Putin im deutschen Meinungstief

19.03.2015

Die F.A.Z. verkündet den Sieg im "Informationskrieg"

Triumphierend berichtete die "Frankfurter Allgemeine" am 18.3. auf ihrer Titelseite: "Mehrheit der Deutschen gibt Putin Alleinschuld am Ukraine-Konflikt. Meinungsbild in Internetforen nicht repräsentativ." Die Zeitung stützt sich dabei auf eine von ihr in Auftrag gegebene Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach, deren Ergebnisse in derselben Ausgabe näher beschrieben werden. "Die Grenzen der Propaganda" heißt hier der Titel.

Anti-Propaganda-Plakat aus dem Zweiten Weltkrieg. Bild: U.S. National Archives and Records Administration

Gemeint sind "putinversteherische" Äußerungen in Internetforen, die "Kommentarlage im Internet" nennt das der Allensbach-Bericht. Womit autoritativ klargestellt ist, dass deutsche Druckerzeugnisse, von BILD bis zur F.A.Z., und ebenso deutsche TV-Sendungen keine Propaganda betreiben.

Ganz so üppig ist das Ergebnis der Aufklärung des Volkes, wie es die F.A.Z.-Titelei meldet, allerdings nicht. Bei dem "Aussagen"-Angebot der Allensbacher entschieden sich 51 Prozent der Befragten für die Meinung: "Den Konflikt in der Ukraine gibt es nur, weil Putin es so will." Die "Repräsentativität" solcher demoskopischen Zahlen ist etwas labil, die Institute selbst verhalten sich da "fehlertolerant". Es könnte also sein, dass nur 49 Prozent der Auskunftgeber für Allensbach den russischen Staatspräsidenten für den "Alleinschuldigen" halten. Eine überzeugende Mehrheit? Jedenfalls - da ist für die laut Selbstaussage nichtpropagandistischen deutschen Medien noch viel zu tun im Kampf gegen die böswilligen oder verblendeten "Internetkommentaristen"...

Die Auftragnehmer im demoskopischen Gewerbe verstehen sich darauf, ihre Vorgaben ergebnisorientiert zu formulieren. Differenzierte Äußerungen - hier zum Ukraine-Konflikt und zur Rolle Putins - haben im Frageschema keinen Platz. Man kann durchaus der Meinung sein, Putins Politik sei eine der Ursachen für die elenden und gewalttätigen Zustände in der Ukraine - und andere Gründe dafür, weitere Verursacher (angesiedelt von Kiew bis Washington) ebenso im Blick haben. Derartige Auffassungen lassen die Allensbacher nicht zu Wort kommen.

Sie haben allerdings noch ein Ergebnis zur Hand, das handfester ist als die 51 Prozent: Im Jahre 2001 hatten 43 Prozent der Befragten von Putin "eine gute Meinung", heute sind es nur noch 8 Prozent. Welch ein Verlust an Sympathie - aber die russische Bevölkerung richtet sich starrsinnigerweise nicht nach dem Meinungsbild vom Bodensee...

F.A.Z.- Herausgeber Berthold Kohler erklärt in seinem Kommentar dem Publikum, gegen wen laut Demoskopie ein Sieg errungen wurde: "Gescheiterte Propaganda" lautet die Überschrift. Die russlandhörigen Propagandisten, das sind "obskure Internetanbieter", "Verschwörungstheoretiker aller Couleur" und vor allem die "Meinungsmanipulateure" aus Moskau, die Deutschlands Websites und Online-Foren infiltrieren. "Für den Kreml ist Propaganda ebenso ein legitimes Mittel der Politik wie militärische Gewalt", schreibt Kohler. Ja ja, im Terrain des nordatlantischen Bündnisses, im Gegensatz zu Russland, handeln die Politiker wertegebunden. Propagandistische Aktivitäten, militärische "Optionen"? Niemals würden sie solche Methoden auch nur in Erwägung ziehen.

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