Varoufakis: Hat er oder hat er nicht?

Warum der griechische Finanzminister alle irgendwie er- oder aufregt

Im Grunde ist es vollkommen irrelevant, ob Yanis Varoufakis in dem oft zitierten Video den Stinkefinger zeigt oder ob das Video überhaupt echt ist. Varoufakis ist für seine Gegner förmlich das wandelnde Symbol für die strittige Handbewegung. Vorweg genommen, Varoufakis hob den Finger tatsächlich, wie im kompletten, unmontierten Video der fraglichen Veranstaltung erkennbar ist. In seiner Verweigerung, zur eigenen Aussage zu stehen, zeigt sich die Tragik des wankenden Helden Varoufakis. Der Minister selbst bestreitet vehement, jemals die entsprechende Handbewegung gemacht zu haben. Dabei könnte er leichten Herzens auf eine lange diskutiertes, viel zitiertes und gerichtlich frei gesprochenes deutsches Titelbild verweisen.

Bild: W. Aswestopoulos

Im Februar 2010 hatte das deutsche Nachrichtenmagazin Focus die Liebesgöttin Aphrodite in Form der berühmten, auf der Insel Milo gefundenen Statue auf dem Titel abgebildet. Die seit der Antike fehlenden Arme der Statue wurden von der Grafikabteilung des Focus ergänzt und zeigten nach der Bearbeitung den als Stinkefinger bezeichneten, einzeln ausgestreckten Mittelfinger. In Griechenland zogen Anwälte vor Gericht und verloren. Sie hatten außer gegen die begleitenden Artikel des Magazins gegen den ihrer Meinung nach den Griechen gezeigten Stinkefinger und gegen die um die Scham der Göttin gewickelte griechische Flagge geklagt.

Das Gericht befand im Frühjahr 2012, dass die Artikel durch die Pressefreiheit gedeckt waren. Beim Titelbild konnte die griechische Fahne nicht eindeutig als solche identifiziert werden. Schließlich wusste niemand, wem die Aphrodite nun den Finger zeigt. Den Griechen oder den Deutschen? Die Anwälte hatten bei ihrer Klage übrigens vergessen, gegen die Verunglimpfung eines religiösen Symbols zu klagen. Hier wären sie mit Sicherheit erfolgreich gewesen, denn sämtliche religiösen Symbole aller anerkannten Religionen - also auch die Aphrodite - sind durch griechische Gesetze geschützt.

Schließlich hatte die schöne Liebesgöttin im Mai 2010 auch noch auf dem Cover des Focus als Bettlerin posieren müssen. Im Herbst 2011 wurde Aphrodite vom Focus gar samt dem Parthenon im Meer versenkt. Fast ein Jahr nach dem Urteil, im Januar 2013, hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble anlässlich des zehnten "Geburtstags" des Focus erneut die Aphrodite, allerdings ohne Mittelfinger, als Titelbild vorgeschlagen. Die Botschaft kam in Griechenland an.

Screenshot aus dem YouTube-Video

Hätte Varoufakis nun in Griechenland zugegeben, dass er am 15 Mai 2013 um 18 Uhr im Cinema "Europa, Hall Müller" im kroatischen Zagreb bei der Buchvorstellung seines Werks "The Global Minotaur: America, Europe and the Future of the Global Economy" (Zed Books, London, 2013) als Zitat des Zeitgeistes bei der Beschreibung des Krisenausbruchs von 2010 den Mittelfinger hob, wer hätte dies verurteilen können? Jedoch ist Varoufakis zu sehr Narziss, um eigene Fehler einzugestehen. Selbst seine Entschuldigung für die strittigen Fotos für Paris Match, über die seit Tagen diskutiert wird, war nur halb richtig. Varoufakis bedauerte die Fotos und schob den Franzosen den Schwarzen Peter zu. Er meinte, dass er nicht mit "der Ästhetik der Fotosession einverstanden gewesen" sei. Die Franzosen meldeten sich in ihrer Online Ausgabe am Montag zu Wort und betonten, dass die Fotos auch von Varoufakis gewollt waren.

Der Minister hat jedoch offensichtlich weniger ein Problem mit der Wahrheit. In der ihm typischen Wortwahl würde Varoufakis "alle Politiker haben ein kreativ-elastisches Verhältnis zur Wahrheit" sagen. Nein, es stört den Starökonomen, Fehler zu machen. Dies ist seine persönliche Schwachstelle. Er ist so sehr Perfektionist, dass er zur Vermeidung von Fehlern lieber auf die Angaben der von seinen europäischen Kollegen so sehr geliebten Zahlen verzichtet. Varoufakis störte sich als Wissenschafter daran, dass die Politiker so oft die Aussage verweigerten, dass er selbst nun eher zu viel als zu wenig Interviews gibt. Um das richtige Maß zu finden, ist er politisch noch zu unerfahren.

Seine Stärke ist die unbestrittene Intelligenz, mit der er im direkten Dialog nahezu jeden Gesprächspartner aus dem Stand heraus an die Wand reden kann. Der "gelernte" Universitätsprofessor verfügt zudem über das bei diesem Berufsstand übliche Sendungsbewusstsein und über die notwendige Erfahrung des geradezu spielerischen Belehrens der Anderen.

Darüber hinaus überspielt er seine Schwächen gern mit dem erwiesenen Talent des Charmes und Sex-Appeals. Das wurde besonders beim ersten Zusammentreffen mit der IWF-Chefin Christine Lagarde deutlich. Bei fast allen Fotos dieser Zusammenkunft sieht man Varoufakis und Lagarde beim Flirt. Es gibt gefühlt kaum ein weibliches Wesen, welches auf Varoufakis angesprochen gleichgültig reagiert. Dagegen lassen die meisten europäischen Politiker die Damenwelt eher kalt. Sie begründen ihre Attraktivität eher in der ausgeübten Macht statt im wilden, unkonventionellen Auftreten, wie es Varoufakis geradezu zelebriert.

Dies alles macht den "Stinkefinger" von einer einfachen Begebenheit, die höchstens als kleine Meldung taugen würde, zum Politikum.

Ein gern narzisstisch auftretender Minister, der seine körperlichen Reize richtig einzusetzen weiß, der gern seine Kollegen belehrt und zudem im direkten Dialog kaum zu schlagen ist, hat endlich Schwächen gezeigt. Zudem klingt beim dahin gestellten Fehltritt ein eindeutig sexueller Unterton mit. So etwas, die Begrenzung des politischen Gegners auf den animalischen Instinkt, ist wiederum gefundenes Fressen für Yellow Press und politische Gegner.

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