Armut wächst in Deutschland weiter ungebremst an

19.02.2015

Nach dem Paritätischen Wohlfahrtsverband war die Armut noch nie so hoch, die Entwicklung sei Folge "politischer Unterlassungen" der Regierung

Deutschlands Wirtschaft boomt noch immer, Menschen aus anderen europäischen Ländern, in denen die Arbeitslosigkeit hoch ist und die Wirtschaft schwächelt, werden angelockt, weil Deutschland ein reiches Land zu sein scheint. Aber wie in anderen Ländern wird die gesellschaftliche Spaltung immer tiefer, die Reichen werden immer reicher. Nach einer Schätzung des Deutschen Wirtschaftsinstituts besitzt das reichste Prozent der Deutschen ein Drittel des privaten Gesamtvermögens, die reichsten 10 Prozent haben einen Anteil von 63-74 Prozent, die reichsten 0,1 Prozent der Haushalte von 14 bis 16 Prozent am gesamten Vermögen - dreimal so viel, wie die ärmeren 50 Prozent der Bevölkerung. Weil wegen der abgeschafften Vermögenssteuer keine Daten vorliegen, kann das Vermögen der Reichen nur geschätzt werden, nach dem DIW wurde das "wahre Ausmaß an Vermögensungleichheit unterschätzt". Das sorgt für Ruhe im Land.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat in seinem neuesten Armutsbericht die Kluft von der anderen Seite betrachtet und kommt für die Regierung und die Lage des Landes zu einem beunruhigenden Ergebnis: "Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch und noch nie war die regionale Zerrissenheit so tief wie heute. Deutschland ist armutspolitisch eine tief zerklüftete Republik", sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes.

Zwischen Wirtschaftswachstum und Einkommensarmut lasse sich keine "sinnvolle Korrelation" mehr herstellen, so der Bericht. Das untergräbt das gerne von Industrie und Regierung geäußerte Mantra, dass nur Wirtschaftswachstum zu einem wachsenden Wohlstand führen kann.Schließlich wächst die Armutsquote auch weiter, obgleich die Arbeitslosigkeit sinkt.

Gesamtwirtschaftlicher Erfolg und zunehmender gesamtwirtschaftlicher Reichtum führen nicht mehr dazu, dass die Armut in Deutschland geringer wird.Ganz im Gegenteil: Der zunehmende Reichtum geht mit einer immer größerenUngleichverteilung einher, wie es die steigenden Armutsquoten belegen.

Armutsbericht
Bild: Armutsbericht

Nach den Zahlen wächst die Armut in Deutschland schnell. Sie ist von 15 Prozent im Jahr 2012 auf 15,5 Prozent im Jahr 2013 angestiegen. Das ist eine Zunahme um 400.000 auf nun 12,5 Millionen Menschen, die von Armut betroffen sind. Betroffen seien vor allem Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Als Problemregion wird neben dem Ruhrgebiet der Großraum Köln/Düsseldorf bezeichnet. Nur in Sachsen-Anhalt und Brandenburg ist die Armutsquote zurückgegangen. Es vertieft sich nicht nur die Kluft zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen ärmeren und reicheren Regionen: "Betrug der Abstand zwischen der am wenigsten und der am meisten von Armut betroffenen Region 2006 noch 17,8 Prozentpunkte, sind es 2013 bereits 24,8 Prozentpunkte." Am geringsten ist die Armutsquote mit 11,3 bzw. 11,4 Prozent in Bayern und Baden-Württemberg, aber auch dort ist die in den letzten Jahren angestiegen.

Ein hohes Risiko haben Alleinerziehende, von denen 40 Prozent unter der Armutsgrenze liegen. Damit verbunden ist die Armut bei Kindern, die entsprechend zunimmt. Schon 19,2 Prozent aller deutschen Minderjährigen leben unter der Armutsquote, 0,7 Prozent mehr als 2012. Bei den Erwerbslosen sind es gar 60 Prozent. Tendenz in beiden Fällen stetig ansteigend. Bei den Rentnern verbreitet sich zunehmend Armut, ihre Armutsquote lag 2013 noch knapp unter dem Durchschnitt und soll in diesem Jahr erstmals darüber liegen. In den letzten Jahren ist die Armutsquote bei den Rentnern überproportional angewachsen. Dass die Altersarmut drastisch zunehmen wird, ist lange bekannt.

Da die Armut in Deutschland seit Jahren ebenso wie die Kluft zwischen Arm und Reich zunimmt, muss man in der Tat zumindest die schwarz-rote Regierung und ihre Vorgängerregierung in die Verantwortung für Untätigkeit nehmen. Was nützt es den Menschen, wenn der Export Rekordhöhe erreicht und die Regierung eine "Schwarze Null" feiert, aber am Fetisch festhält, bloß keine Steuererhöhungen für die Reichen zu beschließen. "Armut und regionale Ungleichheit sind in erster Linie hausgemacht und das Ergebnis politischer Unterlassungen", kritisiert Schneider und fordert eben Steuererhöhungen, aber auch die Erhöhung von Hartz IV sowie Reformen des Familienlastenausgleichs und der Altersgrundsicherung.

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