ZDF: Berufung von Dieter Gorny als Berater war Satire

01.04.2015

Böhmermann narrt erneut die Presse mit Fake

Vorzeitig löste ein ZDF-Sprecher das Rätsel um eine scheinbar vom Bundeswirtschaftsministerium stammende Pressemitteilung auf, Vize-Kanzler Sigmar Gabriel habe ausgerechnet den Musik-Lobbyisten Dieter Gorny zum "Beauftragten für kreative und digitale Ökonomie" berufen.

Heise.de hatte vergangenen Mittwoch ein in Wirklichkeit von Satiriker Jan Böhmermann lanciertes Rundschreiben aufgegriffen, dem zufolge der einstige Gründer des Musiksenders VIVA seine streitbaren Ansichten mit offiziellem Segen der Regierung als "Beauftragter für kreative und digitale Ökonomie" im Wirtschaftsministerium verbreiten werde.

Böhmermann wollte mit der viralen Satire PR für den Gastauftritt Gornys in seiner ZDF-Sendung zum Thema "Urheberrecht" provozieren, mit dem Böhmermann unlängst in Konflikt geraten war. Der Anarcho-Comedian hatte in der gefälschten Pressemitteilung bewusst dick aufgetragen:

So wollte Gorny scheinbar in seiner neuen, ehrenamtlichen Funktion "auf amerikanische Herausforderungen eine hiesige Antwort geben". Eine solche müsse auf europäischen Werten wie "wie geistigem Eigentum und Urheberrecht" beruhen. Die Musikbranche dürfe "nicht von ein paar Nerds abhängen". Neben anderen Buzzwords legte Böhmermann Gorny auch deftige Worte in den Mund. So wisse man erst, "wo die Kacke liegt, wenn der Schnee geschmolzen sei".

In einer Stellungnahme machte sich Böhmermann darüber lustig, dass der von Gorny aufgebaute Musiksender VIVA das Konzept von MTV raubkopiert habe, und VIVA dann selbst von MTV geraubt wurde. Die Wahl eines derart gescheiterten Raubkopierers als "Experte" für geistiges Eigentum habe man unmöglich ernst nehmen können, so Böhmermann.

Doch trotz satirischer Überhöhung wurde die ironische Meldung von den Redaktionen nicht als Gag erkannt. SPIEGEL ONLINE hatte die Heise-Meldung ungeprüft übernommen, obwohl sich der Redakteur über die Wahl des Vorsitzenden des Bundesverbandes Musikindustrie wunderte, dessen Organisation "sich in den vergangenen Jahren als eine der größten Innovationsbremsen überhaupt entpuppt hat".

Jan Böhmermann. Foto: Franz Richter. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Meldung provozierte am Donnerstag in den sozialen Netzwerken die übliche Entrüstung, während die Wirtschaft und CDU-Netzpolitiker Ansgar Heveling pflichtgemäß positiv kommentierten. Auch andere Medien wie die Süddeutsche Zeitung und das Handelsblatt fielen auf den Hoax herein und brachten die Meldung als echte.

PR-Routinier Gorny verzichtete zunächst bewusst auf ein Dementi und amüsierte sich über das Eigenleben der erkennbar überzogene Satire. Am meisten, so Gorny, habe er über die Reaktion der Grünen gelacht. So habe ihn Netzpolitiker Konstantin von Notz im Handelsblatt als "kalten Krieger" bezeichnet, der immer noch das "Rad der Zeit zurückdrehen" wolle. Die Piratenpartei erinnerte reaktionär an Gornys einstige Forderung nach digitaler Kennzeichnung von Nutzern, lückenloser Überwachung des Internets und drakonischen Strafen für Nutzer. Gorny nahm die Kritik sportlich und räumte schmunzelnd ein, dass er für ein solches Amt wohl ähnlich geeignet wäre wie Dirk Niebel für das Ministerium für Entwicklungshilfe, das dieser zuvor habe abschaffen wollen.

Sigmar Gabriel, der sich zunächst auf einer Auslandsreise befand, reagierte auf Böhmermanns Scherz ungehalten. Erneut habe ihn das ZDF öffentlich in Misskredit gebracht. Die Unterstellung, ausgerechnet den Verwerter-Lobbyisten Gorny für eine Beraterposition in Betracht zu ziehen, sei beleidigend und böswillig. Nichts läge einem Sozialdemokraten ferner, als sich mit einem kapitalistischen Ausbeuter fremder Kreativität gemein zu machen. Mit der SPD werde es vor allem keine unsoziale Kriminalisierung der Schulhöfe durch weltfremde Gesetze geben. Insbesondere einer von Gorny scheinbar geforderten protektionistischen Politik zugunsten der deutschen Musikindustrie gegenüber US-Konzernen erteilte Gabriel eine kategorische Absage. Derartiges sei schon mit dem geplanten Handelsabkommen TTIP nicht zu vereinbaren, für das Gabriel vehement eintritt.

Update 2. April 2015: Wir bitten um Beachtung des Datums

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