"Auch im Journalismus gibt es Herrschende und Beherrschte"

11.02.2015

Kommunikationswissenschaftler Thomas Wiedemann über Medienforschung und das journalistische Feld

Welchen Nutzen hat die Arbeit des 2002 verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu für die Kommunikationswissenschaft? Thomas Wiedemann vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität in München, erklärt im Telepolis-Interview, warum sich die Soziologie Bourdieus gut zur Erforschung der Medien eignet und zeigt auf, was es bei der Dekonstruierung des journalistischen Feldes zu beachten gilt. Pierre Bourdieu, der als Vertreter einer offensiven Soziologie bekannt wurde und seine Disziplin als eine Art Kampsport betrachtete, die es erlaubt, gegen die verborgenen Mechanismen der Macht vorzugehen, hat auch die Medien, insbesondere das Fernsehen, einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Herr Wiedemann, in einem Aufsatz haben Sie geschrieben, dass es eine Ausdehnung des journalistischen Feldes gibt. Was meinen Sie damit?

Thomas Wiedemann: Das Internet hat eine Fülle neuer Publikationsmöglichkeiten eröffnet und dazu geführt, dass der einseitige Kommunikationsfluss vom Journalisten zum Rezipienten zumindest teilweise der Vergangenheit angehört. An die Stelle des passiven Nachrichtenkonsumenten ist ein transnationaler und vernetzter Akteur getreten, der sich selbst beteiligt und den etablierten Journalismus mit nicht institutionalisierten Massenmedien und neuen Produktformen wie etwa Blogs herausfordert.

Was genau bedeutet das für die traditionelle Medien?

Thomas Wiedemann: Lassen wir die Umwälzungen auf dem Anzeigenmarkt einmal beiseite und beschränken uns auf den Output: Ob bei der überregionalen Presse oder im Boulevard - überall ist die Auseinandersetzung mit der neuen Konkurrenz zu spüren, überall werden journalistische Regeln neu ausgehandelt, und das schlägt sich dann auf die Inhalte nieder. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch schon Mitte der 1980er Jahre, als mit der Einführung des privaten Rundfunks ein neuer Journalismus aus der Taufe gehoben wurde. Das Gleiche erleben wir in noch stärkerem Ausmaß auch heute, mit einer Potenzierung von Medienakteuren im Kampf um Aufmerksamkeit. Und das wirkt sich natürlich auf die klassischen Funktionen der Medien im Meinungs- und Willensbildungsprozess aus.

Derzeit findet eine Debatte um die Medien statt. Zumindest ein Teil der Mediennutzer ist mit dem Journalismus der großen Medien unzufrieden. Bei der teilweise ziemlich hitzigen Diskussion scheint mitunter einiges durcheinandergebracht zu werden. Können wir einmal versuchen, mit Pierre Bourdieu einen Blick auf das journalistische Feld zu werfen?

Thomas Wiedemann: Bourdieus Soziologie bietet die Möglichkeit, Medien als Institutionen und soziales Gefüge innerhalb eines größeren gesellschaftlichen Rahmens zu betrachten. Fragen der journalistischen Autonomie stehen dann ebenso zur Debatte wie grundsätzliche Interaktionen zwischen dem journalistischen Feld und dem Feld der Wirtschaft, dem Feld der Politik usw. Und auch eine bestimmte journalistische Praxis kann man mit Bourdieu nicht mehr bloß aus persönlichen Motiven von Medienakteuren heraus erklären, sozusagen losgelöst vom Kontext, von den Mitstreitern im Feld und von den Einflüssen der Zeit.

Der Feldbegriff ist Bestandteil von Bourdieus Theorie. Was genau heißt es, von einem journalistischen Feld zu sprechen?

Thomas Wiedemann: Bourdieu konzipiert das journalistische Feld als relativ autonomen Kosmos mit einer eigenen Logik. Verorten lässt sich das journalistische Feld im übergeordneten Feld der kulturellen Produktion und damit im Feld der Macht, also relativ weit oben im sozialen Raum bzw. in der Hierarchie sozialer Felder, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens abdecken. Intern ist das journalistische Feld für Bourdieu ein Netz objektiver Beziehungen, ein Kraftfeld zwischen bevorzugten und benachteiligten Positionen und mit einem autonomen und heteronomen Pol. Entscheidend ist, dass die jeweilige Position in diesem Gefüge darüber entscheidet, bis zu welchem Grad feldspezifische Regeln gegenüber Einflüssen von außen Durchsetzungskraft entfalten.

In diesem Feld, also diesem Mikrokosmos, bewegen sich nun Journalisten.

Thomas Wiedemann: Ja, in dieser bipolaren Struktur nehmen alle Akteure eine bestimmte Position ein, die ihrer sozialen Macht entspricht und die ihrem Handeln einen Raum des Möglichen vorgibt.

Mal mit Bourdieu gedacht: Wie autonom sind Journalisten? Oder anders gefragt: Wie groß ist ihr Handlungsspielraum?

Thomas Wiedemann: Was Journalisten tun können und was nicht, gibt zunächst einmal ihr Habitus vor, der wie eine vorreflexive Verhaltensdisposition dazu führt, dass sich Akteure ihrer gesellschaftlichen Position entsprechend verhalten. Ihre Position und damit letztlich ihr Handlungsspielraum bemisst sich dann aber aus dem Volumen und der Struktur ihres Kapitals, zu dem Bourdieu alle ökonomischen, kulturellen, sozialen und symbolischen Ressourcen zählt. Für eine journalistische Tätigkeit braucht es also nicht nur Geld, sondern zum Beispiel auch Schreibfähigkeiten, Kontakte und ein Stück gesellschaftliche Anerkennung.

Aber auch Medien selbst verfügen über eine bestimmte Kapitalstruktur.

Thomas Wiedemann: So ist es. Da auch Medienunternehmen, Redaktionen oder Abteilungen ein bestimmtes Kapital aufweisen, positionieren sich einzelne Journalisten doppelt - und ihr Habitus wird nicht nur durch ihre persönlichen Erfahrungen und Ressourcen strukturiert, sondern auch durch die Logik des Feldes und die Position der Medienorganisation, für die sie arbeiten. Grundannahme ist nach Bourdieu, dass sich das Zustandekommen journalistischer Produkte nur dann adäquat untersuchen lässt, wenn man das journalistische Feld dekonstruiert - durch die Analyse der objektiven Feldpositionen, der unter Journalisten typischen Habitusformen sowie des Kapitals, das im journalistischen Feld Gewinn verspricht.

Wer dem journalistischen Feld oder einem seiner Subfelder angehört, verinnerlicht automatisch dessen "Spielregeln"

Sie sprechen hier ein ganzes Bündel von Faktoren an, die es offensichtlich zu berücksichtigen gilt, wenn es um den Handlungsspielraum von Journalisten geht. Ein Vorwurf, der von Medienkritikern in der aktuellen Debatte immer wieder erhoben wird, lautet, dass Journalisten nicht unabhängig sind, dass sie gesteuert werden usw. Die Kritisierten weisen diese Vorwürfe immer wieder zurück, sprechen von ihrer redaktionellen Unabhängigkeit usw.

Aber was heißt eigentlich journalistische Freiheit, Autonomie oder Unabhängigkeit im Hinblick auf all diese Faktoren, die Sie angesprochen haben? Was heißt es, wenn in der Analyse über die journalistischen Produkte beispielsweise die Struktur des Kapitals von Journalisten oder Medien berücksichtigt werden muss? Was heißt es, wenn Journalisten mit einem Habitus im journalistischen Feld agieren, der nicht nur durch die Bedingungen und Erfahrungen ihrer eigenen Sozialisation geprägt wurde, sondern auch durch die Logik des Feldes und die Positionierung des jeweiligen Mediums innerhalb des Feldes?

Thomas Wiedemann: Autonomie bedeutet im Sinne Bourdieus, dass das journalistische Feld nach seiner Logik funktioniert und etwa traditionelle Werte des Journalismus gegenüber Ansprüchen von außen, zum Beispiel aus der Wirtschaft oder Politik, weithin geltend macht.

In Deutschland können sich dem Einfluss der Wirtschaft am ehesten Nachrichtenmagazine, überregionale Tageszeitungen und öffentlich-rechtliche Rundfunkangebote entziehen. Hier befinden wir uns am Machtpol des Feldes und hier steht den journalistischen Akteuren zugleich genügend Kapital zur Verfügung, um Exklusivnachrichten zu produzieren, also das, worum es im Feld eigentlich geht. Zum Mainstream im deutschen Journalismus gehört aber auch das Selbstverständnis eines neutralen Informationsprofis, der publikumsorientiert arbeitet. Und das führt zu Habitus-Anpassungen, also zur Angleichung journalistischer Verhaltensmuster. Wer dem journalistischen Feld oder einem seiner Subfelder (dem Hauptstadt-Journalismus, der Lokalpresse usw.) angehört, verinnerlicht automatisch dessen "Spielregeln" - bis zu einem gewissen Grad auch auf Kosten ursprünglicher Bewertungskriterien. Alles andere wäre ja schädigend für die eigene Position.

Bourdieus Soziologie ist geprägt von dem Antrieb, die unsichtbaren Mechanismen der Macht, die verborgenen Strukturen von Herrschaft und Unterdrückung kenntlich zu machen. In Ihrer Arbeit plädieren Sie dafür, dass die Erkenntnisse von Bourdieu dazu genutzt werden können, eine "Analyse der Trennlinien, Konflikte und Kämpfe innerhalb der Kommunikationswissenschaft (mit ihrer Vielzahl von Selbstverständnissen, Subfeldern und Gegenständen) durchzuführen". Außerdem, so schreiben Sie weiter, lasse sich untersuchen, wie die Teildisziplinen innerhalb der Kommunikationswissenschaften zueinander stehen, "wer die Herrschenden sind, die die Spielregeln (legitime Fragestellungen, Theorien und Methoden) festlegen, und welche Strategien die Beherrschten anwenden, um die Feldstruktur zu verändern". Wie sieht es aus, wenn Sie diesen Blick auf das journalistische Feld veranschlagen?

Thomas Wiedemann: Selbstverständlich ist ein konfliktorientierter Blick nicht nur auf das wissenschaftliche Feld möglich. Auch im Journalismus gibt es Herrschende und Beherrschte oder entstehen Machtkämpfe zwischen Subfeldern. Der Online-Journalismus ist zum Beispiel auf dem besten Weg, eine eigene Logik zu entwickeln und eine gleichrangige Position gegenüber den Printangeboten einzunehmen. Dass die bestehende Ordnung dadurch infrage gestellt wird und auch in Zukunft ständig neue Konkurrenz für den alteingesessenen Journalismus heranwachsen wird, steht außer Frage.

Wenn Bourdieu heute auf den Kampf um die Deutungshoheit zwischen den Vertretern der traditionellen Medien und den alternativen Journalisten blicken würde, was würde er Ihrer Meinung nach sagen und analysieren?

Thomas Wiedemann: Zunächst einmal würde er versuchen, die Grenzen des journalistischen Feldes neu zu definieren. Dass dabei auch der nationale Rahmen an Bedeutung verloren hat, müsste er ebenso berücksichtigen. Gut möglich, dass Bourdieu auch seine Kritik an den herrschaftsstabilisierenden Mechanismen und der kommerziellen Logik im Journalismus ausweiten würde. Am spannendsten fände der Meister wohl die Auseinandersetzung zwischen etablierten und neuen Medien sowie ihre Strategien zum Machterhalt bzw. zur Machtgewinnung. Und hier würde der späte Bourdieu ganz klar den Herausforderern, also den alternativen Journalisten, die Daumen drücken.

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