Krebs - Macht und Ohnmacht des Zufalls

06.02.2015

Eine Anfang des Jahres erschienene Studie, die die Entstehung von Krebs großteils auf bloßen Zufall zurückführt, stößt in der Forschergemeinde auf erheblichen Widerspruch

"Krebs zu haben, ist oft nur Pech", titelten die Stuttgarter Nachrichten. ZEIT online versah die Überschrift immerhin mit einem Fragezeichen: "Krebs - einfach nur Pech?" Ausgerechnet das Deutsche Ärzteblatt gab seinen Lesern mit: "Die meisten Krebserkrankungen sind dumme Zufälle". Zwei Drittel aller Krebserkrankungen, so konnte man eine am 2. Januar im renommierten Wissenschaftsmagazin Science erschienene Studie lesen, hätten keine konkrete Ursache (Krebsursache Zufall) - abgesehen von "bad luck", wie es die Mediziner Cristian Tomasetti und Bert Vogelstein in ihrem Paper nannten.

Nicht nur der etwas unglücklich gewählte Begriff und die darauf aufbauende Berichterstattung der Medien, sondern auch die Studie selbst entfachten eine erregte Diskussion - zumal mit Bert Vogelstein einer der bekanntesten Krebsspezialisten weltweit als Coautor fungierte. Die Diskussion führte nun so weit, dass Science nun mit dem Abstand eines Monats gleich mehrere Antworten darauf publiziert, samt einer Reaktion von Tomasetti und Vogelstein.

Dabei war die Beweisführung der beiden völlig nachvollziehbar und logisch ausgefallen. In einigen Gewebstypen des Menschen entstehen Millionen Mal öfter bösartige Wucherungen als in anderen. Wenn man nun nachzählt, wie oft sich in diesen Bereichen im Normalzustand Zellen teilen, findet man eine deutliche Korrelation: Je mehr Zellteilungen, desto häufiger tritt Krebs auf. Auf Zellebene ist das nachvollziehbar: Der Prozess, der sich dabei abspielt, ist vor Fehlern nicht gefeit. Ohne solche Fehler in Form von Mutationen gäbe es keine Evolution.

Krebszellen; Bild: National Cancer Institute; gemeinfrei

Der Einfluss allerdings, den Tomasetti und Vogelstein aufgrund der von ihnen gefundenen Korrelationen dem blinden Zufall als Ursache für die Entstehung von Krebs zumessen, hat nicht nur die Fachwelt überrascht. Dafür den Begriff "bad luck" verwendet zu haben, erklären die beiden Forscher in Science nun damit, dass sie den betroffenen Patienten auf diese Weise eine Last abnehmen konnten: Zu den traumatischen Erscheinungen einer Krebserkrankung kommt ja meist auch noch die Frage nach dem Warum - bin ich auch noch selbst schuld daran, dass es mir so schlecht geht?

Gefundene Korrelation ungerechtfertigt als Ursache interpretiert

Aber sind die Schlussfolgerungen der Forscher überhaupt sinnvoll? An der Studie gibt es offenbar einiges zu bemängeln. So hätten wichtige Daten völlig gefehlt - etwa die von Magen-, Brust- und Prostatakrebs. Andere, seltene Krebsarten seien hingegen übermäßig berücksichtigt worden. Selbst die Auswahl der US-Bevölkerung als Basis sei fragwürdig - mit einer anderen Wahl der Basis hätte man andere Ergebnisse erhalten. Selbst die statistische Auswertung scheint fragwürdig zu sein: Es ergibt sich eine Fehlerrate von 30, das heißt, das aus der Zellteilungsrate errechnete Krebsrisiko kann auch 30 Mal höher oder 30 Mal niedriger sein, als von den Forschern aufgeführt.

Die Hauptkritik der Mediziner-Kollegen geht allerdings in eine andere Richtung: Tomasetti und Vogelstein hätten die von ihnen gefundene Korrelation ungerechtfertigt als Ursache interpretiert. Dabei ließen sie jedoch etwas wichtiges außer Acht: den Einfluss der Umwelt. Die Entstehung von Krebs, schreiben etwa MIT-Forscher, vollziehe sich in zwei Phasen: Zunächst die Genese der Mutation an sich, gefolgt von ihrer Übernahme bei weiteren Zellteilungen, wodurch der Defekt erst zum Krebs werden kann. Dieser zweite Teil vollzieht sich in Geweben mit hoher Zellteilungsrate schneller.

Ob es jedoch überhaupt zu einer Mutation kommt, die zu einem Tumor werden kann - das bestimmen ganz wesentlich Umweltfaktoren, die damit die eigentlich entscheidende Rolle spielen. Selbst wenn diese bei manchen Krebsarten derzeit noch unbekannt seien, könne man doch nicht "bad luck" für die Entstehung von Tumoren verantwortlich machen. Das beweise, so die Forscher, auch die Statistik, wenn man Krebsraten unter unterschiedlichen Bedingungen vergleiche - dann zeige sich schnell, dass die Umwelt den für die Krebsentstehung wichtigsten Faktor darstelle.

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