"Ohne historische Aufarbeitung bleibt die Ukraine ein Pulverfass"

10.02.2015

Der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe über den ukrainischen Nationalismus und den problematischen Umgang mit Pluralität

Der in Polen geborene und in Berlin lebende Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe hat jahrelang den ukrainischen Nationalismus erforscht und die erste wissenschaftliche Biografie von Stepan Bandera geschrieben, die sich auch tiefgehend mit dessen politischem Kult und Mythos auseinandersetzt. Im Interview mit Telepolis spricht Rossoliński-Liebe über die Bedeutung von Nationalismus und fehlender Geschichtsaufarbeitung für den heutigen Konflikt in der Ukraine.

Gedenkfeier zum 107. Geburtstag von Stepan Bandera in Kiew am 1. Januar 2015. Bild: Nabak/CC-BY-SA-3.0

Herr Rossoliński-Liebe, Sie forschen seit vielen Jahren zur Geschichte der Ukraine und kennen das Land gut. Hat Sie der Konflikt in der Ukraine, der ja vor rund 15 Monaten begann, eigentlich überrascht?

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Der Konflikt in der Ukraine selbst hat mich nicht überrascht aber der Verlauf des Konflikts, sein Ausmaß und der darauffolgende Krieg schon. Als ich in Lemberg, zum Auslandsemester 2004 war und als ich in den folgenden Jahren in der Ukraine geforscht habe, habe ich die kulturelle und politische Feindschaft zwischen Ost- und Westukrainern immer wieder gemerkt. Besonders Westukrainer in Galizien haben sich pejorativ über Ostukrainer geäußert. Sie behaupteten, dass sie europäischer als die Ostukraine seien und werteten die Ostukrainer ab, weil dort in der Ostukraine die ukrainische Sprache und der ukrainische Nationalismus weniger verbreitet waren.

Dabei habe ich mich immer wieder gewundert, warum der Nationalismus in der Westukraine als ein europäischer Wert verstanden wird und warum man das ganze Land nach dem Muster der Westukraine (Ostgalizien und Wolhynien) nationalisieren sollte, anstatt die kulturelle Pluralität zu unterstützen und die russische Sprache als eine gleichberechtigte Zweitsprache anzuerkennen. Davon würde die ukrainische Kultur, Gesellschaft und der Staat profitieren. Für viele Menschen in der Zentral- und Ostukraine war Ukrainisch lange und ist auch heute noch eine Sprache, die sie im Alltag nicht benutzen und die sie nicht beherrschen. Von ihnen zu verlangen, in den Schulen, Behörden oder Universitäten nur in der offiziellen Staatssprache Ukrainisch zu sprechen, kam mir merkwürdig vor. Ein anderer Umgang mit der kulturellen Pluralität würde auch Wladimir Putin und den Separatisten Wind aus den Segeln nehmen, weil sie die Ostukrainer und die in der Ukraine lebenden Russen nicht mehr "beschützen" müssten.

Sie haben den ukrainischen Nationalismus untersucht und die Heterogenität des Landes in Ihren Publikationen betont. Trug der Nationalismus zu dem Konflikt in der Ukraine bei?

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Kulturpolitisch hat sich die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion sehr eigenartig entwickelt. Diese Entwicklung hat nicht wirklich mit der Heterogenität dieses Landes korrespondiert. Die Ukrainer sind aufgrund ihrer Geschichte vielfältig, haben verschiedene lokale und nationale Identitäten, obwohl das Land durch die Sowjetisierung vereinheitlicht wurde. Die meisten in der Ukraine lebenden Menschen definieren sich zwar als Ukrainer, aber sie sprechen nicht alle Ukrainisch und fühlen sich verschiedenen historischen Traditionen zugehörig. Galizien hat eine andere Geschichte als die Zentral- oder die Ostukraine. Transkarpatien hat nur bedingt etwas mit der Krim oder der Ostukraine zu tun.

Um so einen Staat kulturpolitisch angemessen zu verwalten, muss man seine Vielfalt akzeptieren und mit ihr umgehen können. Man kann nicht von allen seinen Bürgern verlangen, dass sie sich mit einer nationalistischen Version der ukrainischen Geschichte identifizieren oder dass sie alle und in allen Situationen Ukrainisch sprechen. Es ist ungefähr so, als ob sie alle Menschen in der Schweiz dazu verpflichten würden, in den Schulen und in Ämtern nur Deutsch zu sprechen. Solche Verordnungen führen zu Frustrationen, ebenso wie ein künstlich-nationalistisches Geschichtsnarrativ, mit dem sich niemand wirklich identifizieren kann. Ein Staat, der die Vielfältigkeit und die Heterogenität einer Gesellschaft nicht akzeptiert und respektiert und die Gesellschaft in einen nationalen Monolith zu verwandeln versucht, ist unzeitgemäß und wurde zurecht vor allem in der Amtsperiode vom Präsident Viktor Juschtschenko kritisiert.

Bitte erklären Sie das an einem Beispiel. Was hat Juschtschenko konkret gemacht?

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Juschtschenko war ukrainischer Präsident vom 2005 bis 2010. Er gründete 2005 das Institut des Nationalen Gedenkens, das zwei Narrative auf der Staatseben popularisierte. Das erste Narrativ stellte die Hungersnot, die von 1932 bis 1933 in der Sowjetukraine stattfand und bei der 2,6 bis 3,9 Millionen Menschen verhungerten, als einen gegen die ukrainische Nation gerichteten sowjetischen Genozid dar, bei dem 7 bis 10 Millionen Ukrainer absichtlich umgebracht wurden.

Das zweite Narrativ heroisierte die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die Anfang 1943 von der OUN aufgestellte Ukrainische Aufständische Armee (UPA) und stellte sie zusammen mit der Waffen-SS-Division Galizien als den Kern der ukrainischen Befreiungsbewegung dar. Die beiden Narrative waren im Kalten Krieg in der ukrainischen Diaspora verankert, die zum Teil aus den Veteranen dieser Bewegung bestand und sich der Aufarbeitung der Problematik des Zweiten Weltkrieges, besonders der Schoah, in der Westukraine vehement widersetzte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde vor allem das OUN-UPA-Narrativ in die Westukraine importiert, wo es nicht nur von rechtsradikalen Gruppierungen sondern auch nationalistischen und "liberalen" Intellektuellen, auch Schul- und Gymnasiumlehrer sowie Universitätsprofessoren verbreitet wurde.

Weder die Verbrechen der ukrainischen Nationalisten noch die sowjetische Massengewalt wurde aufgearbeitet

Hat also die Nicht-Aufarbeitung der Geschichte zur Radikalisierung der politischen Situation in der Ukraine beigetragen?

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Meines Erachtens trug sie maßgeblich bei, wobei wir es nicht als den einzigen oder wichtigsten Faktor für den Konflikt verstehen sollten. Die Ukraine war und ist nicht nur ein heterogenes Land, sondern auch ein Gebiet in dem verschiedene Regime und totalitäre Bewegungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg Massenverbrechen begangen haben. Im Zweiten Weltkrieg wurden in der Ukraine fast 7 Millionen Personen, davon über 5 Millionen Zivilisten und darunter über eineinhalb Millionen Juden von den Nationalsozialisten, den sowjetischen Truppen und den ukrainischen Nationalisten ermordet. Ukrainer kämpften sowohl auf Hitlers Seite gegen Russland als auch auf Stalins Seite gegen Deutschland.

Nach dem Ende des Krieges hörte die Massengewalt vor allem in der Westukraine nicht auf und plagte die Zivilbevölkerung bis in die frühen 1950er Jahre. Aufgrund verschiedener Faktoren wurden danach weder die Verbrechen der ukrainischen Nationalisten noch die sowjetische Massengewalt aufgearbeitet. Stattdessen wurden beide Arten der Massengewalt verklärt und sind zu Bestandteilen ukrainischer Identität geworden. Man distanzierte sich nur zu den Verbrechen der Nationalsozialisten aber auch die Wahrnehmung der deutschen Verbrechen war selektiv. Der Holocaust spielte keine Rolle in der Sowjetukraine und wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion marginalisiert, geleugnet oder auch von rechtsradikalen Elementen als die schönste Episode in der europäischen und ukrainischen Geschichte verstanden, so wie ihn im Kalten Krieg die ukrainische Diaspora dargestellt hatte.

Infolge dieser Prozesse, die auch von Intellektuellen und Historikern getragen wurden, wurden Kriegsverbrecher wie Dmytro Kliachkivs’kyi, das erste Oberhaupt der UPA auf die Podeste gestellt. Diese kulturpolitische Entwicklung wurde weder in der Ukraine noch in anderen Ländern wirklich registriert bzw. verstanden, teilweise auch deshalb, weil die Forschung zu einigen Themen nicht vorlag oder weil die bereits vorliegende Forschung ignoriert wurde. In Deutschland zum Beispiel hat man zwar die Verbrechen der Nationalsozialisten und auch der sowjetischen Truppen untersucht. Aber man hat sich wenig dafür interessiert, wie die Ukrainer in die verschiedenen Formen der Massengewalt involviert waren, wie die OUN mit der UPA Polen, Juden und Ukrainer massakrierten und wie die Nicht-Aufarbeitung und Verklärung dieser Thematik sich auf die ukrainische Gesellschaft und Politik ausgewirkt haben.

Und wie haben sie sich ausgewirkt?

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Die OUN, die im Frühjahr 1943 die UPA gründete, wirkte zwar nur in der Westukraine, aber die Nicht-Aufarbeitung dieser Thematik und ein apologetischer Umgang mit ihr trug zu der Radikalisierung der kulturpolitischen Lage in der gesamten Ukraine bei. Diese Thematik polarisierte die ukrainische Gesellschaft in allen Regionen der Ukraine, weil sie an viele andere Fragen wie dem sowjetischen Terror, dem Holocaust und der deutschen Besatzung gekoppelt war. Die OUN, UPA und auch die Waffen-SS Galizien wurden durch den gesamten Kalten Krieg von ihren Veteranen, die 1944 die Ukraine mit Deutschen verlassen hatten, als antikommunistische Helden verklärt und für den Kampf gegen die Sowjetunion instrumentalisiert. Die ukrainische Diaspora war und ist ein mächtiges Organ, das vor und nach dem Zerfall der Sowjetunion die politische Lage in der Ukraine maßgeblich beeinflusste.

Die Untersuchung der Kollaboration mit den Nationalsozialisten sowie der von den ukrainischen Nationalisten begangenen Verbrechen wurde von der ukrainischen Diaspora und auch vielen mit ihr assoziierten und auch nicht assoziierten Wissenschaftlern als "antiukrainische Propaganda" abgewiesen. Gleichzeitig wurden ukrainische Nationalisten in der sowjetischen Propaganda als "Verräter" angeprangert und ihre Verbrechen ständig auf eine mystisch-sowjetische Art und Weise erinnert. In der sowjetischen Ukraine wurden dagegen Denkmäler für die Rote Armee, die sowjetischen Partisanen und in der Westukraine auch für NKVD-Einheiten errichtet, die die ukrainischen Nationalisten bis in die 1950er Jahre bekämpft haben und mutmaßlich sogar mehr Zivilisten als die OUN und UPA ermordeten und eindeutig mehr verhafteten und deportierten.

Die OUN und UPA begangen Massenverbrechen nicht nur während der deutschen Besatzung an Polen und Juden, sondern auch während der sowjetischen Okkupation an Ukrainern, die sie der Zusammenarbeit mit den sowjetischen Behörden beschuldigten. Die Nicht-Aufarbeitung solcher Themen kann sich nur ungut auf die Gesellschaft auswirken. Sie trägt zu ihrer Polarisierung bei, weil die nicht-aufgearbeitete Geschichte sich leicht instrumentalisieren lässt und bei der Mobilisierung von Menschen für weitere Gewalt benutzt werden kann.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden in der Ostukraine Denkmäler für Stalin gebaut und auch für die Opfer der OUN-UPA. Sie waren eine Reaktion auf die zahlreichen Denkmäler für die OUN und UPA. Die Heroisierung von Kriegsverbrechern wurde von ukrainischen Historikern und Intellektuellen grundsätzlich nicht kritisiert und von einem Teil westlicher Historiker aus verschiedenen Gründen ignoriert bzw. mitgeleugnet. Viele ukrainische Historiker haben behauptet, dass sie nicht wissen, was die "Helden" im Krieg gemacht hatten und was die Prämissen der Ideologien waren, denen sie gefolgt waren. Dies stimmt zumindest soweit, dass sie es nicht wahrgenommen haben wollten.

Deutsche Historiker haben ukrainische Historiker darin bestätigt, indem sie ihre Forschung nur auf die deutsche Besatzung in der Ukraine beschränkt haben und das Schicksal der Ukrainer, vor allem ukrainischer Täter, marginalisiert oder gänzlich ausgelassen haben. Ich glaube, dass sich dieser unkritische Umgang mit der Geschichte, den ich als unverantwortlich verstehe und mehrmals kritisiert habe, auf die politische Situation ausgewirkt und zum Konflikt in der Ukraine beigetragen hat. Um die Geschichte in der Ukraine aufzuarbeiten, braucht man eine transnationale, unvoreingenommene und kritische Perspektive, die die Kompliziertheit und die Komplexität der ukrainischen Geschichte nicht ignoriert, gleichzeitig aber auf die schwierigen Fragen fokussiert und sie erforscht.

Aber warum hat das alles gerade im heutigen Konflikt so eine große Bedeutung?

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Die Geschichte spielt in der Ukraine - anders als in westlichen Ländern - eine wichtige Rolle, weil die Ukraine sich als eine Nation formiert und die Geschichte zur Konstruktion der kollektiven Identität braucht. Wenn bei diesem Prozess keine aufgearbeitete Geschichte zur Verfügung steht, kann es durchaus zu prekären Situationen kommen, vielleicht sogar zu Bürgerkriegen.

Da in der Ukraine, keine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, des Holocaust sowie der stalinistischen Verbrechen erfolgte, war es dort nicht schwer, Täter zu rehabilitieren und ihre genozidalen Handlungen und Pläne als Heldentaten zu verklären. Obwohl die Initiativen für diese merkwürdigen geschichtspolitischen Entwicklungen oft von radikalen Parteien und Gruppierungen ausgingen, wurden sie von ukrainischen Intellektuellen akzeptiert und getragen, was man unter anderem an der Debatte um Stepan Bandera sehen konnte, die von 2010 bis 2011 erfolgte und bei der mehrere ukrainische Historiker und Intellektuelle unkritisch dem Akt des Präsidenten Juschtschenko zustimmten, Bandera als einen Nationalhelden auszuzeichnen.

Davor wurden bereits andere Persönlichkeiten dieser Bewegung von demselben Präsidenten ausgezeichnet: darunter Jaroslaw Stezko, der 1941 die - so wörtlich - "Vernichtung der Juden und die Anwendung der deutschen Methoden, die den Juden nicht ermöglichen, sich zu assimilieren" begrüßte und Roman Schuchewytsch, der zwischen 1940 und 1943 die deutsche Uniform getragen hatte und gegen "Partisanen" in Weißrussland kämpfte, danach als Oberhaupt der UPA die Massengewalt gegen Polen und Juden beaufsichtigte und auch die UPA leitete, als sie ca. 20.000 Ukrainer wegen einer angeblichen oder tatsächlichen Zusammenarbeit mit den sowjetischen Behörden massakrierte.

Die Verklärung und Nicht-Aufarbeitung solcher Aspekte der Geschichte ist gefährlich. Die Ukrainer - wie alle anderen Bürger dieser Welt - haben es verdient, in einem Land zu leben, in dem Kriegsverbrecher nicht auf Podesten stehen, in dem Kinder in der Schule nicht nationalistisch oder post-sowjetisch indoktriniert werden und in dem sie in den Buchhandlungen Bücher kaufen können, die sie über die Vergangenheit informieren und nicht zur Bewunderung von Personen wie Stalin, Bandera oder Schuchewytsch ermutigen.

Die Ukraine braucht eine pluralistische Identität

Welche Identität und welches Staatskonzept braucht die Ukraine Ihrer Meinung nach?

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Die Ukraine braucht eine pluralistische Identität und einen Staat, der offen für die kulturelle Vielfalt ist, und der die schwierigen Momente der nationalen Geschichte - besonders die verschiedenen Formen der Massengewalt - aufarbeitet und die ukrainische Identität auf einer möglichst transnational ausgerichteten Geschichte aufbaut. Da, wie schon gesagt, die Geschichte in der Ukraine eine wichtige Rolle bei der Konsolidierung der Nation spielt und als wichtiges Identitätselement gilt, wird man einen demokratischen ukrainischen Staat nicht aufbauen können, ohne sich mit der Geschichte kritisch auseinander gesetzt zu haben. Die Nicht-Aufarbeitung der Geschichte wird zur Polarisierung der Gesellschaft führen und wird es Putin und anderen äußeren Akteuren leicht machen, das Land zu destabilisieren.

Und was muss nun passieren? Die Fronten in der Ukraine sind inzwischen ja völlig verhärtet und nach Aufarbeitung der eigenen Geschichte sieht es eher nicht aus.

Grzegorz Rossoliński-Liebe: Die Aufarbeitung der Geschichte ist ein langwieriger Prozess, der ganz bestimmt nicht jetzt im Bürgerkrieg erfolgen kann oder den bereits laufenden Krieg zur Ruhe bringen würde. Die Aufarbeitung der Geschichte kann jedoch in Zukunft den ukrainischen Staat stärken und stabilisieren, die ukrainische kollektive Identität entideologisieren und pluralisieren und die regionalen Feindschaften in der Ukraine beheben. Meiner Meinung nach könnte hier die EU durchaus helfen. Es ist in ihrem Interesse Frieden in der Ukraine zu stiften und die Ukrainer darin zu unterstützen, einen demokratischen und stabilen Staat aufzubauen, der sich nicht durch innere Konflikte oder Interventionen aus Russland destabilisieren lässt.

Deutschland als Staat ist dafür weniger geeignet, weil sich hier die Tradition etablierte, nur die deutsche Geschichte kritisch aufzuarbeiten und sich in andere nationale Geschichten nicht einzumischen bzw. andere Maßstäbe für die Erforschung der deutschen und nicht-deutschen Geschichte anzuwenden. Deshalb wurde in Deutschland auch lange die Problematik des Holocaust und des europäischen Faschismus auf die Geschichte des Nationalsozialismus reduziert.

Kollegen, die diesem deutsch-nationalen Narrativ nicht folgten und die Problematik komplexer auffassten, wurden in der Regel ausgegrenzt bzw. als inkompetent und "unwissenschaftlich" diffamiert. Deshalb hat sich auch in Deutschland keine geschichtswissenschaftliche Forschungsrichtung herausgebildet, die in der Lage wäre, die schwierigen Fragen der ukrainischen Geschichte aufzugreifen und sie so zu erforschen, dass sie einer demokratischen Gesellschaft dienen können. Einige wenige Ausnahmen wie die Arbeit von Franziska Bruder "Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!" wurden in Deutschland - anders als im Ausland - nicht wirklich rezipiert und die Autoren solcher durchaus wichtiger und solider Arbeiten konnten in der deutschen Wissenschaft keinen Fuß fassen.

So haben wir heute in Deutschland zwar gute Arbeiten über die deutschen Täter und den Nationalsozialismus im Allgemeinen, aber die nicht-deutsche bzw. europäische Täterproblematik bleibt für die deutsche Geschichtswissenschaft ein Tabu, mit dem man hierzulande nicht umgehen kann, nach Möglichkeit meidet oder ausblendet und dessen Aufarbeitung zu Skandalen führt, ähnlich wie die Aufarbeitung der deutschen Täter in den 1960er und teilweise auch den 1980er und 1990er Jahren.

Deshalb wäre bei der Aufarbeitung der ukrainischen Geschichte vor allem die Hilfe der EU gefragt bzw. einer internationalen Historikerkommission, in der sich Spezialisten für die Geschichte des Holocaust, des ukrainischen Nationalismus und der Sowjetunion befinden würden. Auch könnten hier Länder wie die USA oder Israel helfen, in denen es weniger ideologische Hemmungen als in Deutschland gibt, die ukrainische Tätergeschichte kritisch zu untersuchen, und in denen die Tendenz nicht vorherrscht, die Ukrainer nur im Kontext der Opfer anderer Regime zu analysieren.

Meines Erachtens ist es wichtig, dass nicht-ukrainische Historiker damit aufhören, die Augen davor zuzudrücken, wie die Geschichte in der Ukraine politisch instrumentalisiert wird und wie die Massengewalt mit Hilfe der Geschichtspolitik salonfähig gemacht wird bzw. als eine legitime Maßnahme gegen "Ungläubige" und "Verräter" aus anderen Regionen des Landes tradiert wird. Die Überzeugung, dass ukrainische Historiker ihre nationale Geschichte alleine aufarbeiten können oder es auch irgendwann tatsächlich machen werden, ist eher naiv und wegen der heutigen politischen Lage unverantwortlich. Das bedeutet nicht, dass es in der Ukraine keine Historiker gibt, die den Stand der Dinge ähnlich wie ich sehen oder kein Interesse daran haben, die ukrainische Geschichte aufzuarbeiten. Diese Historiker haben jedoch weder die Möglichkeiten noch das notwendige Wissen, um es zu machen und sie werden manchmal dazu noch von ihren westlichen Kollegen ermuntert, es nicht zu machen bzw. sich nur als Opfer der Nationalsozialisten und der Sowjetunion zu verstehen.

Die Aufarbeitung der Geschichte in der Ukraine wird vielleicht nicht einfach sein, aber wegen der Rolle, die die Geschichte in der ukrainischen Gesellschaft spielt, ist sie absolut notwendig. Dieser Prozess wird den Ukrainern helfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, welche komplizierte und von Gewalt durchtränkte Vergangenheit ihr Land hat, und ebenso ein Gefühl dafür, was Demokratie und Zivilgesellschaft sind. Dadurch wird es für Menschen in verschiedenen Regionen des Landes auch einfacher sein, sich in die Lage von Ukrainern in anderen Teilen der Ukraine zu versetzen, die Hassgefühle gegenüber bestimmten Gruppen, Traditionen oder Ideologien abzubauen und sich in Europa verorten zu können. Das ist vielleicht kein einfacher Weg, aber ohne ihn wird sich in der Ukraine längerfristig wenig ändern und das Land wird ein Pulverfass bleiben.

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