Saudi-Arabien: 60 Prozent der geplanten Ehen werden aufgrund "genetischer Inkompatibilität" abgebrochen

26.03.2015

Seit 2004 ist ein vorehelicher Gen- und Gesundheitstest in der fundamentalistischen Monarchie verpflichtend

Saudi-Arabien hat ein doppeltes Gesicht. Die autoritäre Monarchie mit einer extrem fundamentalistischen, patriarchalischen Religion, die archaische Verhaltensweisen vorschreibt und sanktioniert, rüstet gleichzeitig mit moderner Technik auf. Dass die Benutzung von Hightech aus dem Westen mit dem radikalen Islamismus harmoniert, führt auch der Islamische Staat vor, dessen Ideologie dem wahabitischen Islam Saudi-Arabiens gleicht.

King Fahd Road in Riad. Bild: BroiadArrow/CC-BY-3.0

In Saudi-Arabien wurden 2004 verpflichtende Gen- und Gesundheitstests vor der Heirat eingeführt. Jährlich nehmen an dem Programm "Gesunde Heirat" 270.000 bis 300.000 Menschen teil. 2014 trennten sich aufgrund festgestellter "genetischer Inkompatibilitäten" 165.000 heiratswillige Menschen nach Angaben von Medien. 60 Prozent der Teilnehmer trennen sich nach dem Test durchschnittlich von ihrem Heiratspartner, weil angeblich großes Risiko für Erbkrankheiten bei möglichen Kindern besteht.

In Saudi-Arabien ist eine Abtreibung nur erlaubt, um das Leben der Mutter zu retten oder sie vor schweren körperlichen oder psychischen Schäden durch die Schwangerschaft zu schützen. Nach dem Koran ist eine Abtreibung strikt aus dem Grund verboten, wenn die Eltern sich ein Kind nicht leisten können. Nach einer Fatwa von 1990 wäre allerdings die Abtreibung eines Fötus bis zum Alter von 19 Wochen möglich, wenn es schwere Missbildungen mit einer unheilbaren Verfassung aufweist und dies von einem Komitee kompetenter Ärzte bestätigt wird. Nach einem Gesetz wurde dies rechtlich geregelt. Eine Abtreibung bei schweren Missbildungen ist möglich, wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist, wenn das Kind nach der Geburt sterben oder schwere, unheilbare Missbildungen haben wird, wenn es im Mutterleib verstorben ist und wenn ein Komitee aus drei Ärzten, und die Eltern bzw. allein die Mutter, wenn ihr Leben gefährdet ist, zugestimmt haben.

Da aufgrund zahlreicher Heiraten unter Blutsverwandten der Anteil von genetischen Erkrankungen der Kinder und Totgeburten relativ hoch ist, Abtreibungen wegen Erbkrankheiten aber verboten sind, ist die Prävention eine Möglichkeit, die islamische Moral einzuhalten - und wahrscheinlich die Heirat unter nahen Verwandten zu reduzieren. Besonders häufig waren die Sichelzellenanämie und die β-Thalassämie. Wie hoch das Risiko ist, machte eine Studie aus dem Jahr 2007 deutlich, für die 2004 und 2005 im King Abdulaziz University Hospital in Dschidda 5.356 Neugeborene auf angeborene Anomalien überprüft wurden. 147 (27,06 von 1000) Lebendgeburten und 13 (2,39 von 1000) Totgeburten wiesen Missbildungen auf. Größere Anomalien lagen bei 93,9 Prozent der Lebendgeburten mit Missbildungen vor. 38,8 Prozent der Eltern waren miteinander verwandt.

Nach längeren Diskussionen wurden 2004 die vorehelichen Tests eingeführt, um eine "gesunde Heirat" zu ermöglichen, aus der eine gute Familie und "gesunde, glückliche Kinder" entstehen sollen. Neben Sichelzellenanämie und β-Thalassämie werden auch Infektionskrankheiten wie Hepatatis B und C sowie Aids getestet, um zu verhindern, dass die Ehepartner oder die Kinder angesteckt werden. Nach einer Studie aus dem Jahr 2009 war der präventive voreheliche Test nach 6 Jahren erfolgreich. Die Zahl der Risikopaare sank demnach um 50 Prozent von 10,1 auf 4,0 von 1000 ab, die Zahl der freiwilligen Abbrüche des Heiratsversprechens stieg um das Fünffache von 9,2 auf 51,9 Prozent an.

Dr. Mohammad Al-Saidi, der Direktor der Abteilung für Erbkrankheiten des Gesundheitsministeriums, sagt, man wolle mit dem Programm die Prävalenz von Erbkrankheiten senken und ein "internationales Modell für ein medizinisches Heiratsprogramm" sein. Die Abbruchrate von geplanten Heiraten wegen medizinischer Risiken heißt für ihn, "dass die Gesellschaft gebildeter und für die Bedeutung körperlicher Gesundheit aufmerksamer geworden ist". Das Programm mit 130 Testzentren, 91 Laboratorien, 80 Beratungskliniken und 1.120 Angestellten würde auch Geld für den Staat und die Familien sparen. Er hofft auf eine "Gesellschaft, die frei von Erbkrankheiten ist".

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