"Wir brauchen wieder Politiker wie Bismarck oder Metternich!"

07.02.2015

Loretta Napoleoni über den "Islamischen Staat" und das Versagen des Westens

Müssen wir uns mit einem Kalifat im Nahen Osten abfinden? Sollte der Westen gar eine Verhandlungslösung mit den Dschihadisten anstreben? Mit solchen Positionen provoziert die italienisch-amerikanische Autorin Loretta Napoleoni ("Die Dschihadisten waren immer auch Spiegel der gewalttätigen Strukturen ihrer Herkunftsländer"). Der Islamische Staat habe den Schritt zur Staatsbildung bereits erfolgreich vollzogen, argumentiert sie nun in ihrem gerade erschienen Buch "Die Rückkehr des Kalifats". Trotz seines barbarischen Vorgehens sei die Organisation moderner und effizienter als anderen terroristischen Gruppierungen der Vergangenheit.

Loretta Napoleoni ist eine italienisch-amerikanische Ökonomin und hat lange als Analystin für Banken gearbeitet. Später konzentrierte sie auf die Analyse militanter Bewegungen und rückte dabei deren Finanzierungsproblem in den Mittelpunkt.

Frau Napoleoni, Sie haben die Strukturen militanter Organisationen von den italienischen Roten Brigaden bis zur PLO untersucht. Sie behaupten, dass der Islamische Staat (IS) anders als diese sei, sozusagen eine terroristische Organisation neuen Typs – warum?

Loretta Napoleoni: Der wesentliche Unterschied ist: Der IS erfüllt in seinem Herrschaftsgebiet bereits die Rolle eines Staates, ob uns das nun gefällt oder nicht! Im Gegensatz zu Al-Qaida oder den afghanischen Taliban berücksichtigt er dabei die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung. Al-Qaida ist es nie gelungen, den Übergang von einer bewaffneten Gruppe zu einem Staat zu bewerkstelligen. Den Taliban ist es gelungen, aber sie regierten ihr Kalifat diktatorisch, sie zwangen der Zivilbevölkerung ihre Haltungen auf und beuteten sie aus. Der IS dagegen versucht, sich mit den Stammesführern zu einigen, er baut eine zivile Verwaltung auf, er hat eine Bürokratie. Das unterscheidet sich deutlich von den Mitteln, mit denen bewaffnete Gruppen normalerweise Gebiete kontrollieren – und es ist meiner Meinung nach eine viel größere Bedrohung, die immer noch unterschätzt wird.

Aber massenhafte Vertreibung und öffentliche Kreuzigungen, wie sie der IS betreibt, sind doch ebenfalls diktatorisch!

Loretta Napoleoni: Sicher, das sind sie. Aber dieser Terror ist nur die eine Seite. Sicher, der IS enthauptet Geiseln, aber er baut auch Straßen. Vergleichen wir einmal die Situation im Herrschaftsgebiet des IS mit einer Stadt wie Aleppo, in der Anarchie herrscht, die völlig zerstört wurde, in der kriminelle Banden und Warlords ihr Unwesen treiben. Alle Welt redet über die Gräueltaten des IS. Die gibt es zwar, aber ich frage: Wie kann es überhaupt sein, dass diese Leute letztes Jahr wie aus dem Nichts auftauchten und sich anschickten, den Irak zu erobern? Wie ist dieses Monster entstanden?

Dafür tragen regionale Mächte wie Saudi-Arabien und die USA die Verantwortung. Der IS hat die Situation im syrischen Bürgerkrieg geschickt ausgenutzt, indem er eben nicht getan hat, was seine sunnitischen, vor allem saudischen Geldgeber erwartet hatten – gegen die Regierung Assads zu kämpfen –, sondern stattdessen gegen die andere Aufständischen vorging und sich eine territoriale Basis schuf.

Wie tief die Herrschaft des IS tatsächlich reicht, ist aber doch umstritten. Einige Beobachter berichten, er selbst würde außer der Gerichtsbarkeit keine eigene Infrastrukturen betreiben. Und andere weisen darauf hin, dass er sich auf lokale Stammesstrukturen und ehemalige Militärs stützen muss.

Loretta Napoleoni: Ich glaube, der IS sieht das Verhältnis zur sunnitischen Bevölkerung sehr pragmatisch. Der IS versucht, sich als der neue Herrscher in der Region zu etablieren und muss sich dafür an unterschiedliche, wechselnde Umstände anpassen. Bei der Eroberung von Falludscha beispielsweise sperrten sich die lokalen Milizen zunächst dagegen, die IS-Fahne zu hissen, und die Kämpfer verzichteten darauf. Als sie dann die Stadt gegen die anrückende irakische Armee verteidigten, wurden ihnen schließlich doch erlaubt, ihre Flagge aufzuziehen.

Der IS will ein Kalifat des 21. Jahrhunderts

Immerhin sah sich der IS bisweilen gezwungen, seine Herrschaft mit Massakern an der sunnitischen Bevölkerung zu sichern.

Loretta Napoleoni: Wir wissen kaum etwas darüber, was sich dort abspielt. Alle Seiten betreiben Propaganda. Insgesamt scheint mir, als würde die Bevölkerung sich nicht gegen den IS auflehnen. Im Jahr 2007 rebellierten die Sunniten in der Awakening-Bewegung gegen die Dschihadisten und siegten, wenn auch mit Hilfe der US-Armee. Heute wollen die irakischen Stammesführer scheinbar nicht, dass von außen eingegriffen wird; sie sind gegen eine Intervention. Das liegt natürlich auch daran, dass die Regierung schiitisch ist. Wenn sie zwischen zwei Übeln wählen müssen, wählen sie das kleinere, und genau das scheint der Islamische Staat für diese Leute zu sein: Man teilt die gleiche Religion, der IS bringt Recht und Ordnung, er baut die Infrastruktur wieder auf. Die Sunniten im Irak haben eben keine große Auswahl. Aber wie gesagt, das alles steht unter dem Vorbehalt, dass die Lage von außen kaum beurteilt werden kann.

Sie schreiben, das Kennzeichen des IS seien "Modernität und Pragmatismus".

Loretta Napoleoni: Um einen Staat aufzubauen, ist Pragmatismus nötig. Ideologie, Religion sind zu starr, zu unflexibel. Der IS ist modern, insofern er gekonnt die neueste Technik nutzt, beispielsweise die sozialen Medien. Ihnen ist gelungen, mit ihrer Propaganda die Kanäle der traditionellen Medien zu umgehen. Sie haben nichts gegen Fernsehen, Smartphones oder andere technische Annehmlichkeiten, sie sind anders als die Taliban, die zurück ins 7. Jahrhundert wollten. Sie haben nichts gegen Impfungen gegen Kinderlähmung. Kurz, sie wollen ein Kalifat des 21. Jahrhunderts. Selbst ihr Umgang mit der lokalen Bevölkerung ist in gewissem Sinn pragmatisch: Wenn du Schiit bist, wirst erst dann zum Feind, wenn du darauf bestehst, weiterhin Schiit zu bleiben und keine Steuer dafür bezahlen willst.

Wie lautet Ihre politische Schlussforderung daraus – sollte der Westen die Existenz des Kalifats akzeptieren?

Loretta Napoleoni: Nein, nicht notwendigerweise, aber wir müssen akzeptieren, dass wir es nicht so einfach wieder loswerden können. Wir können das Kalifat möglicherweise kurzfristig besiegen, so wie wir Al Zarqawi und Al-Qaida im Irak losgeworden sind. Im Original heißt mein Buch "Der islamistische Phönix", weil der Islamische Staat aus der Asche dieser Organisation hervorgegangen ist – und zwar stärker als zuvor.

In der Region ist ein grundlegender politischer Wandel mit neuen Mächten und neuen Grenzen nötig, es entsteht gerade eine neue Ordnung im Nahen Osten. Das Kalifat ist nur ein Ausdruck davon. Diese Notwendigkeit einer Neuordnung der Region müssen wir erkennen und akzeptieren. Vielleicht können wir die Entwicklung beeinflusst, damit sie weniger brutal verläuft. Eines aber wird bestimmt nicht funktionieren: bewaffnete Organisationen zu finanzieren, die einander in einen Stellvertreterkrieg bekämpfen.

Das militärische Eingreifen hat bisher nicht funktioniert, warum sollte es jetzt funktionieren?

Immerhin können die Kurden in Rojava und die irakische Armee einige aktuelle Erfolge vorweisen.

Loretta Napoleoni: Selbst wenn ein rein militärischer Sieg möglich wäre, in fünf Jahren wären die Islamisten zurück, wahrscheinlich stärker als heute. Das militärische Eingreifen hat bisher nicht funktioniert, warum sollte es jetzt funktionieren?

Sie sind also der Ansicht, der Irak kann in seinen bisherigen Grenzen nicht weiter bestehen?

Loretta Napoleoni: Auf jeden Fall! Die Grenzen, die Sykes und Picot 1916 gezogen haben, sind überholt. Die alte Ordnung wird sich nicht retten lassen. Das gilt für Irak und Syrien, in gewisser Weise auch für Libyen.

Sie haben für Verhandlungen mit dem IS plädiert und dafür viel Kritik einstecken müssen. Glauben Sie wirklich, er könnte ein Verhandlungspartner sein, der sich an Vereinbarungen hält und seine ideologische Programmatik zurückstellt?

Loretta Napoleoni: Ich sage keineswegs, wir sollten mit dem IS offiziell verhandeln. Ich sage, wir sollten über informelle diplomatische Kanäle herausfinden, was sie eigentlich genau wollen. Eindämmung scheint mit die bessere Strategie zu sein, als weiter zu versuchen, sie auszuradieren. Dazu gehört allerdings ein Umdenken auf Seiten der USA. Einen Drohnenkrieg zu führen, ist politisch leicht durchzusetzen, aber er wird keine Lösung bringen. Auf diese Art werden wir nur den Stellvertreterkrieg zwischen den regionalen und Weltmächten verlängern, der den Aufstieg des Kalifats überhaupt erst ermöglicht hat.

Wir müssen zurück zu einer diplomatischen Realpolitik im guten Sinne, wie sie im 19. Jahrhundert betrieben wurde, weg von einer Diplomatie, die auf gute Sprüche in den Nachrichten abzielt und immer noch dem Denken des Kalten Krieges verhaftet ist. Die Diplomatie des 19. Jahrhunderts zielte auf ein Gleichgewicht der Mächte, nicht auf Propaganda. Wir brauchen wieder Politiker wie Bismarck oder Metternich! Die Schwäche der westlichen Diplomatie ist offenkundig, sie ist völlig unfähig ist, mit diesem Stellvertreterkrieg umzugehen. Noch einmal: Wir müssen herausfinden, was der IS will.

Aber wissen wir nicht bereits, was der IS will – Andersgläubige umbringen und einen möglichst großen Gottesstaat errichten?

Loretta Napoleoni: Nein, wir wissen es nicht. Was ist ihre Vision für die Region? Wollen sie Rom erobern und den Papst umbringen? Wir müssen es herausfinden.

Seit dem Irakkrieg sind die konfessionellen Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten immer stärker geworden, bis zu den Massenvertreibungen und Massakern von heute. Wie konnte es soweit kommen?

Loretta Napoleoni: Die sunnitischen Salafisten um Abu Musab Zarqawi wollten mit ihrem erbarmungslosen Terror gegen die Schiiten verhindern, dass sich eine nationale Front gegen die Besatzung bildete, in der sie selbst marginalisiert worden wären. Andererseits hat die amerikanische Besatzungsmacht vorbehaltlos die schiitische Regierung um Nuri al-Maliki unterstützt, die der sunnitischen Bevölkerung schreckliche Dinge angetan hat. Die Strategie des Westens zielte nicht auf eine multiethnische Gesellschaft. Der sunnitische Aufstand 2007 gegen Al-Qaida war möglich, weil die Stammesführer den Versprechen der USA geglaubt hatten, was sich dann als Fehler herausstellte. Ich meine, niemand hat mich im Jahr 2010 um ein Interview gebeten oder im Jahr 2012! Niemand interessierte sich für die Situation im Irak. Plötzlich ist der Islamische Staat zurück im Rampenlicht. Die Strategie des Westens war völlig kurzsichtig.

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