Von patentierten Kühen, TTIP und gesellschaftlichen Spannungen

27.03.2015

Der Tierarzt, Aktivist und GMO-Experte Christoph Then über aktuelle Entwicklungen und Gefahren in der Agro-Gentechnik

Heute wird nicht nur mit gentechnisch veränderten Pflanzen experimentiert sondern verstärkt auch mit gentechnisch manipulierten Tieren. Dafür werden selbst in Deutschland immer mehr Tierversuche durchgeführt, kritisiert Christoph Then. "Patentierfähige" GV-Tiere könnten Landwirte in noch stärkere Abhängigkeiten von großen Konzernen bringen. Darüber hinaus wären ethische Fragen bis dato nicht hinreichend geklärt, so der Experte für synthetische Biologie.

Herr Then, Sie sind promovierter Tierarzt und beschäftigen sich seit über zwanzig Jahren intensiv mit Agro-Gentechnik. Jetzt ist ein Handbuch Agro-Gentechnik über die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt von Ihnen erschienen. Darin legen Sie fachlich sehr fundiert die Techniken und bisherigen Erfahrungen dar.

Ein Kapitel widmet sich dem Thema "Gentechnisch veränderte Tiere". Da dieses Thema eher selten in den Medien behandelt wird, möchte ich gerne darauf näher eingehen. Sie schreiben, dass in Malaysia, Brasilien und auf den Kaimaninseln gentechnisch veränderte Insekten der britischen Firma Oxitec zur Bekämpfung des Dengue-Fiebers eingesetzt werden. Das klingt ja erstmal gar nicht so schlecht. Können Sie die konkreten Erfahrungen beziehungsweise Gefahren kurz erklären?

Christoph Then: Es wird eine große Anzahl gentechnisch veränderter Mücken freigesetzt, die sich mit den normalen Mücken paaren sollen, ohne dass dabei Nachkommen entstehen. So soll die Größe der natürlichen Population der Mücken verringert werden, die die Erreger übertragen und damit auch die Anzahl der Infektionen abgesenkt werden. In der Praxis scheint es aber bisher keinen Nutzen gegeben zu haben. Die freigesetzten Gentechnik-Mücken sollen sterben, wenn sie nicht über das Futter einen bestimmten Stoff - Tetracycline - verabreicht bekommen.

Es wird jedoch berichtet, dass einige der Gentechnik-Mücken doch überleben. Das ist auch nicht anders zu erwarten. Wenn man Millionen dieser Mücken freisetzt, wird es immer ein paar Tiere geben, die ungeplante und möglicherweise auch unerwünschte Eigenschaften aufweisen. Grundsätzlich kann niemand vorhersagen, wie sich die Gentechnik-Mücken in Wechselwirkung mit der Umwelt tatsächlich verhalten. Jeder, der behauptet, dass diese Freisetzungen sicher und kontrollierbar seien, negiert, was wir über biologische Vorgänge wissen.

Auch in Europa - Spanien und Italien - sollen Ihren Informationen zufolge Gentech-Insekten bald zum Einsatz kommen könnten. Dabei geht es offensichtlich um andere Insekten, wenngleich von derselben Firma. Worin genau soll der Nutzen laut Herstellern liegen?

Christoph Then: Hier geht es nicht um Mücken, sondern um Fliegen - Olivenfliegen und Fruchtfliegen. Die Tiere sollen zur Bekämpfung von Schädlingen in der Landwirtschaft freigesetzt werden. Also zu wirtschaftlichen Zwecken, nicht um Infektionen zu verhindern. Das Konzept ist hier anders: Nur die weiblichen Nachkommen sterben, die männlichen sind aber lebensfähig und können sich in der nächsten Generation erneut paaren. Im Ergebnis sollen diese Gentechnik-Fliegen in der Umwelt überleben und ihr Erbgut immer weiter verbreiten. So lange es natürliche Populationen gibt, kann es auch die Gentechnik-Fliegen geben. Das ist eine völlig neue Dimension von Risiken. Man setzt die Kreaturen aus dem Labor, die mit synthetischen Genen ausgestattet sind, evolutionären Prozessen aus. Ohne jede räumliche und zeitliche Kontrolle.

Welche gentechnisch veränderten Tiere hat die Industrie noch "in der Pipeline", bei welchen könnte eine Markteinführung in absehbarer Zeit angepeilt werden?

Christoph Then: Bekannt ist vor allem der Gentechnik-Lachs der Firma Aquabounty - er wächst achtmal schneller und könnte in den USA bald zugelassen werden. Andere Tiere könnten bald folgen. Es gibt neue Methoden zur gentechnischen Veränderung, sogenannte DNA-Scheren, mit denen man die neuen Gene schneller und zielgerichteter einfügen kann. Und man kann inzwischen im Labor ohne großen Aufwand immer neue DNA-Kombinationen synthetisieren und so "Tier-Aliens" mit ganz neuen Eigenschaften kreieren.

Einige Firmen planen das bereits. Beispielsweise die US-Firma Intrexon. Diese Firma bezeichnet sich selbst als führend im Bereich der Synthetischen Biologie. Zudem hat Intrexon Unternehmen aufgekauft, die Rinder und Schweine klonen, ebenso wie die Firma Auqabounty, die den Gentechnik-Lachs verkaufen will. Sie hat Patente auf Tiere angemeldet, die mit synthetischen Genen manipuliert werden - vom Schaf bis zum Schimpansen. Zu den Vorständen von Intrexon gehört Robert B. Shapiro, der ehemalige Geschäftsführer von Monsanto. Jüngst hat Intrexon auch noch eine Firma erworben, die gentechnisch veränderte Äpfel vermarkten will ....

Mehr Tierversuche, patentierte Kühe und die Erschaffung eines Neandertalers

Bei gentechnisch veränderten Tieren zeigen sich ethische Probleme sehr deutlich, etwa inwieweit darf der Mensch das Tiergenom manipulieren? Verletzt man dadurch nicht die Integrität eines Tieres? Was ist Ihre persönliche Meinung dazu?

Christoph Then: In Deutschland werden Jahr für Jahr mehr Tierversuche mit gentechnisch veränderten Tieren durchgeführt, inzwischen sterben dafür pro Jahr fast eine Million. Das ist ein Prozess, der ganz offensichtlich nicht nur von medizinischen Notwendigkeiten getrieben wird. Dabei spielen auch wirtschaftliche Motive eine Rolle: Es werden immer mehr Patente auf gentechnisch veränderte Tiere angemeldet und erteilt. Damit entsteht auch ein Anreiz für Tierversuche: Gentechnisch veränderte Tiere werden zu einem Produkt, das während der Laufzeit des Patentes möglichst gewinnbringend vermarktet werden soll. Hier ist die notwendige Balance verloren gegangen. Die ethischen Grenzen müssen klarer definiert werden. Dazu gehört auch die Frage, welche Regeln wir zum Schutz der Integrität des Erbgutes brauchen.

Sie haben in Ihrer Tätigkeit als kritischer Aktivist tieferen Einblick in die politischen Prozesse bekommen. Werden die ethischen Aspekte Ihrer Erfahrung nach ausreichend bei der Bewertungspraxis berücksichtigt?

Christoph Then: Während die technischen Möglichkeiten, das Genom von Tieren und Pflanzen zu verändern in den letzten Jahren stark zugenommen haben, gibt auf der anderen Seite kaum Diskussionen über die ethischen Grenzen. Jedenfalls nicht auf der Ebene der Politik. Der Verein Testbiotech https://www.testbiotech.org/wird im Juni eine Tagung in Berlin veranstalten, um genau diese Diskussion einzufordern.

Was würden Sie sich als promovierter Tierarzt wünschen? Wie sollten ethische Aspekte in der EU-Bewertungs- beziehungsweise Zulassungspraxis gewürdigt werden?

Christoph Then: Bei Tieren brauchen wir Schutzregeln auch für die Fälle, in denen Schmerzen und Leiden nicht nachweisbar sind. Es gibt beispielsweise Pläne, das Erbgut einer Maus in das eines Nacktmulls "umzuschreiben". Letztlich geht es darum, mal zu sehen, ob das geht und was dabei passiert. Ich denke, vielen Forschern ist der Respekt im Umgang mit der belebten Natur weitgehend verloren gegangen. Wenn alles, was machbar ist, auch gemacht wird, wird das auch Folgen für die Menschenwürde haben: Manche Forscher schlagen bereits vor, das Erbgut des homo sapiens zu Versuchszwecken so zu verändern, dass es es dem eines Neandertalers ähnlich ist. Technisch wäre das inzwischen denkbar.

Die meisten Kritiker der Agro-Gentechnik sehen in Patenten ein großes Problem. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass bei gentechnisch veränderten Tieren noch mehr Abhängigkeiten für die Landwirtschaft entstehen. Könnten Sie diesen Punkt für unsere Leser konkretisieren?

Christoph Then: Patente werden auf Zuchtmaterial wie Spermazellen oder Embryonen, auf Verfahren zur Zucht, auf natürliche genetische Eigenschaften und auch auf die Tiere selbst erteilt. Diese Patente erstrecken sich in vielen Fällen auch auf die Nachkommen. Rechtlich ist es so, dass ein Landwirt zum Beispiel seine patentierte Kuh noch melken darf oder auch schlachten, aber ohne Zustimmung des Patentinhabers kann er die Kuh und deren Nachkommen nicht mehr zur Zucht verkaufen. Noch gibt es wesentlich weniger Patente auf Nutztiere als auf Nutzpflanzen. Aber das Interesse von Konzernen wie Monsanto oder Intrexon, auch die Tierzucht mit Monopolen zu überziehen, ist offensichtlich vorhanden.

Abhängigkeiten für die Landwirte entstanden in der Vergangenheit auch bei gentechnisch veränderten Pflanzen. Dennoch werden heute weltweit gesehen mehr GV-Pflanzen angebaut als jemals zuvor. Viele Befürworter sehen darin einen Beweis, dass diese Techniken einfach enorme Vorteile brächten. - Wie antworten Sie als Kritiker den Befürwortern?

Christoph Then: Die Kosten für Gentechnik-Saatgut in den Ländern, in denen das Patentrecht konsequent zur Anwendung kommt, sind steil nach oben gegangen. Das wird auch in den USA von vielen Beobachtern sehr kritisch gesehen. Bei Soja und Mais fahren die Landwirte trotzdem noch Gewinne ein, weil die Preise für die Ernte - unabhängig von der Gentechnik - gestiegen sind. Die Frage ist, was in den USA schneller steigt: Die Preise für die Ernte oder die Kosten für das Saatgut und die Bekämpfung von herbizidresistenten Unkräutern, die sich insbesondere in den Gentechnik-Kulturen immer stärker ausbreiten.

TTIP : "Weder Wahlfreiheit noch Schutz der gentechnikfreien Landwirtschaft"

Viele Europäer gehen heute davon aus, dass in den europäischen Ländern aufgrund des breiten Widerstands und der Kennzeichnungspflicht auch in Zukunft wenige Gentech-Pflanzen den Weg auf unsere Äcker finden werden. - Sie sehen aber beim Freihandelsabkommen TTIP eine große Gefahr, dass sich insgesamt Gentechnik weiter verbreiten könnte. Was sind die Kernprobleme bei TTIP aus Sicht von Gentech-Kritikern?

Christoph Then: Soweit bisher abschätzbar, sind im Freihandelsabkommen weder Wahlfreiheit, noch der Schutz der gentechnikfreien Landwirtschaft oder das Vorsorgeprinzip vorgesehen. Das sind aber die zentralen Elemente der EU-Gentechnikregulierung. Statt dessen ist - grob gesagt - geplant, die Vorschriften der EU denen der USA anzupassen.

Die Versprechungen der Gentech-Industrie haben sich Ihren Beobachtungen zufolge nicht erfüllt. Als ich vor zehn Jahren für ein Gentech-Buch recherchierte gewann ich den Eindruck, dass viele Versprechen - wie niedriger Pestizid-Verbrauch - rein logisch gedacht langfristig nicht halten könnten. Beide marktfähigen Varianten (Bt-Technologie und Herbizid-Toleranz) haben den Schwachpunkt, dass sie sich gegen eine enorm anpassungsfähige Natur durchsetzen müssten. Das heißt, es findet eine Art "Wettlauf gegen die Natur" auf den Feldern statt. Es gibt Studien und Statistiken - sogar aus dem Gentech-Mutterland USA - wonach der Pestizid-Verbrauch seit Jahren wieder ansteigt. Was ist Ihre Meinung zu diesem Kernversprechen der Industrie, dass es weniger Pestizideinsatz geben werde - zumindest würde "weniger gefährliche Chemie" (sic! Glyphosat) eingesetzt werden müssen.

Christoph Then: Es gibt inzwischen Gentechnik-Pflanzen, die gegen vier Herbizide gleichzeitig resistent gemacht wurden und bis zu sechs Insektengifte produzieren, weil sich Unkräuter und Schädlinge anpassen. Auch giftigere Herbizide wie 2,4 D sollen wieder vermehrt zum Einsatz kommen. Parallel steigen die Mengen an Glyphosat, die auf den Feldern ausgebracht werden. Konzerne wie Monsanto verdienen an Saatgut und den Spritzmitteln. Die Umwelt, Landwirte und Verbraucher stehen auf der anderen Seite der Entwicklung: Die Giftbelastung der Umwelt steigt, ebenso wie die Kosten für die Landwirte und die Risiken für die Verbraucher. Das was wir derzeit in den USA erleben, ist definitiv nicht der Weg, den Europa beschreiten sollte.

Als Gentech-Kritiker ist man enormen Anfeindungen bis hin zu persönlichen Diffamierungen ausgesetzt. Zahlreiche Wissenschaftler wurden ins Abseits gedrängt, wenn sie kritische Fragen aufwarfen. Ihre Studien wurden zerpflückt, meistens nie wieder wiederholt, sodass eine ehrliche Überprüfung kritischer Ergebnisse nicht stattfand. Umgekehrt gibt es auch in der gentech-kritischen Szene meiner Einschätzung nach problematische Tendenzen und wenig Bereitschaft in der Öffentlichkeit zu differenzierter Diskussion. Oft wird vieles in einen Topf geworfen. Zum Beispiel, halte ich persönlich Starterkulturen wie Lab zur Käseherstellung für wenig bedenklich, da es sich um einfache Organismen handelt und außerdem alles unter kontrollierten Bedingungen also nicht in der "freien Wildbahn" zum Einsatz kommt. Erwähnt man das in manchen Kreisen wird man mit reflexartigen ablehnenden Reaktionen konfrontiert: "Igitt, Genfood!" - Wie erklären Sie sich die enorme Polarisierung in diesem Bereich?

Christoph Then: Es gibt die Erfahrung, dass Politik und Wirtschaft sich immer wieder über Vorbehalte in der Bevölkerung hinwegsetzen und einfach Fakten geschaffen werden. Diese Erfahrung scheint sich jetzt mit TTIP zu wiederholen. Das führt zu erheblichen gesellschaftlichen Spannungen.

Eine abschließende, persönliche Frage: Ich habe Sie schon vor Jahren als sehr differenziert denkenden Menschen kennen gelernt. Aus dieser Haltung heraus hat sich ein fundierter Widerstand gegen Agro-Gentechnik ergeben. Wie gehen Sie mit Anfeindungen um? Wird man nicht "des Kämpfens müde" angesichts der ökonomischen und wissenschaftlichen Lobby-Übermacht?

Christoph Then: Ich hoffe, dass ich einen Beitrag dazu leisten kann, dass wir in Bezug auf die Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen. Wie die Gesellschaft und die Politik aber letztlich mit den strittigen Themen umgehen, habe ich nicht in der Hand. Insofern ist diese Lobby ja nicht gegen mich persönlich gerichtet, damit muss die Gesellschaft irgendwie als Ganzes umgehen.

Danke für das Interview!

Christoph Then ist Geschäftsführer von Testbiotech e.V. und Autor des kürzlich im Oekom-Verlag erschienen Buchs: "Handbuch Agro-Gentechnik: Die Folgen für Landwirtschaft, Mensch und Umwelt".

Die Fragen stellte Brigitte Zarzer. Sie ist Autorin des Telepolis-Buches "Einfach GEN:ial - Die grüne Gentechnik: Chancen, Risiken und Profite".

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