Die neoliberale Identitätskrise fördert die Kriegsbereitschaft

12.03.2015

Der Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer über die Militarisierung und die Behandlung von Menschen, die vom Krieg traumatisiert wurden

Vom 5.-8. März fand an der Freien Universität Berlin der Kongress "Krieg um die Köpfe – der Diskurs der Verantwortungsübernahme" statt, an dem ca. 150 Menschen, großenteils Fachleute und Studierende aus Psychologie und Psychotherapie, teilnahmen (dazu siehe auch: Krieg um die Köpfe: Der Psychologe Klaus-Jürgen Bruder über die Mechanismen und die Kritik an der ideologischen Mobilmachung). Telepolis hat aus diesem Anlass mit dem Sozialpsychologen Klaus Ottomeyer über den Zusammenhang zwischen Militarisierung und Neoliberalismus sowie die Behandlung von traumatisierten Kriegsflüchtlingen gesprochen.

Wie erklären Sie als Sozialpsychologe die zunehmende Militarisierung Deutschlands und der Welt?

Klaus Ottomeyer: Es gibt ökonomische und politische Interessen am Krieg und an der Aufrüstung. Der militärisch-industrielle Komplex sucht nach dem Kalten Krieg nach neuen Märkten. So wünscht sich Saudi-Arabien Panzer und Konzerne haben Interesse an der Erweiterung von neuen Export- und Importmärkten.  Daneben und darüber gibt es militaristische Phantasien, welche die Großmannssucht von Politikern, aber auch mancher "kleinen Leute" bedienen. Die Gemenge- und Interessenslage ist nicht eindeutig. Es gibt auch die Angst vor einem Krieg. Ich glaube nicht, dass Frau Merkels Weigerung, Waffen an die Ukraine zu liefern, nur auf einer taktischen Arbeitsteilung beruht.

Wie hängt die Militarisierung mit der von Ihnen attestierten "neoliberalen Identitätskrise" zusammen?

Klaus Ottomeyer: Die neoliberale Identitätskrise hat zu einer extremen Normenrelativierung und moralischen Unsicherheit geführt, weil alles und jedes vermarktet wurde. Viele wollen zurück in eine überschaubare moralische Ordnung und sichere Identität. Da bieten sich neu errichtete nationale und religiöse "Großzelte", wie es der Psychoanalytiker Vamik Volkan nennt, für eine Einfach-Identität an. Mit narzisstischen Führergestalten in ihrer Mitte, eine Konstellation, die Sigmund Freud einmal als "Schiefheilung" bezeichnet hat.

Hat die zunehmende Kriegsbereitschaft auch mit der Erosion und Umwandlung von patriarchalen Geschlechtsrollen zu tun?

Klaus Ottomeyer: Auch traditionelle Geschlechtsrollen, welche in einem Zusammenwirken von Emanzipationsbewegungen und entfesselten Marktkräften (zum Glück) aufgelöst und delegitimiert wurden, werden dabei wieder in ein attraktiveres Licht gestellt. Rambo und verschiedene Söldnertruppen treten als Helden auf. Sie versprechen den Frauen und Kindern Schutz und präsentieren sich als Retter der Nation oder des Abendlands usw. Die TV- und Kriegs-Spiele-Kultur hat das jahrzehntelang mit vorbereitet.

Sie behandeln selbst Menschen, die vom Krieg traumatisiert wurden. Mit welchen Symptomen kommen die zu Ihnen?

Klaus Ottomeyer: Die meisten haben eine posttraumatische Belastungsstörung, andere sind depressiv, psychosomatisch krank und /oder einfach verzweifelt über den Zustand der Welt. Viele fühlen sich schuldig, können die relative Sicherheit im Exil nicht genießen, weil Angehörige bombardiert werden, hungern und erfrieren, wie in diesem Winter in Syrien.

Was ist die besondere Herausforderung in der Behandlung dieser Patienten?

Klaus Ottomeyer: Der Umgang mit der eigenen Empörung gegenüber den ausländischen und inländischen Verfolgern. Das Problem ist, dass wir neben den menschenrechtlichen Aspekten unsere beruhigende, professionelle Verfassung als Helfer behalten und pflegen müssen. Die Gefahr einer "stellvertretenden Traumatisierung" bei den Helfern ist keine akademische Erfindung.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Trauma-Behandlungsmethode EMDR (auf Deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung), die zum Standard in der Behandlung von psychisch beeinträchtigten Kriegsrückkehrern geworden ist?

Klaus Ottomeyer: Die Methode ist teilweise brauchbar, aber nur als eine Technik, nicht  als Therapie. Problematisch ist es, wenn sie Schuldprobleme von Menschen, z. B. Soldaten, die getötet haben, in Stressprobleme umdefinieren, welche dann durch Desensibilisierung überwunden werden sollen.

Wie sähe aus Ihrer Perspektive eine adäquate Traumabehandlung für diesen Personenkreis aus?

Klaus Ottomeyer: Generell ist die Beziehung zwischen Patienten und Therapeuten viel wichtiger als Methode oder Technik. Man sollte den Schrecken teilen, ohne sich von ihm überwältigen zu lassen. Ich selbst arbeite mit einer Kombination aus Psychodynamisch Imaginativer Traumatherapie  und Psychodrama. Dazu kommen alle möglichen Techniken und Einfälle, die man für jeden/jede Patienten maßgeschneidert einsetzt. Man muss, wie Yalom sagt, für jede/jeden die Psychotherapie neu erfinden.

Klaus Ottomeyer, geb. 1949, ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Klagenfurt und Psychotherapeut. Er ist Vorstand des Vereins Apsis, der sich der psychologischen Behandlung von Flüchtlingen widmet und 2011 den Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte erhielt. Von Klaus Ottomeyer sind zahlreiche Veröffentlichungen erschienen, unter anderem "Die Behandlung der Opfer. Über unseren Umgang mit dem Trauma der Flüchtlinge und der Verfolgten" (2011) und die aktualisierte Fassung seines Bestsellers "Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen" (2014), in der es um die Identität im Neoliberalismus geht.

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