Volksaufklärung über Putin

18.02.2015

ZDF-Doku zum so genannten russischen "Triumphator"

Endlich sollte jeder Wissbegierige hierzulande erfahren, was vom russischen Staatspräsidenten zu halten ist: Der "Triumphator" im Kreml ist "ein ungehobelter Langschläfer mit Fitnesswahn, den nur eines umtreibt: Der Erhalt seiner Macht." So die Eigenwerbung in ZDF-heute.de. Der Doku-Filmer Michael Renz habe dies anhand von "Exklusiv-Dokumenten" westlicher Geheimdienste herausbekommen. Und so zeigte das öffentlich-rechtliche und zwangsfinanzierte Zweite Deutsche Fernsehen zu bester Sendezeit seine Enthüllungen, "bisher unbekannte Einblicke" versprechend ("Mensch Putin, ZDF-Sendung vom 17.2., 20 Uhr 15)

Der machtbesessene Dominator. Screenshot aus der Doku "Mensch Putin"

Vorweg hatte Renz zusammen mit dem Chefinvestigator der "Welt am Sonntag" für seine Doku Marketing gemacht: "Wie weit geht Wladimir Putin?" (WamS vom 15.2.); demnach ist Putin ein "Dominator", "machtbesessen und zu jedem Risiko bereit", der "nur eines fürchtet: seine Entmachtung und Ermordung". Über den mutmaßlichen künftigen Mörder konnte die Renz-Doku noch keine Aussagen machen; vermutlich waren in dieser Sache die geheimdienstlichen Info-Lieferanten zurückhaltend...

Nun zu der Sendung selbst: Wer auf die ZDF-Reklame hin neue Informationen oder gar politische Erleuchtungen erwartet hat, kann nicht auf seine GEZ-Kosten gekommen sein. Der russische Staatspräsident wurde dem History-Verfahren im Stil von Guido Knopp unterzogen: Flüchtige Mitteilungen über den "Menschen Putin" (durchweg schon Bekanntes, für "Versteher" wie auch für Nichtversteher), kurze Ausschnitte aus Interviews mit "Experten" und "Zeitzeugen", oberflächliche Hinweise auf den politischen Kontext.

Der Mann, der jetzt im Kreml sitzt, wurde in seinen Seltsamkeiten gezeigt. Ein Macho ist er, Spätaufsteher, am Schreibtisch faul, Datscha-Fan, Liebhaber von Hüttenkäse, krankhaft um körperliche Ertüchtigung bemüht, seine Entscheidungen trifft er im Pool. Ganz bösartig: Er hat einmal Angela Merkel bei einer Verabredung Stunden lang warten lassen. Und die geheimdienstlichen Zulieferungen für die Doku, die Enthüllungen? Putin hat sich gesichtskosmetisch behandeln lassen, aus Angst vor dem Alter! Und als KGB-Offizier in Dresden verlor er, wohl nach einer trinkfreudigen Party, seinen Schlüsselbund ...

Dann aber doch eine politische "Information": Um seine staatsmännische Karriere propagandistisch abzusichern, habe Putin möglicherweise einen tschetschenischen Terrorakt selbst bestellt, geheimdienstlich. Nachweisbar freilich sei das nicht. Die methodische Verwandtschaft einer solchen Putinschen Manipulation, falls sie denn stattgefunden hat, mit Gewohnheiten auch westlicher regierender Politiker und ihrer geheimen Dienste wird in der Sendung nicht erwähnt, wie überhaupt darin jeder Vergleich mit Lebensläufen und Praktiken von historischen oder gegenwärtigen politischen Größen anderer Länder vermieden wurde.

Eine meinungsbildende Botschaft brachte die Renz-Doku freilich: Putin sei geprägt durch ein "archaisches Weltbild", das er sich als Kind schon im zerstörten Leningrad der Nachkriegszeit angeeignet habe. Ein traumatisches Erlebnis sei für ihn der Untergang des sowjetischen Reiches gewesen. Nun könne er an nichts anderes denken als die Rückgewinnung eines russischen Superranges in der Globalpolitik. Dabei spiele er auf Risiko, aber er sei beherrscht von dem Trieb, als Person an der Macht zu bleiben. "Wie weit geht Putin?" Ist er bereit "zu jedem Risiko"? Darauf wusste der Filmemacher allerdings auch keine Antwort, Hellseher ist er nicht.

Für diese nicht gerade originellen Annahmen und Aussagen 45 Minuten audiovisuelle Umrahmung?

Übrigens: Deutsche Bildungsbürger waren auf die TV-"Enthüllungen" nicht angewiesen. Sie wussten ja schon vorher und aus anspruchsvoller Quelle, was von dem derzeitigen Kremlherrscher zu halten ist: "Putin ist verrückt", "Putin lügt, dass sich die Balken biegen" (F.A.Z.- Titeleien). Der russische Staatspräsident, das war Lesern der Frankfurter "Zeitung für Deutschland" längst bekannt, ist eine Wiedergeburt von Mussolini, Anführer des internationalen Rechtsextremismus und zugleich fest verankert in russischer Tradition "von Iwan dem Schrecklichen bis zu Stalin". Überhaupt - der Russe! F.A.Z- Überschrift zu einem Historiker-Beitrag: "Rußland ist kein Bär, sondern eine Sau, die ihre Jungen auffrißt."

Gegen solcherart robuste Unterrichtung durch ein Intelligenzblatt kam Michael Renz im volksaufklärerischen ZDF denn doch nicht an. Was für ihn spricht.

Cover

Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
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