Kinderverzicht aus Versagensängsten

19.03.2015

Leitbildstudie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung: Junge Menschen in Deutschland haben zwar einen Kinderwunsch, scheuen aber die Ansprüche, die an Erziehung gestellt werden

Könnte es sein, dass die deutsche Lebenskultur eine besonders fehlerunfreundliche ist? Dass sich diejenigen, die in Deutschland aufgewachsen sind oder hier eine lange oder prägende Lebenszeit verbracht haben, ganz besonders mit Soll-Ansprüchen plagen? Der Eindruck, dass die Deutschen auf besondere Weise von Idealvorstellungen beherrscht werden - und andere damit tyrannisieren -, drängt sich angesichts der aktuellen Leitbildstudie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) auf.

Die repräsentative bundesweite Studie stellt die allseits bekannte, aber immer noch interessante Frage, welche Faktoren hierzulande junge Menschen zögern lassen, eine Familie zu gründen.

Keine erstrebenswerte Idylle mehr. Bild aus dem Jahr 1911 von Hilda Fearon: A portrait of a mother and her two sons; gemeinfrei

Antworten sucht die Studie in der kulturellen Dimension, die bislang "zu selten in den Mittelpunkt gerückt worden ist". Sie könnte aber "helfen, das anhaltend niedrige Geburtenniveau in Deutschland besser zu verstehen und (Familien-)Politik bedürfnisorientierter zu gestalten", postuliert das Bundesinstitut in der Pressemitteilung. Die auffälligste Erkenntnis:

Junge Erwachsene in Deutschland haben überhöhte Ansprüche ans Elternsein: So glauben über 80 % der 20- bis 39-Jährigen, dass man bei der Erziehung viel falsch machen kann. Zudem stimmt ein Viertel der Befragten persönlich der Aussage zu, wonach Eltern ihre Bedürfnisse komplett denen ihrer Kinder unterordnen sollten. Innerhalb der Gesellschaft nimmt sogar knapp die Hälfte einen starken Druck auf Eltern wahr, sich aufzuopfern.

"Muss alles perfekt sein?", fragt die BiB-Broschüre zum Thema Familienleitbilder und der Direktor des BiB, Norbert F. Schneider, konstatiert:

In Deutschland dominiert eine Kultur des Bedenkens, Zweifelns und Sorgens im Hinblick auf Elternschaft, obwohl der Wunsch nach einem eigenen Kind groß ist.

In der Studie selbst ist viel von Erwartungen die Rede, die Leitbilder stellen in einem Land, wo die Ansprüche womöglich ins Kraut schießen. "Deutschland ist ein Land der engagierten und ambitionierten Eltern". So ist ein Absatz überschrieben1, der darüber aufklärt, dass 34 % der Eltern zum"engagierten Elterntypus" gehören, 23 Prozent zum "ambitionierten" und 10 Prozent zum "protektiven". Nur 10 Prozent werden dem "distanzierten Elterntypus" zugerechnet.

Zur Erklärung: der distanzierte Typus steht folgender Erwartung sehr zurückhaltend gegenüber: "Dass man mit der bewussten Entscheidung für eine Elternschaft auch die damit verbundene Verantwortung für die optimale Entwicklung des Kindes übernehmen sollte."

Dem protektiven Typus ist das übrigens zu wenig. Mit diesem Leitbild einverstanden sind der "engagierte und der ambitionierte Typus", also die 57-prozentige Mehrheit.

Die Untersuchung präzisiert dies noch mit Einstellungen zur Fremdbetreuung u.a. Davon soll hier ausnahmensweise nicht die Rede sein. Das interressante Schlüsselwort ist "optimal". Wer Eltern und Kinder beim Schlittschlaufen, beim Schuheanziehen, beim Schlittenfahren, Fußballspielen, Geburtstagsfeiern, beim gemeinsamen Essen, im Kindergarten, in der Schule beobachtet, weiß, welche Höllenkreise an kleinen gezischelten Bemerkungen, Vorträgen über Richtig und Falsch, dauernd unaufmerksamen Gesprächpartnern, intriganten Einladungen zum Lästern über Erziehungsweisen, Erzählungen von Kursbesuchen dieses Wort eröffnet.

Eine Eigentumswohnung als das dankbarere Investment?

So wird Druck weitergegeben, ohne dass er immer situativ bemerkt wird, weil man sich daran gewöhnt hat, es ist die Normalität, die den ständigen Vergleich untereinander beherrscht. Und er kommt natürlich aus der Erwachsenenwelt, die den Leistungsdruck zum "elan vital" gemacht hat. Insofern spiegelt sich in den Ansprüchen, die man an die Erziehung stellt nur wieder, was im Berufs-und Konsumleben gang und gäbe ist: das Streben nach der besten Performance und eine gegen Null gehende Toleranz gegenüber Fehlern. Kinder sind Ausweise für ein geglücktes, erfolgreiches Leben. Die Einschätzung des Erfolgs geschieht über Marketingvorgaben.

Genau diesen Anspruch wollen sich verständlicherweise viele nicht noch zusätzlich aufladen. Zumal bei der Elternschaft noch sehr weite Räume für Schuld-und Angstgefühle dazu kommen, was die Untersuchung nicht erfasst, und was sie ebenfalls auf die Seite rückt: die finanziellen Belastungen. Statt viel Geld in Kinder zu stecken, ist vielleicht eine Eigentumswohnung das dankbarere Investment, weil sie verlässlich auch im Alter für das Dach über den Kopf sorgt. Auffallend ist jedenfalls, dass es in wohlhabenderen Gegenden keine demografischen Probleme gibt. Wer in bestimmten Vierteln in München, Berlin oder Hamburg nach Kinderbetreuungsstätten sucht, braucht auch 2015 gute Verbindungen.

Für diejenigen, die nicht auf Vorleistungen ihrer Eltern bauen können, ist angesichts der Unternehmenspolitik der befristeten Verträge das Projekt Familie riskant, zumal wenn dort die gleichen Performanceansprüche gestellt werden wie im Beruf. Dem hat Familienpolitik nur wenig entgegenzusetzen. Möglicherweise sind auch kulturelle Unterschiede, die es zwischen den Ländern gibt, zu schwach gegen die Kultur der betriebswirtschaftlichen Soll- und Tugendvorgaben.

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