"Seit dem Triumph der Alliierten über Deutschland und Japan wurde kein Krieg mehr nachhaltig gewonnen"

21.03.2015

Ex-CIA-Agent Robert Baer über gezielte Tötungen und die gescheiterte Nahostpolitik der letzten Jahrzehnte

Die Bücher des ehemaligen CIA-Agenten Robert Baer sorgen in den USA regelmäßig für großes Aufsehen. Baers Werke "See No Evil" und "Sleeping with the Devil" lieferten die Vorlage für den 2005 fertiggestellten Film Syriana. Er hatte im Irak gearbeitet und gilt als Nahost-Experte.

"Es ist kein Sturz von Baschar al Assad beabsichtigt", so wurde der CIA-Chef John Brennan neulich zitiert. Außenminister Kerry bekräftigte diese Aussage anschließend. Wundern Sie sich darüber?

Robert Baer: Um ehrlich zu sein, nein. Man hat inzwischen in Washington begriffen, wie problematisch und fehlerhaft die Politik und Strategie der vergangenen Jahre im Irak, in Afghanistan, in Libyen und eben auch in Syrien war. In Syrien kam hinzu, dass der CIA so gut wie nicht präsent war, also nicht vor Ort, sondern sich auf Desinformationen verließ, was schließlich zum Aufstieg von ISIS führte und nicht der sogenannten "Freien Syrischen Armee". Wenn Ihnen das alles verworren und chaotisch vorkommt, dann haben Sie den aktuellen Stand der amerikanischen Nahost-Politik begriffen.

Saudi-Arabien hat seinen Botschafter aus Schweden abgezogen. Zuvor hatte Schweden die militärische Kooperation mit Riad beendet. In Ihrem Buch "Sleeping with the Devil /Mit dem Teufel schlafen" haben Sie die engen Beziehungen zwischen dem Westen und Saudi-Arabien schon vor Jahren kritisiert. Was halten Sie diesbezüglich von der schwedischen Initiative?

Robert Baer: Es handelt sich um einen Schritt in die richtige Richtung. Bei Ihnen in Deutschland wird ja jetzt endlich auch intensiv über die Beziehungen zu den Saudis diskutiert. Selbst in den USA, wo sowohl die Rüstungs- als auch die saudische Lobby, über einen erheblichen Einfluss verfügt, mehren sich die kritischen Stimmen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Robert Baer: Zum einen wird der Öffentlichkeit in den USA und in anderen Ländern des Westens langsam deutlich, dass die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten konzipierte Außen- und Verteidigungspolitik gegenüber dem Nahen und Mittleren Osten als gescheitert angesehen werden muss. Zum anderen wird auch immer klarer, dass die Bündnispolitik nicht nur nicht funktioniert hat, sondern auch erhebliche Risiken produzierte.

Könnten Sie das bitte konkretisieren?

Robert Baer: Der sogenannte "War against Terror", welcher von der Bush-Administration nach 9/11 ins Leben gerufen wurde, hat heute, also immerhin 13 Jahre später, also ein Zeitraum doppelt so lange wie die Dauer des 2. Weltkriegs, weder den Terror besiegt, die Welt sicherer gemacht oder das Phänomen des Dschihadismus beseitigt. Es wurden auch keine Leuchttürme der Demokratie errichtet, wie damals großmundig verkündet, schon gar nicht im Irak, wo ISIS ein riesiges Territorium beherrscht, auch nicht in Afghanistan, wo man mit den Taliban verhandelt.

Ferner hat die Aufrüstung Saudi-Arabiens und von Staaten, die von dem angestrebtem Demokratie-Export oder der Mahnung nach Menschenrechten völlig ausgenommen wurden, Phänomene wie die weltweite Verbreitung von wahhabitischen und salafistischen Ideologien zumindest begünstigt, was auch für den Aufstieg von ISIS gilt. Dass damit auch die Ideale der Demokratie wie Perlen vor die Säue geworfen wurden, sei hier nur am Rande vermerkt. Die Okkupation Bahrains, um nur ein Beispiel zu nennen, hat jedenfalls zu keiner großen Empörung im Westen geführt.

Also hat diese Strategie auch zu dem aktuellen Chaos in der Region geführt?

Robert Baer: Aber sicher. Die USA und Ihre Verbündeten sind zu einem Großteil für die aktuellen Wirren, gerade im Irak und in Syrien, verantwortlich zu machen. Der Erfolg eines Krieges, in diesem Zusammenhang des Krieges gegen den Terror, lässt sich immer nur von seiner ursprünglichen Zielsetzung heraus definieren.

Die konventionelle Nato-Kriegsführung scheitert an der Abnutzungsstrategie asymmetrischer Kriege

Handelt es sich hierbei, aus militärstrategischer Sicht der USA, um eine tragische Ausnahme, in der ansonsten erfolgreichen Strategie der USA als der führenden Supermacht?

Leider nein, eher um die Regel, was die letzten Jahrzehnte angeht

Wie meinen Sie das?

Robert Baer: Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass seit dem Triumph der Alliierten über Deutschland und Japan kein einziger Krieg mehr nachhaltig gewonnen wurde? Sehen wir einmal von den konventionellen Großeinsätzen in Korea und Vietnam ab, so gab es nirgendwo, nicht einmal bei den belanglosen Scharmützeln von Somalia, beim gescheiterten Blue-Strike- Unternehmen im Iran, beim Einsatz der Contras in Nicaragua, vom Debakel Kennedys in der Schweinebucht ganz abgesehen, einen Sieg zu vermelden. Im Südlibanon, im Irak, in Afghanistan hat sich längst bestätigt, dass die konventionelle Kriegsführung der NATO-Stäbe, aber auch Russlands und Israels, mit der Abnutzungsstrategie, die den Kern des asymmetrischen Krieges bildet, nicht zurechtkommt. Die ungeheuerliche Durchschlagskraft neuer Monsterbomben, inklusive der "bunker buster", hat sich diesbezüglich als untauglich erwiesen.

Sie sagten neulich in einem Interview mit einem US-Sender, man müsse ISIS vernichten.

Robert Baer: Richtig, eine andere Möglichkeit besteht nicht. Das wäre im Interesse der Menschen in Syrien und im Irak, der arabischen Nachbarstaaten, des Irans, sowie des Westens.

Bei der Bekämpfung von ISIS kooperieren Iran und die USA. S e gehören schon seit Jahren zu den Verfechtern einer Annäherung zwischen Teheran und Washington.

Robert Baer: Und ich fühle mich bestätigt. Während unsere sogenannten Verbündeten Katar und Saudi-Arabien bei dem Aufstieg von ISIS mithalfen, hat sich der Iran als ernstzunehmende und einzige Regionalmacht etabliert. Außerdem überschneiden sich, was den Kampf gegen den sunnitischen Extremismus angeht, die Interessen des Westens und Irans.

In Israel sieht man das möglicherweise anders?

Robert Baer: Zumindest Nethanjahu sieht das anders, aber dessen Thesen verkörpern nicht die Meinung der Fachleute in Israel. Sein Auftritt in Washington war Wahlkampf, nichts anderes. Q; Wie konnte Iran eigentlich zur Regionalmacht aufsteigen?

Robert Baer: Der Iran war schon immer eine Regionalmacht, dafür gibt es historische, kulturelle, ökonomische, geografische und demografische Gründe. Im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten ist Iran geradezu eine Insel der Stabilität in dieser unruhigen Region. Es ist eine Nation mit gewaltigem Potenzial, das bisher aber nicht ausgeschöpft wird, mit natürlichen Grenzen, einem stabilen Staatsaufbau und einer starken Armee.

Den aktuellen geopolitischen Aufstieg verdankt Teheran aber wahrlich nicht seiner politischen Führung, die im Volk immer eher an Legitimität verliert, sondern den USA. Durch den Sturz des radikalsunnitischen Taliban-Regimes in Afghanistan, wie auch des nationalarabischen Baath-Regimes im Irak, hat der Westen Teheran von seinen beiden schlimmsten Feinden befreit. Der Irak fiel dem Iran wie eine reife Frucht in den Schoß, dadurch entstand ein geografischer Gürtel vom Iran über Irak und Syrien bis hin zu den Küsten des Mittelmeers im Libanon.

Die gezielte Tötung als Strategie des Geheimdienstes funktioniert nicht

Kommen wir auf Ihre Tätigkeit beim CIA zu sprechen. Ihr neues Buch trägt den Titel "The Perfect Kill: 21 Laws for Assassins". Es basiert auf Ihren Erfahrungen und Erlebnissen als Agent dieses Geheimdienstes vor Ort. Sie selbst haben Ihre Opfer damals allerdings verfehlt, nicht wahr? Haben Sie sich eigentlich damals mal gefragt, was mache ich eigentlich hier?

Robert Baer: Als ich an einer Operation im Irak zur Liquidierung von Saddam Hussein beteiligt war, fragte ich mich schon einmal: "Was mache ich hier eigentlich?"

Weshalb?

Robert Baer: Weil ich mich inmitten eines Schlachtfeldes befand, mit einer Kalaschnikow in der Hand, während um uns herum Geschosse einschlugen und ich kurz danach beinahe vom FBI wegen der versuchten Tötung Saddam Husseins angeklagt wurde.

Wann war das genau?

Robert Baer: Das war 1995. Ich war damals dicht genug dran, um den Job zu erledigen. Da ich aber nicht alle Papiere vollständig ausgefüllt hatte, wurde ich nach meiner Rückkehr in die Staaten am Flughafen von DC mit meinem Team vom FBI abgefangen. Die Klage wurde dann später fallen gelassen.

Worum geht es denn in Ihrem Buch?

Robert Baer: Ich stelle die These auf, dass die gezielte Tötung, als Strategie des Geheimdienstes, nicht funktioniert. Ich analysiere da meine eigenen Erfahrungen, arbeite mich durch die gezielten Tötungen in der Geschichte, bis zum heutigen Drohnen-Krieg, welcher auch nicht funktioniert.

Moment, der Drohnen-Krieg wird doch gerade in westlichen Geheimdienst- und Militärkreisen als eine Art Wunderwaffe gepriesen?

Robert Baer: Ich persönlich traue keinen Stellungnahmen von Geheimdiensten, weder von unseren noch von denen der Gegenseite. Ich weiß, wovon ich rede. Was das Thema Drohnen angeht, da wurde von der CIA behauptet, dadurch hätten wir Al-Qaida das Rückgrat gebrochen. Ich bezweifle das. Durch Drohnen wurde Chaos und Angst verbreitet, viele unschuldige Zivilisten starben. Wenn man durch Drohnen, also die gezielte Tötung durch Drohnen, ein schnelleres Kriegsende herbeiführen will, so ist dieses nicht gelungen. Aber ein Ende des asymmetrischen Krieges haben wir nicht erreicht. Wir sind heute tiefer in die Konflikte des Nahen und Mittleren Ostens involviert, als zuvor.

Sie halten also den Einsatz von Drohnen für keine geeignete Waffe zur Bekämpfung von Terrorismus?

Robert Baer: Die Antwort liegt doch auf der Hand. Seit der Tötung von Bin Laden und der Al-Qaida-Führungsschicht kam es zum Aufstieg des Islamischen Staates, welcher genauso gewalttätig ist und mehr Menschen umgebracht hat als Bin Laden. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Drohnen amerikanische Leben gerettet haben, wie vom CIA behauptet. Meine Vermutung ist, dass Drohnen Terror und Gewalt fördern.

Die CIA hatte immer ein paar Mitarbeiter in Hollywood

Das klingt alles nach einem Abgesang, bezüglich der westlichen Interventionen in der Nahost-Region?

Robert Baer: Absolut. Unsere bewaffnete Präsenz in der Region hat weder uns Amerikaner, noch die Welt sicherer gemacht. Es war unsere bewaffnete Präsenz, die zu 9/11 führte. Wenn wir uns im Nahen Osten einmischen, wird dort alles schlimmer. Das haben die letzten 14 Jahre bewiesen.

Sie hören sich fast an, wie ein europäischer US-Kritiker

Robert Baer: Oh, ich bin und bleibe amerikanischer Patriot. Aber, schauen Sie sich doch an, was aus unseren Idealen geworden ist, wie sie Präsident Jefferson einst formulierte? Nichts!

Fühlen Sie sich als amerikanischer Patriot eigentlich von Filmen wie "American Sniper" angesprochen?

Robert Baer: Solche Filme sind Propaganda, was denn sonst. Die CIA hatte immer ein paar Mitarbeiter in Hollywood.

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