1, 2 oder 3 Täter?

17.02.2015

Nach den Angriffen auf eine Meinungsfreiheitskonferenz und eine Synagoge versuchen die dänischen Behörden die Hintergründe der Tat aufzuklären

Am Samstag verübte ein 22-Jähriger mit einer automatischen Waffe einen Anschlag auf das Kopenhagener Kulturzentrum Krudttønden ("Pulverfass"), in dem eine Diskussion über Meinungsfreiheit stattfand. Dabei erschoss er den Dokumentarfilmer Finn Nørgaard und verletzte drei Polizeibeamte. Mehr Opfer gab es lediglich deshalb nicht, weil die vor dem Gebäude postieren Polizisten umgehend zurückfeuerten und der Täter nicht in in den Saal eindringen konnte. Dutzende Kugeln durchschlugen zwar Fenster und Türen, trafen aber niemanden, weil sich die Teilnehmer sofort auf den Boden geworfen oder anderswo Deckung gesucht hatten.

Kurz darauf tauchte ein scheinbar Betrunkener vor der Kopenhagener Krystalgade-Synagoge auf und zog plötzlich eine versteckte Waffe. Hier konnten freiwillige Wachleute und Polizisten verhindern, dass der Mann in eine Konfirmationsfeier mit Dutzenden Gästen eindrang und ein Massaker anrichtete. Einer ehrenamtlicher Wachmann verlor in Ausübung dieses Dienstes sein Leben, zwei Polizisten wurden verletzt.

Anhand von Überwachungsfotos konnte die Polizei den Fluchtweg des Täters eingrenzen und stellte am Sonntagmorgen einen Verdächtigten vor einem observierten Gebäude. Als der Verdächtige darauf hin das Feuer auf die Beamten eröffnete, kam er im Abwehrfeuer um.

Später wurde bekannt, dass es sich bei dem Mann um den 22-Jährigen Omar el-Hussein gehandelt hatte, einen in Dänemark geborenen Araber, der erst wenige Wochen vor der Tat vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden war. Dort hatte er etwa ein Jahr lang gesessen, nachdem er in der U-Bahn einen 19-Jährigen niedergestochen und schwer verletzt hatte. Vorher war er bereits durch Bandenkriminalität und offen geäußerten Antisemitismus aufgefallen.

Am Sonntag wurden im Zusammenhang mit den Anschlägen zwei Männer festgenommen. Sie sollen dem Täter logistische Hilfe geleistet haben, aber nicht direkt an der Durchführung beteiligt gewesen sein. Wie es dazu kam, dass am Samstag in allen Meldungen erst von zwei Tätern die Rede war, ist weiter unklar. Möglicherweise hatten Zeugen durch die zahlreichen schnell hintereinander folgenden Schüsse aus der automatische Waffe einen falschen Eindruck gewonnen.

Als Hauptziel des Anschlags auf das Kulturzentrum gilt der schwedische Kunstprofessor Lars Vilks, dessen Spezialität die Provokation ist. 2007 zeichnete er für eine Ausstellung über Hunde in der Kunst einen Mohammedkopf auf einem Hundekörper. Vilks hat sich in seinen Provokationsbemühungen allerdings nicht auf den Islam konzentriert: Als einer seiner Kritiker meinte, er würde sich nicht trauen, eine "Judensau" zu zeichnen, machte er genau das.

Nachdem al-Qaida im Irak (der Vorläufer der Terrorgruppe islamischer Staat) wegen der Mohammedkarikatur ein Kopfgeld in Höhe von 150.000 Dollar auf ihn ausgesetzt hatte, wurde Vilks unter Personenschutz gestellt. Dass dieser Personenschutz nötig war, zeigten unter anderem ein Brandanschlag auf sein Haus und aufgedeckte Anschlagspläne einer Amerikanerin.

Zahlreiche Dänen zeigten nach dem Anschlag ihre Anteilnahme, indem sie Blumen vor der Krystalgade-Synagoge niederlegten. Foto: Kim Bach. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Die Anschläge von Kopenhagen spielten auch eine Rolle bei der Abwägungsentscheidung der Braunschweiger Polizei, am Sonntag den Karnevalsumzug abzusagen. Zu diesem Umzug waren mehr als 200.000 Besucher erwarteten worden, die man nicht alle durchsuchen hätte können.

Medienberichten zufolge stammte die Information über eine "konkrete" (und nicht bloß abstrakte) Gefahr eines Anschlags auf den Umzug nicht von einem anonymen Drohanrufer, sondern von einem Informanten des niedersächsischen Verfassungsschutzes, der seit mehreren Jahren die Salafistenszene in Braunschweig und Wolfsburg überwacht.

Ihm war angeblich zu Ohren gekommen, dass auf die Veranstaltung am Sonntag um 13 Uhr ein Terrorakt verübt werden sollte. Mit Informationen zu den Tätern und zur Art des Anschlags konnte er allerdings nicht dienen. Die Braunschweiger Polizei stufte die durch das Innenministerium übermittelte Warnung aber auch ohne solche Details als konkret genug ein, um den "Schoduvel" am Sonntag um 10 Uhr früh abzusagen. Auf Anschlagspläne in anderen Städten gab es keine Hinweise, weshalb diese gestern wie geplant stattfanden.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat - bislang noch gegen Unbekannt.

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