Karsai: Afghanistan durch US-und Nato-Militäreinsatz radikalisiert

23.02.2015

Der frühere Präsident wirft westlichen Medien im Fall Afganistan Propaganda vor, um amerikanische geopolitische Interessen zu bedienen

In einem ARD-Interview wirft der frühere afghanische Präsident Hamid Karsai den USA und der Nato vor, dass sie Terror und Radikalismus in der Region mit ihrem Militäreinsatz nicht besiegt, sondern im Gegenteil verschlimmert haben. Darüber kritisiert er eine Propgandafunktion der "westlichen Medien", die das Vertrauen in Afghanistan untergraben hätten.

"Leider gab es seit 2012 nur negative Schlagzeilen über Afghanistan in den westlichen Medien", sagte Karsai den ARD-Korrespondenten:

Sie haben versucht, unser Selbstvertrauen zu untergraben und sie haben versucht, es so dazustellen, dass uns Afghanen 2014 die Hölle erwartet. Ohne amerikanische Soldaten. Ohne ein unterschriebenes Sicherheitsabkommen.

Diese Medienkritik des "Ruheständlers" Karsai ließe sich wahrscheinlich auch auf deutsche Publikationen ausdehnen, das Thema Berichterstattung Afghanistan wurde aber leider im Gespräch nicht weiter vertieft. Die Rolle der deutsche Medien kam nicht zur Sprache. Da Karsai dem Einsatz der Deutschen in Afghanistan Lob zollte - "Deutschland hat sich vollkommen anders verhalten als die USA. Deutschland war immer ehrlich zu uns" - wurden möglicherweise vorhandene Impulse zu kritischen Nachfragen, die eigene Rolle betreffend, aber auch Annahmen Karsais, besänftigt.

"Es geht ihnen nur darum, sich militärisch in Afghanistan niederzulassen"

Interessant ist, dass die Vorhaltungen Karsais, die negativen Auswirkungen westlicher militärischer Interventionen ( der "Fluch der bösen Tat", so Peter Scholl-Latour) zu einem Zeitpunkt kommen, an dem der neue US-Verteidigungsminister Ash Carter an den Abzugsplänen der US-Truppen aus Afghanistan rüttelt. Die US-Regierung denkt gegenwärtig über eine Revision des Truppenrückzugs nach und plant, nun doch mehr Soldaten in Afghanistan zu behalten.

US-Soladten in Afghanistan, 2014. Bild: US-Army; gemeinfrei

Dies fügt sich zur Behauptung Karsais, wonach er von den USA lange getäuscht wurde, bis ihm eine Einsicht dämmerte: "In Gesprächen mit US-Vertretern und dem US-Präsidenten begann ich zu begreifen, dass es denen nur darum ging, sich militärisch in Afghanistan niederzulassen. Und uns unter pakistanische Kontrolle zu bringen."

Gerade der ständige Verweis auf Pakistan wird von US-Journalisten gerne als Hinweis dafür genommen, dass Karsai von bestimmten Leitmotiven geradezu besessen ist. Exemplarisch zeigt das in einem Beitrag des Magazins Foreign Policy. Karsai muss sich dort der Ansicht des Interviewers stellen, dass Karsai bei seiner US-Kritik zwischen einer Verschwörungstheorie und der Unterstellung dummer Besatzungspolitik pendle. Karsai besteht darauf, dass sie die USA vor allem darauf abgesehen hätten, ständige Militärbasen zu errichten.

IS in Afghanistan

Das westliche Medien hierzu unterstützendes Material liefern, ist nicht so leicht vom Tisch zu wischen. Gegenwärtig sieht es danach aus, dass das IS-Phänomen als Gelegenheit wahrgenommen wird, um die Bedrohungslage Afghanistans mit opportunen Hinweisen auf eine wachsende IS-Präsenz als noch dramatischer dargestellt wird. Dabei schaukelten sich die Propaganda des IS und westliche Ängste "vor der Hölle" gegenseitig auf.

Wie sehr Propaganda und Berichte ineinandergreifen, ist einem detaillierten, sorgfältig begründeten Bericht eines Autoren des Afganistan Analyst Networks zu entnehmen. Der Autor Orhan Osman geht der Frage nach der Bedrohung nach, die der IS in Afghanistan stellt. Er ermittelt - indem er Zeitungsberichten auf den Grund geht, den Hintergründen namentlich genannter Kämpfer folgt, die Flucht ausländischer Kämpfer aus dem pakistanischen Waziristan genauer ansieht sowie auf ideologische und religöse Gräben zwischen Taliban und Salafisten eingeht, das Rekrutierungspotential anschaut, etc. - dass vieles in IS-Alarmstimmung falsch zugeordnet wird und in die Irre führt.

Eine Geldfrage

Die Frage, inwieweit der IS in Afghanistan Fuß fassen kann und sich als Bedrohung ausbreiten, hänge sehr davon, ab welche finanziellen Mittel ihm zur Verfügung gestellt werden, so Osman. Die Hilfe komme dabei von Staaten wie von vermögenden einzelnen Gruppen.

Auf Geldzuflüsse und die Sicherheitslage in Afghanistan hatte auch der neue Präsident Ghani bei der Sicherheitskonferenz in München hingewiesen:

Die zentrale Frage ist, wer finanziert den Konflikt und wer profitiert davon.(...) Die golale kriminelle Wirtschaft ist etwa 1,7 Billionen Dollar im Jahr wert und die Kriminalisierung der afghanischen Wirtschaft gehört sicherlich zu den Top 20 derer, die zu dieser Summe beitragen.

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