxen und Verhältnisse.

Welche Rolle kommt den Medien bei der ideologischen Mobilmachung für Krieg und Militarisierung Ihrer Meinung nach denn zu?

Klaus-Jürgen Bruder: Nun, die Medien vermitteln uns vor allem "Botschaften", denen wir zustimmen können, nein: sollen. Sie sind für die Herstellung von Konsens verantwortlich, wie Chomsky das nannte.

Im Fall der Kriegs-"Zustimmung" beobachten wir vor allem eine Taktik der ständigen "Tabu"-Brüche - und deren freche Kommentierung durch die Tabubrecher. So beispielsweise: "Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt." Dem entspricht auf Seiten der Rezipienten, zu denen die Bevölkerung gemacht wird, die "Gewöhnung".

Wir wissen ja, wie "geduldig" eine Bevölkerung ist, wenn man sie allmählich an etwas gewöhnt, kennen das Wegsehen, Ohrenverschließen und Schweigen beispielsweise angesichts von Staatsterrorismus, Demokratiezerstörung, Menschenfeindlichkeit, sozialer Stigmatisierung und Exklusion bis hin zum Nichtwahrnehmen von Serienmorden wie in den KZ. Diese Gewöhnung durch sequentielle Tabu-Brüche wird dabei noch erleichtert und verstärkt durch flankierende Diskurse. Der Diskurs der Verantwortungsübernahme ist dabei derzeit der hegemoniale. "Verantwortung für Deutschland", heißt es da vor allem.

"Instrumentalisierung" von "Auschwitz", um die Zustimmung der Bevölkerung zu erreichen

Und was bezweckt und bewirkt dieser Diskurs? Worauf zielt er ab?

Klaus-Jürgen Bruder: Nun, er setzt sich zuerst einmal zusammen aus mehreren Elementen. Die Regierenden stellten sich ja schon immer als uneigennützige und altruistisch denkende und handelnde "Diener" dar, als demütige Diener der Bevölkerung, eher noch des "Landes", des Staates oder einer Idee - beispielsweise jener von der Zukunft des Landes usw. usf.

Dazu kommt noch eine Affirmation, die Stolz erzeugen soll: "Wir" sind das reichste Land Europas, "wir" haben Verantwortung. Damit wird der gesellschaftliche Reichtum auch und vor allem seiner Unverschämtheit und barbarischen Kehrseite entkleidet und seine Entstehung aus Ausbeutung - der "eigenen" Bevölkerung und der Übervorteilung der Bevölkerungen anderer Länder sozusagen "kompensiert".

Und: Tatsächliche Verantwortungsübernahme würde ja bedeuten, Ausbeutung und Ausraubung rückgängig zu machen und das zu Unrecht Angeeignete zurückzugeben, wo das noch geht. Das alles wird aber "entkontextualisiert" und sozusagen "semantisch enteignet", wodurch das Wort Verantwortung in seiner Bedeutung zunehmend in sein Gegenteil verkehrt wird.

Es ist ganz so - ich habe 10 Jahre in diesem Bereich gearbeitet und unter anderem eine Beratungsstelle für betroffene Kinder und Erwachsene zum Problem sexuellen Missbrauchs mit anderen aufgebaut -, wie wenn der missbrauchende Erwachsene zum missbrauchten Kind sagte: "Ich schenke Dir dafür ein schönes Spielzeug, das Du Dir immer so gewünscht hast" - und der Missbrauch geht aber weiter, mit der vermeintlichen, ergaunerten Zustimmung des Kindes, das hier vor allem eines, nämlich ohnmächtiges und betrogenes Opfers ist.

Dann ist ein für Deutschland zentrales "Argument" dieses Diskurses der Verantwortungsübernahme auch die "Instrumentalisierung" von "Auschwitz" für Zwecke der Überrumpelung, der Erpressung und der Zustimmung der Bevölkerung. Eingeführt hat das damals der "grüne" Außenminister Josef Fischer, von dem der Glaubenssatz stammt: "Es gibt keine grüne Außenpolitik", mit dem er die Fortsetzung der rot-schwarzen legitimierte. Aber das war seine "grüne" Außen- bzw. Innenpolitik: Die "Instrumentalisierung" von "Auschwitz" zur Revitalisierung des deutschen Nationalismus und einer kriegerischen deutschen Außenpolitik… Um die Wiederholung von "Auschwitz", um einen Genozid zu verhindern, und wie die Argumente alle hießen und heißen, müsse man nämlich Krieg führen - nein, "intervenieren", robust allerdings, wie noch zugesetzt wird, damit auch alle Unklarheiten beseitigt sind.

"Auschwitz", das hatte bis dahin geheißen: "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!" Da ist es schon eine "Leistung", welche Verdrehungen man politisch herstellt und diesem eigentlichen Anliegen anzutun vermocht hat.

Aber zurück zum Diskurs der Verantwortungsübernahme… In jedem Fall wird "Verantwortung" beschworen, behauptet, aber das Gegenteil von Verantwortung geleistet und gemeint. Und zugleich wird "Deutschland" wieder heroisiert und Nationalismus subtil revitalisiert. Und dabei handelt es sich um nichts anderes als, darauf wies Brückner bereits 1967 hin, ein Abstraktum, hinter dem die konkreten Menschen, Mitbürger, Kollegen, Freunde, die Familie und die Geliebten verschwinden und zum Verschwinden gebracht werden - und eine neue Art von "Volksgemeinschaft", die hier beschworen wird, und die die realen und vitalen Interessen der einzelnen zunehmend negiert. In dieser Abstraktion sieht Brückner übrigens das eigentliche Verbrechen des Staates bzw. seiner "Diener" und der ihnen zuarbeitenden Intellektuellen…

Pegida ist keineswegs ein Haufen von Faschisten, sondern das folgelogische Ergebnis kriegstreibender Politik

Und dieser von oben verordnete Nationalismus erstarkt gerade im Land?

Klaus-Jürgen Bruder: Ja, wir stehen in der BRD zwar noch ganz am Anfang, aber "Anfänge" sind bereits deutlich zu beobachten: Nehmen wir "Pegida" als Beispiel. Nicht, dass sie rechte Parolen gegen Ausländer rufen, ist neu, sondern der Bezug auf den Kriegsdiskurs ist es. So eben beispielsweise der Name: "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes".

"Patriotisch" ist für den politischen Diskurs im Land neu und war bisher immer im Zusammenhang mit Kriegstreiberei verwendet worden. Und die Islamisierung des "Abendlandes" ist eine Parole der Reconquista, das heißt der kriegerischen Zurückdrängung des Islam durch die Kirche. Und auch der Griff zur Nationalfahne - also, wenn das kein Griff in die Mottenkiste der Militaristen ist…

PEGIDA … sind also alles Rechte und Faschisten und Nationalisten…?

Klaus-Jürgen Bruder: Nein, Pegida sind eben keine Springer-Stiefel-Faschos, sie sind "Bürger aus der Mitte der Gesellschaft", wie die Welt- und andere Journalisten, die über diese dann berichten, übrigens ebenfalls. Und, mal ehrlich: Letztere fühlen sich durch die Titulierung ihrer Arbeitgeber als "Lügenpresse" nun doch vor allem deswegen so getroffen, weil sie genau wissen, dass sie ebendies tun: die Bevölkerung belügen, an der Nase herumführen und sie für dumm verkaufen.

Mit der Herstellung der Nähe zu den Nazis und der damit verbundenen Stigmatisierung wollen sich "die Oberen" hier schlicht die lästige Kritik vom Halse schaffen. Dabei greifen die Pegidas allerdings auf nichts anderes zurück und spitzen es nur zu, als das, was die Presse ihnen seit vielen Jahren bereits vorgekaut hat. So unter anderem explizit auf die durch Clark und Münkler angestoßene und argumentativ unterfütterte Debatte um die so genannte "Kriegsschuld" bzw. die Leugnung derselben, in erster Linie also die Ignoranz gegenüber der Mitverantwortung des deutschen Militarismus für die europäische Geschichte und Vergangenheit.

Dass sich die Zahl der Asylsuchenden und Einwanderungswilligen erhöht, ist doch nur die natürliche Folge der Vervielfältigung der Kriege, an denen Deutschland bzw. die deutsche Regierung immer entschiedener beteiligt ist. Insofern ist der Kampf gegen "mehr Asylsuchende" auch als rechte "Kritik" an dieser Kriegspolitik zu deuten. Insofern nämlich, als dass man die Konsequenzen des eigenen Handelns nicht zu tragen bereit ist.

Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Pegida ist keineswegs ein Haufen von Faschisten, sondern das folgelogische Ergebnis kriegstreibender Politik, getragen von der "Mitte" der Gesellschaft, in die der "Rechtsradikalismus" längst gewandert ist. Pegida ist in diesem Sinne, das titelten Sie ja auch auf den Nachdenkseiten bereits, vor allem das Symptom eines viel größeren Problems. Und dieses Problem besteht vor allem in der Zerstörung der Demokratie gerade durch diejenigen, die zu ihrer Erhaltung eigentlich gewählt worden sind auf der einen und jene, die die Öffentlichkeit über die Handlungen der Gewählten zu informieren vorgeben, auf der anderen Seite.

Die Bedeutung der Herrschaft über Informationen - insbesondere in Vorbereitung und Einstimmung auf kriegerische Aktionen - erklärte Adolf Hitler am 10. November 1938, als die Synagogen noch brannten, einmal vor der deutschen Presse wie folgt:

"Dazu war es aber notwendig, nicht etwa nun die Gewalt als solche zu propagieren, sondern es war notwendig, dem deutschen Volk bestimmte außenpolitische Vorgänge so zu beleuchten, dass im Gehirn der breiten Masse des Volkes ganz automatisch allmählich die Überzeugung ausgelöst wurde: Wenn man das eben nicht im Guten abstellen kann, dann muss es mit Gewalt abgestellt werden; so kann es aber auf keinen Fall weitergehen."

Dem ist wenig hinzuzufügen.

Und was halten Sie von "Wir sind alle Charlie"?

Klaus-Jürgen Bruder: "Wir sind Charlie" hatte so in etwa die Funktion von: "Ich sehe keine Klassen mehr, ich sehe nur noch Deutsche." Heute sind "die Deutschen" allerdings zu "Vertretern der westlichen Werte" avanciert, der Anspruch ist also nicht nur der auf eine Negation aller "innerstaatlichen Konflikte", sondern jener nach der Vertreterrolle für andere Teile der Welt kommt gleich noch mit obenauf.

Diese "Überzeugung" und dieses Mantra sind dabei so "einheitsstiftend", dass eine ausscherende Meinung sofort abgebügelt werden kann und inzwischen Menschen, die in Frankreich noch kritische Fragen stellen, direkt als "Terrorverherrlicher" juristischer Verfolgung ausgesetzt sind.

Eigentlich handelt es sich hierbei ziemlich genau um das "eindimensionale Denken", das Marcuse skizziert hat, nur: Es wird hier durch den Kriegsdiskurs hergestellt - und nicht vor allem durch den Konsum bzw. die Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Und die Medien erklären nun, die französische Nation habe im Zeichen von "Charlie" ihre Identität bewiesen und sich zum Krieg entschlossen. Was für eine Gehirnwäsche - was für ein Quatsch!

Wenn also Nationalismus und Militarismus gerade erstarken und mehr und mehr Macht über die Köpfe der Menschen gewinnen: Was ist dann aktuell am ehesten für Antimilitaristen und Humanisten zu tun? Was raten Sie?

Klaus-Jürgen Bruder: Das ist die schwierigste aller Fragen, aber man muss sich ihr stellen. Dabei müssen wir uns klarmachen, dass wir noch ganz am Anfang stehen: Gerade nehmen wir die Aufrüstung der Kriegsparteien wahr, da sind diese uns bereits meilenweit voraus… Derlei Vorsprung wird durch uns erst zu überwinden sein. Und dazu gehört auch der Umgang mit 30 bis 40 Jahren Entpolitisierung im Land…

Die große Überschrift müsste lauten: "Den Widerspruch organisieren!" - und zwar überall, vor allem aber dort, wo die eigene Stimme noch gehört wird. Und hier eben aufzeigen, dass es die Arbeit ist, die man tagtäglich macht, die als solche selbst den Widerspruch gegen Militarisierung und Nationalismus in letzter Konsequenz unabdingbar macht. Eben deshalb machen wir ja auch diese Tagung im Rahmen von Psychologie und als psychologische. Wir erklären damit, dass es unverzichtbar für die Ausübung des Berufs des Psychologen ist, Stellung zu nehmen zu diesen die Gesellschaft im Ganzen bedrohenden Entwicklungen.

Notwendig ist also vor allem "Kritik" - und zwar die Kritik "aller Verhältnisse, in denen der Mensch ein entmenschtes Wesen zu sein gezwungen ist", Kritik aller Zumutungen, Forderungen, aller Behauptungen, aller Lügen und Schmeicheleien, und das ausgehend von dem, was man tut, zu tun gezwungen ist als Psychologe: Kritik der Praxis, sofern sie den Bedürfnissen der Menschen nach Frieden, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit widerspricht, Kritik der Theorie, die diesen Widerspruch auszuschalten versucht, Kritik der Ausbildung der Wissenschaftler und der Praktiker, praktisch Arbeitenden, sofern diese Ausbildung den Widerspruch verleugnet, zu verleugnen nahelegt.

Die so verstandene "Kritik" wäre zugleich eine Weise der Subjektivierung und also eine solche, in der sich das Subjekt wider seine Unterwerfung selbst entwirft und als politisches konstituiert, das sich um die Belange der Regierung nun selbst kümmern beginnt.

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder lehrte an der Freien Universität Berlin, Arbeitsgebiete: Psychoanalyse, Diskursanalyse, Psychologie und Postmoderne, Kulturpsychologie (Jugend) sowie Geschichte der Psychologie. Er ist erster Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP). Seine wichtigsten Veröffentlichungen sind "Subjektivität und Postmoderne. Der Diskurs der Psychologie", Frankfurt 1993; "Jugend. Psychologie einer Kultur", München 1984; "Psychologie ohne Bewusstsein. Die Geburt der behavioristischen Sozialtechnologie", Frankfurt 1982 sowie "Lüge und Selbsttäuschung", Göttingen 2009.

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