Dial 911 for Murder

04.04.2015

US-Polizisten töteten allein im März 2015 mehr als einhundert Menschen

"Der Skandal fängt an, wenn die Polizei ihm ein Ende bereitet", schrieb Karl Kraus. Die Polizeikräfte der USA bereiten leider vielen Menschenleben ein Ende – und hier beginnt der Skandal: Allein im März 2015 wurden 115 Menschen, die meisten unschuldig, von US-Polizisten getötet. Diese Zahlen veröffentlichte der Watchblog "Killed By Police", der sich größtenteils auf Medienberichte beruft.

Polizei in Ferguson am 22. September bei Protesten nach den tödlichen Schüssen auf den unbewaffneten Michael Brown. Bild: Loavesofbread/CC-BY-SA-4.0

Andere Internetseiten wie das Cato Institute oder Gun Violence Archive kommen auf ähnliche Daten. Offizielle Zahlen vonseiten der US-Behörden gibt es nicht. Das FBI kommt in einer verkürzten Statistik auf durchschnittlich 400 Todesopfer pro Jahr. Genannt werden jedoch nur diejenigen Opfer, deren Tötung durch Polizeibeamte aus Sicht der Behörde "legitimiert und gerechtfertigt" sei ("Justifiable Homicide"). Zudem werden in der FBI-Statistik beispielsweise Bundespolizisten, FBI-Agenten und Beamte der DEA (Drug Enforcement Administration) ausgeklammert.

Laut dem Watchblog "Killed By Police" waren im Jahr 2013 in den USA 767 Menschen Opfer von tödlicher Polizeigewalt; im Jahr 2014 betrug die Zahl der Todesopfer 1.099 Menschen. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden in den USA über 5.000 Menschen von Polizisten getötet, was geradezu wie ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung anmutet.

Zum Vergleich: 2013 kamen in Deutschland 9 Menschen durch Polizeigewalt ums Leben. Was freilich nicht heißt, dass die Polizei in Deutschland harmlos wäre. Im Gegenteil: Auch hierzulande ist Polizeigewalt ein großes Problem.

Die meisten Polizei-Opfer in den USA waren Hispanics und Schwarze. Zuletzt machte der Fall in Ferguson (USA: Die Militarisierung der Polizei) Schlagzeilen, wo die Polizei den unbewaffneten, 18-jährigen Schüler Michael Brown erschoss.

Angesichts des immer brutaleren Polizeistaats und der unzähligen unschuldigen Opfer von Polizeigewalt, hat die US-Regierung im März 2015 "The President's Task Force on 21st Century Policing" ins Leben gerufen. In dem dabei entstandenen Abschlussbericht finden sich die üblichen Worthülsen wie "Vertrauen in die Polizei", "friedlich", "deeskalieren" und "Anti-Konflikt-Training".

Die gegenwärtige Lage sieht indes alles andere als friedlich aus. Denn abgesehen von den erschreckenden Opferzahlen: Was ist mit all denjenigen US-Bürgern, die nicht von der Polizei getötet werden? Die sitzen oft genug im Knast: In den USA leben knapp 5 Prozent der Weltbevölkerung, doch 25 Prozent aller weltweiten Gefängnisinsassen. Die Gefängnisindustrie der Vereinigten Staaten brummt, doch zu Recht und Ordnung führt sie keineswegs. Die Friedensaktivistin und Philosophin Emma Goldman kritisierte schon 1908 den US-amerikanischen Polizeistaat:

An das stereotypische Argument, die Regierung gebiete Verbrechen und Laster Einhalt, glauben nicht einmal die Gesetzgeber selbst. In diesem Land werden Millionen von Dollar dafür Gefängnisse ausgegeben, dass Kriminelle hinter Gittern bleiben, und dennoch gibt es immer mehr Verbrechen. Sicher ist diese Tatsache nicht einer unzureichenden Gesetzgebung geschuldet! 90 Prozent unserer Verbrechen stehen in Verbindung mit Eigentum und sind in unseren wirtschaftlichen Ungleichheiten verwurzelt. Solange diese weiter bestehen, können wir jeden Laternenpfahl in einen Galgen umwandeln, ohne dass das auch nur die geringste Auswirkung auf das Verbrechen in unserer Mitte haben wird.

Emma Goldmann1

Patrick Spätlebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin.

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