"Die türkische Flagge in Syrien weht jetzt an einem anderen Ort"

22.02.2015

Die Türkei unternimmt eine Militäroperation im Norden Syriens, um Elitesoldaten vor einem Zugriff des IS zu retten. Syriens Außenministerium spricht von einem "aggressiven Akt". Update

Mit einem ansehnlich großen Militärkonvoi, der gestern Nacht in syrisches Territorium eindrang, veranschaulichte die Türkei wie beweglich die Grenzen gegenwärtig im Kerngebiet des Nahen Ostens sind. "Bevor die türkische Flagge an dem einen Ort niedergeholt wurde, wehte sie schon andernorts in Syrien", erklärte Premierminister Davutoğlu dem türkischen TV-Publikum. Es ging um den Umzug eines Mausoleums, für den laut Nachrichtenagenturen 572 Elitesoldaten, etwa 40 Panzer und Dutzende weitere gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt wurden.

Screenshot von der Ansprache Davutoğlus

Ein großer Aufwand für ein Symbol: Ziel der Militäroperation in Syrien war das Mausoleum von Suleiman Shah, der als Großvater des Gründers Osmans des gleichnamigen Reiches gilt. Er soll Anfang des 13.Jahrhunderts im Euphrat, in Nordsyrien, etwa 30 Kilometer von der türkischen Grenzen entfernt, ertrunken sein. Die Grabstätte Suleiman Shahs, die bereits schon einmal, infolge des Bau der Tabqa-Talsperre im Jahr 1974, verlegt wurde, hat bedeutenden Wert für die Türkei. Der derzeitige Präsident Erdoğan ist bekannt dafür, dass er den Glanz der großen Vergangenheit des Osmanischen Reiches besonders schätzt.

In einem Abkommen aus dem Jahr 1921 mit Frankreich wurde der Türkei die staatliche Hoheit über die Grabstätte zugestanden: das Recht, dort die türkische Flagge zu hissen und Wachsoldaten aufzustellen. Bis der sogenannte "Islamische Staat" die Wiederherstellung eines Kalifats mit militärischen Mitteln bekundete und sein Herrschaftsgebiet in Nordsyrien ausdehnte, interessierte diese Sonderregelung aus fernen Zeiten nur einen beschränkten Kreis. Erst im Frühjahr 2014 wurde eine größere Öffentlichkeit darauf aufmerksam, als "radikale Gruppen in Syrien der Türkei mit Angriffen auf den Suleiman Shah Schrein drohten".

"In Absprache mit den syrischen Kurden"

Auch die gestrige Militäraktion mit Verweis auf eine Bedrohungslage durch den IS begründet. Konkrete Drohungen wurden aber nicht mitgeteilt, sondern nur angedeutet, wie dies aus Berichten größerer Medien hervorgeht, die sich auf Nachrichtenagenturen stützen. Dort heißt es mit Bezug auf Premierminister Davutoğlu, dass "andere Staaten im Vorfeld nicht um Erlaubnis oder Hilfe gebeten" wurden. Erst mit Beginn der die Mission sei das Bündnis gegen den "Islamischen Staat" (IS) informiert worden, gemeint dürfte vor allem die US-Regierung sein.

In kurdischen Berichten liest sich das anders. Dort wird erstens von einem Einmarsch ins "syrische Kurdistan" berichtet, bei dem Panzer und schweres Geschütz durch Kobanê rollten, und zweitens von einer Absprache der türkischen Führung mit Anwer Muslim, "dem Premierminister des Kantons Kobanê".

[Update]: Die syrische Regierung hat die türkische Führung indessen nicht einbezogen, sondern ignoriert. Entsprechend scharf ist die Reaktion aus Damaskus. Das Außenministerium sieht in dem Einmarsch türkischer Panzer und Soldaten auf syrischem Boden nicht nur einen "aggressiven Akt", sondern auch "Verdächtiges", das erneut auf eine Zusammenarbeit zwischen der Türkei und al-Qaida-Ablegern wie dem IS, Jabat-al-Nusra und anderen "Gangs" hinweise.

Solche Verdachtsmomente wurden vor ein paar Wochen auch von kurdischer Seite geäußert und belegt. Ob und wie das in diesem Fall zutrifft, ist Spekulation. Viel spricht dafür, dass das Risiko, um das es ging, schon mit einer Bedrohung durch den IS zu tun hat. Die Türkei hatte erst vor Kurzem erklärt, dass man bei der Ausbildung von Kämpfern die Anti-IS-Koalition unterstützen werde.

Ein neues IS-Video

Das Risiko veranschaulicht eine kurdische Meldung, das von einem neuen IS-Video berichtet, in dem über 20 Peshmerga-Kämpfer in Käfigen vorgeführt und anschließend geköpft werden.

Das Suleiman Shah-Grabmal in Nordsyrien wurde von fast vierzig türkischen Soldaten bewacht, darunter 20 Elitesoldaten. In der Berichterstattung der Nachrichtendienste und der großen internationalen Medien - bevorzugte Adressaten der IS-Medienexperten - war zuletzt immer häufiger vom Abbrechen der "Erfolgsgeschichte" des IS die Rede: die Niederlage in Kobanê, keine neuen militärischen Erfolge, Schwierigkeiten mit der Finanzierung des "Staats", etc.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Dschihadisten reagierte darauf mit brutalen Videos, die, wie in Libyen, auch mit einem Anspruch der Ausweitung des Kalifats einhergingen und entsprechend neuen öffentlichen Ruhm brachten. Auch die türkischen Elitesoldaten, die das Mausoleum bewachen, hätten gute IS-Ziele abgegeben, begleitet von Bildern der Zerstörung des bedeutsamen Grabmals. Die türkischen Soldaten sollen gestern das alte Grabmal zerstört haben. Der neue Standort des Schreins liegt sehr viel näher an der türkischen Grenze.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

Machteliten

Von der großen Illusion des pluralistischen Liberalismus

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.