Die Russlandsanktionen - ein Erfolgsmodell des Westens?

25.02.2015

Oder eher ein dramatischer Fehler mit Langzeitfolgen?

Wann immer die russische Seite nicht so oder nicht so schnell reagiert, wie dies die USA und die EU wünschen, werden neue Sanktionen gegen einzelne Personen und Firmen verhängt, welchen man ein ganzes Bündel von Vergehen vorwirft - sei es nun, dass sie einen Nutzen aus der Angliederung der Krim an Russland hätten, für den ungeklärten Abschuss von MH17 verantwortlich seien oder die Rebellen in der Ostukraine unterstützten. Der Überblick über die Sanktionen ist längst verloren gegangen. Zudem sind die Sanktionen der USA und der EU nicht identisch.

Ob die russische Wirtschaft von den sanktionsbedingten Unterbrechungen der Handelsbeziehungen mit dem Westen wirklich in den Untergang getrieben wird, wie es sich so mancher Zeitgenosse auf der atlantischen Seite wünscht, oder ob (ganz im Gegenteil) die ehemaligen westlichen Partner sehr schnell und auf Dauer die Hauptleidtragenden sind, dürfte sich wohl noch in diesem Jahr herausstellen.

Auch wenn die deutsche Landwirtschaft von den Sanktionen nur zu einem sehr geringen Umfang direkt betroffen zu sein scheint, wird sie wohl indirekt in einem höheren Umfang leiden, weil andere EU-Staaten ihre nicht mehr nach Russland lieferbaren Landwirtschaftsprodukte jetzt zu günstigeren Preisen in die Länder liefern, die bislang deutsche Produkte bezogen haben.

Massiv wurde hier neben Finnland und den baltischen Staaten auch die griechische Landwirtschaft getroffen, wo ein Absatz in der Größenordnung von 400 Millionen Euro mit dem Verlust des russischen Marktes weggebrochen sein soll. Die gesteigerte Nachfrage nach griechischen Oliven wegen der Ernteausfälle in Italien und Spanien konnte den fehlenden Verkauf agrarischer Produkte nach Russland offensichtlich nicht ausgleichen.

Automobil und Transport

Die deutsche Automobilindustrie leidet unabhängig von den aktuellen Sanktionen unter dem schon 2013 zu beobachtenden Absatzrückgang auf dem russischen Automobilmarkt. Der schwindende Absatz führte in der Folge zu deutlichen Belastungen bei den russischen Autohändlern. Audi, BMW und Mercedes stellen in der Folge die Ersatzteil-Versorgung nach Russland ein. Ob diese Ersatzteile inzwischen in China eingekauft werden und der russische Markt von dort bedient werden kann, ist denkbar, lässt sich aber derzeit aus der Distanz nicht mit hinreichender Sicherheit klären.

Wer die Sanktionen im Russlandgeschäft massiv spürt, sind die Mitarbeiter des zum Volkswagenkonzern zählenden LKW-Herstellers MAN. Ob bei MAN in Salzgitter, im österreichischen Steyr oder in München, der Einbruch der Nutzfahrzeugbestellungen aus Russland führte zur Kurzarbeit.

Gasimport und Pipelinebau

Was die Erdgasimporte aus Russland betrifft, war Russland seit 1973 unabhängig von allen politischen Querelen ein zuverlässiger Lieferant, solange die Kunden ihre Rechnung bezahlt haben. Hier droht nun aufgrund der aktuellen US-amerikanischen Gesetze das Problem, dass im Falle einer zahlungsbedingten Lieferunterbrechung in die Ukraine, alle Nato-Staaten keine Zahlungen mehr an Gazprom leisten dürfen. Dass die deutschen Gaslager derzeit weitgehend gefüllt sind, stellt nur eine kurzfristige Sicherheit dar. Es fehlt schlicht an der Infrastruktur, um dann Erdgas aus anderen Regionen beziehen zu können. Bis 4.000 Kilometer Leitungen nach Zentralasien gebaut sind, dürften mehrere kalte Winter vergangen sein.

Mit der Beendigung des Pipeline-Projekts South Stream und dem Verzicht auf die beiden zusätzlichen Leitungsstränge für North Stream sieht es bei der Salzgitter Mannesmann Grobblech (MGB), dem Röhrenbauer Europipe in Mülheim an der Ruhr (einem Gemeinschaftsunternehmen der staatlichen Salzgitter AG und der Dillinger Hütte) und deren Tochter Pipecoatings ziemlich duster aus. Hatte man mit dem Auftrag für South Stream eine Phase der Kurzarbeit überwinden können, steht diese jetzt für mehrere hundert Mitarbeiter schon wieder an.

Maschinenbau

Der Europäische Werkzeugmaschinenverband Cecimo befürchtet als Folge der Sanktionen gegen Russland den Verlust von Aufträgen im Wert von fast einer Milliarde Euro und fordert einen staatlichen Ausgleich der Verluste. Den russischen Bedarf an Werkzeugmaschinen decken jetzt Firmen aus Japan, Korea und Taiwan. Den Verlust tragen vorwiegend Firmen in den neuen Bundesländern, deren Exportanteil nach Russland 30 bis 40 % betrug.

Weitere diskutierte Sanktionen

Eine Sperre des russischen Luftraums für westliche Fluggesellschaften würde den Preis für Flüge nach China um bis zu 10.000 Euro verteuern. Da es in diesem Markt chinesische Wettbewerber gibt, benötigen die europäischen Fluggesellschaften dann mit Sicherheit staatliche Hilfen.

Southern China Airlines ist die größte Fluggesellschaft der Volksrepublik China. Foto: Simon_sees. Lizenz: CC BY 2.0.

Auch die jetzt ins Gespräch gebrachten russischen Sanktionen im Bereich der Textilindustrie könnten dazu führen, dass asiatische Marken, die durchaus einen europäischen Klang haben, den Europäern Marktanteile abjagen. Zudem besteht der Textilmarkt nicht nur aus Produkten der Bekleidungsindustrie, sondern auch aus sogenannten technischen Textilien, wie sie beispielsweise in der Reifenindustrie als Einlage eingesetzt werden. Bei technischen Textilien ist Deutschland einer der weltweit führenden Hersteller und wäre von einem von Russland angekündigten Importverbot durchaus in bedeutendem Umfang betroffen.

Weitere Konsequenzen

Der immer wieder aufgeflammte Vorschlag, Russland aus dem SWIFT-System des Interbankenhandels zu werfen, wie man das schon mit Iran praktiziert hat, hat inzwischen dazu geführt, dass Russland ein eigenes Handelssystem auf die Beine stellt, an das sich China und weitere BRICS-Staaten anschließen wollen und das grundsätzlich dollarfrei gehalten werden soll. Im Geschäft mit russischen Touristen haben sowohl die Türkei, als auch Ägypten die Fakturierung von Dollar auf Rubel umgestellt.

Im Bereich der Technologien will man nicht mehr im Westen einkaufen, sondern nach Möglichkeiten suchen, von West-Importen unabhängig zu werden. Dies gilt in erster Linie für Rüstungsprojekte, die jetzt zur Chefsache erklärt wurden. Das schon fast traditionelle Versickern der Gelder in dunklen Kanälen dürfte zumindest im Rüstungsbereich nun deutlich erschwert werden.

Die Hoffnungen, die westliche Konzerne wie Siemens auf die Modernisierung der russischen Bahnen gesetzt haben, dürften diese jetzt abschreiben. So hat Siemens den U-Bahnauftrag für Moskau nicht bekommen. Und weitgehend an der westlichen Presse vorbei ist kürzlich der amerikanische Präsident mit leeren Händen aus Indien zurückgekehrt. Es wurde kein einziger Auftrag unterschrieben.

Geradezu geschäftsschädigend war für die französische Flugzeugindustrie das Zurückhalten von zwei Hubschrauberträgern. Mit dem Verweis auf die mangelnde französische Vertragstreue kauft Indien jetzt in Russland. Die langfristigen Konsequenzen der Sanktionen dürften für die westliche Welt noch lange nicht ausgestanden sein. Wahrscheinlich sind sie derzeit nicht einmal wirklich abschätzbar.

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