Der Aufstieg der kreativen Klasse verändert die Städte

08.02.2015

Nach einer Studie von Richard Florida und Kollegen verdrängt die kreative Klasse die Angestellten und Arbeiter aus den Innenstädten, die urbane Bevölkerung wird homogener

Der Urbanist Richard Florida vom Martin Prosperity Institute an der Universität Toronto hat den Begriff der "kreativen Klasse" der "Wissensarbeiter" geprägt, die zur Renaissance der Städte und ihrem wirtschaftlichem Wachstum beigetragen hat (The Rise of the Creative Class, 2002). Seitdem eifern Städte in der Standortkonkurrenz darum, für die schon allein wegen des Namens begehrte kreative Klasse attraktiv zu werden und Kreativquartiere aufzubauen. Da sollen Künstler, Architekten, Wissenschaftler, Intellektuelle, Journalisten, IT-Start-Ups, Werbeleute, Designer, Unternehmer, mithin alle, die irgendwie Neues schaffen, sich ballen, Netzwerke bilden, sich befruchten und neben der Schaffung von Wohlstand ein lebendiges Quartier bilden, das das Image der Stadt als Wirtschafts- und Tourismusstandort fördert.

Den Überschwang, die Zukunft der Städte auf die kreative Klasse zu setzen, hat Florida schon länger merklich zurückgefahren. Jetzt hat er mit Kollegen eine Studie vorgelegt, die zeigt, wie die kreative Klasse sich in den 12 größten amerikanischen Städten ausgebreitet hat und dabei die zwei anderen urbanen Klassen, die Dienstleistungs- und die Arbeiterklasse, aus städtischen Gebieten verdrängt hat. Die Wissenschaftler haben Daten der Volkszählung 2010 ausgewertet, die Wohnorte und Beschäftigung verbindet, um zu erkennen, welche Klasse wo wohnt.

Zur kreativen Klasse, die ein Drittel der Werktätigen ausmacht, gehören für die Autoren die gut ausgebildeten Menschen, die mit Technik, Management, Künsten, Gesundheit oder dem Rechtswesen zu tun haben. Es ist eigentlich die Schicht der Wissensarbeiter, die weit größer ist als die Gruppe der Künstler, Designer, Literaten etc., also der Bohème. In den Vierteln, in denen sich die kreative Klasse konzentriert, findet man auch die entsprechenden kulturellen Angebote, Kneipen, Restaurants, Cafes oder Geschäfte mit entsprechend gehobenen Waren, beispielsweise Öko-Lebensmitteln. Die mit einem Anteil von 45 Prozent größere und schneller wachsende Klasse der Dienstleister ist weniger gut ausgebildet und verdient auch weniger. Sie findet sich im Verkauf, im Lebensmittelbereich, in persönlichen Dienstleistungen und in der Verwaltung. Und dann gibt es die schrumpfende Arbeiterklasse, die in Fabriken, auf dem Bau oder im Transport beschäftigt ist. Das ist ziemlich grob eingeteilt, wobei die Tätigkeiten nicht unbedingt mit dem Einkommen zusammenhängen.

Die Studie untersucht die gegenwärtige räumliche Teilung der Stadt anhand der Modelle, nach denen die reicheren Schichten im Industriezeitalter erst einmal aus den Innenstädten in die Vororte gezogen sind. Empirisch nahm in der Regel der Wohlstand mit abnehmender Siedlungsdichte zu, während in den Innenstädten die ärmeren Schichten wohnten, im Zentrum befanden sich die Geschäfte und Büros. Seit einiger Zeit hat sich mit dem Einzug der Wissensökonomie der Trend umgekehrt, was gelegentlich als "great Inversion" beschrieben wird, die reicheren Schichten und die kreative Klasse kehren in die Innenstädte zurück und verdrängen im Zuge der Gentrifizierung die ärmeren Schichten zunehmend an die Ränder der Stadt und die Vorstädte.

Die Lokalisierung der kreativen Klasse in New York. Bild: R. Florida

Vier Merkmale für die Veränderung der Städte durch die wachsende kreativen Klasse:

  1. Konzentration in der Innenstadt
  2. Nähe zu schnellen Verbindungen von Massenverkehrsmitteln wie U-Bahnen
  3. Nähe zu Wissensinstitutionen wie Universitäten
  4. Nähe zu begehrten Lagen an Küsten, Seen, Flüssen oder Parks

In den postindustriellen Städten Washington, San Francisco oder in Boston zeigt sich, dass nach der Klasseneinteilung der Wissenschaftler in der Innenstadt praktisch keine Angehörigen der Arbeiterklasse mehr wohnen. Die kreative Klasse stellt die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung über 16 Jahre, zudem bewohnen ihre Angehörigen vorwiegend dieselben Viertel, während die Dienstleistungsklasse in anderen Vierteln an der Peripherie die Mehrheit stellt. In Washington D.C. leben 5,7 Millionen Menschen, fast 50 Prozent gehören der kreativen Klasse an, 14 Prozent mehr als im nationalen Durchschnitt. Das Einkommen ist höher als im Durchschnitt. Dreiviertel leben in Wohngebieten, in denen die Angehörigen der kreativen Klasse die Mehrheit bilden. Die Dienstleistungsklasse wurde an die entfernten Viertel der Stadt verdrängt oder bewohnt die Räume zwischen den Vierteln mit hohen Konzentrationen der kreativen Klasse, zum großen Teil in Gegenden, die früher von Schwarzen bewohnt wurden. Die Arbeiterklasse stellt nur in einem Prozent der Bezirke mehr als 50 Prozent der Bewohner. Sie wohnt in Maryland oder noch weiter draußen in den Vororten.

In anderen Städten wie New York City, wo auch noch mehr als die Hälfte der Angehörigen der kreativen Klasse in Bezirken wohnt, in denen sie die Mehrheit stellen, oder Los Angeles ist die Segregation allerdings fragmentierter und weniger einheitlich und ziehen sich wie in Houston oder Philadelphia die Wohngebiete der kreativen Klassen von der Innenstadt bis in die Vorstädte. In Chicago lebt die kreative Klasse am Lake Michigan und um den Hyde Park und die Universität herum, die Dienstleistungsklasse an den Grenzen dieser Wohngebiete und an der Peripherie, aber in der alten Industriestadt gibt es auch noch Wohngegenden, die vorwiegend von der Arbeiterklasse bewohnt sind. In der Innenstadt von Atlanta gibt es eine besonders scharfe Abgrenzung. Der gesamte Nordosten der Stadt wird, beginnend Downtown und mit dem Georgia Institute of Technology zu 75 Prozent und mehr von der kreativen Klasse bewohnt.

Die Klassen leben also zusammen, bilden homogene Viertel, die von ihrer Lebensweise geprägt werden. Dabei ist die räumliche Aufteilung nicht nur vom sozioökonomischen Status bestimmt. In den von der kreativen Klasse bewohnten Vierteln leben auch die Künstler, Grafiker, Akademiker, Rechtsanwälte, Mitarbeiter von Politikern oder Ministerien oder Manager, die keine großen Einkommen erzielen, aber die eine ähnliche Bildung aufweisen und einen ähnlichen Lebensstil führen. Die kreative Klasse zieht in die Innenstädte ein, lässt sich gerne in der Nähe von großen Universitäten oder Wissenschaftszentren, Museumsvierteln oder interessanten Wohnlagen wie Hafenvierteln oder an der Küste, an Kanälen, Seen oder Flüssen nieder. Attraktiv sind vor allem auch Anbindungen an große Verkehrsverbindungen der öffentlichen Nahverkehrsmittel. Die Angehörigen der kreativen Klasse steigen auf Massenverkehrsmittel um, um in die Geschäftsviertel zu gelangen, weil sie so im Gegensatz zu Autofahrern noch produktiv sein können. Die moderne Trennung von Arbeiten und Wohnen löst sich auf, Arbeit, Wohnen, Freizeit und Konsum verschmelzen oder liegen nahe beieinander. Die kreative Klasse arbeitet viel und lange, aber auch flexibel und will alles in der Nähe und möglichst zu jeder Zeit verfügbar haben.

Wegen der steigenden Preise werden die ärmeren Schichten an die Ränder oder die weniger schönen Viertel der Stadt gedrängt, wo sie die weitesten Wege in die Innenstadt und die geringsten Annehmlichkeiten haben. Das ist im Grunde nichts Neues und bestätigt die These von den zunehmenden Gentrifizierung, auch wenn es weiterhin Inseln der kreativen Klasse in den Vororten gibt. Deutlich macht die Studie, dass sich die US-Städte - und wahrscheinlich auch die deutschen - neu räumlich aufteilen und das Bild von der heterogenen, gemischten Stadt als urbanem Ideal immer weiter verloren geht. Der Einzug der kreativen Klasse in die Innenstädte verschärft die Gentrifizierung und Homogenisierung der Städte:

Das Stadtzentrum wurde zu einer entscheidenden, wenn nicht zur Hauptachse der Klassengeografie der modernen Metropole. Die Transformation des Stadtkerns als Lebenszentrum der kreativen Klasse ist eine überraschende Abkehr von seiner früheren Rolle als Zentrum für Industrie, Handel und Einkauf - und von seiner Entleerung in den 1960er und 1970er Jahren.

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