Verschwörungstheorie wird nach 686 Jahren zur Tatsache

06.03.2015

Forscherteam weist Vergiftung eines Veroneser Fürsten nach

Früher postulierten Kriminalermittler, je länger ein Mord zurückliegt, desto schlechter könne man ihn aufklären, weil sich Zeugen nicht mehr erinnern und weil Spuren verwischen. Heute stimmt diese Aussage so pauschal nicht mehr: Durch Verfahren, die früher nicht zur Verfügung standen, wurden in den vergangenen beiden Jahrzehnten zahlreiche Gewaltverbrechen aufgeklärt und viele unschuldig Verurteilte aus (vor allem amerikanischen) Gefängnissen entlassen, wo sie teilweise seit den 1970er Jahren einsaßen.

Neue forensische Methoden eignen sich aber auch dazu, sehr viel länger zurückliegende Ereignisse aufzuklären. Das dient dann nicht mehr der Strafverfolgung, sondern der Geschichtsforschung, die damit erklären kann, welche Verschwörungstheorien zutreffen und welche nicht. Einen Fall, bei dem sehr wahrscheinlich die zeitgenössischen Verschwörungstheoretiker recht hatten, präsentierte ein interdisziplinär zusammengesetztes italienisches Forscherteam unter Leitung des Pisaner Medizinhistorikers und Paläopathologen Gino Fornaciari letzten Monat im Journal of Archaeological Science.

Reiterstandbild Cangrande della Scalas. Foto: Eggbread. Lizenz: Public Domain.

Die Wissenschaftler hatten die auf natürliche Weise in einem Steinsarg in der Veroneser Kirche Santa Maria Antiqua mumifizierte Leiche von Can Francesco della Scala (Cangrande I.) untersucht, der Anfang des 14 Jahrhunderts Signore ("Stadtherr") der Stadt Verona und Generalkapitän des Ghibellinenbundes war. Der Förderer Dante Alighieris (der als "großer Lombarde" in dessen Göttlicher Komödie auftaucht) unterwarf unter anderem die Städte Vicenza (1314), Padua (1318) und zuletzt Treviso (1329). Dadurch machte er sich zahlreiche Feinde – nicht nur in den Eliten der unterworfenen Ortschaften, sondern auch unter Rivalen in den eigenen Reihen und in Mailand und Venedig, wo man die Ausbreitung Veronas mit Argwohn beobachtete.

Am 22. Juli 1329 starb der 38-Jährige, nachdem er kurz vorher an Durchfall und Erbrechen litt. Weil er bis dahin einen ausgesprochen gesunden Eindruck gemacht hatte, kamen schon Zeitgenossen auf die Idee, dass man ihn möglicherweise vergiftet hatte. Diesen Verschwörungstheorien begegnete man in den offiziellen Chroniken mit der scheinbar einfacheren Erklärung, der Eroberer habe unsauberes Wasser getrunken und sei daran verstorben.

Fornaciaris Team fand jedoch tödliche Konzentrationen von Digoxin und Digitoxin in della Scalas Leber und in seinem Stuhl. Als die Wissenschaftler dort auch Fingerhutpollen entdeckten, waren sie sich sicher, den Verursacher der Vergiftung gefunden zu haben: Die Fingerhutpflanze enthält nämlich die beiden oben aufgeführten Glykoside und führt bei einer Aufnahme über den Verdauungstrakt zu Bauschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwindelgefühlen und schließlich zum Tod.

Da auch im Mittelalter kein Erwachsener auf die Idee gekommen wäre, größere Mengen der giftigen Pflanze aus reiner Neugier zu essen, vermuten die Forscher, dass er dem Fürsten als Medizin untergeschoben wurde. Darauf deuten Rückstände der Heilpflanzen Kamille und Maulbeere hin, die man ebenfalls im Stuhl des Signore fand. Eine eher theoretische weitere Möglichkeit wäre, dass ihm ein grob kenntnisloser Arzt oder Apotheker versehentlich eine Mixtur anrührte, die nicht heilte, sondern tötete.

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