Umkämpfte Meinungsfront im Internet

Trolle im Westen und im Osten

Über 400 vom Kreml bezahlte "Internettrolle" schreiben angeblich täglich in 12-Stunden-Schichten Beiträge und Kommentare, wie die russischen Zeitungen Moi Rajon und Nowaja Gaseta berichten ("Putins Trolle" und der freie Fluss der Information). Dabei unterhalten die Schreiberlinge Tausende von individuellen Social-Media-Konten. Belegt wird dies mit einem Interview einer ehemaligen Mitarbeiterin und mit Dokumenten.

Internettroll. Bild: Drat/Copyleft

Berthold Kohler kommentiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Unverkennbar ist, dass das Internet für einen Desinformationskrieg missbraucht wird: um Lügen in die Welt zu setzen, um Zweifel an missliebigen Darstellungen zu säen und um Kommentatoren, die anderer Meinung sind, mit Beschimpfungen und Drohungen einzuschüchtern." Er urteilt, "Für den Kreml ist Propaganda ebenso ein legitimes Mittel der Politik wie militärische Gewalt."

Anstatt aber wie Paul Schreyer der Frage nachzugehen, ob diese angeblichen Internettrolls tatsächlich für den Kreml arbeiten und insbesondere, ob die deutsche Medienlandschaft von dieser Aktivität überhaupt betroffen ist (Deutsche Leserforen in der Hand von Putins Trollen?, begnügt sich die Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit der erleichterten Feststellung, dass eine Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach belegt, die Kommentarlage im Internet über den Ukraine-Konflikt spiegele nicht die Meinung der Bevölkerung wider. Die Mehrheit der Deutschen hält Russland für den Aggressor und den Schuldigen.

Der Economist, der selbstverständlich nicht nur für und über die deutsche Wirklichkeit schreibt, sieht jedoch keinen Grund zur Erleichterung und ruft im Gegenteil beherzt in einer bizarren Anlehnung an Charlie Hebdo die europäischen Journalisten zu den Waffen. Der russischen Propaganda etwas entgegenzusetzen würde innovatives Denken und Geld erfordern. Aber die Wahrheit sei diese Investitionen wert. Die Europäische Union ist dem Aufruf des Economist bereits zuvorgekommen, indem sie eine Expertengruppe gegründet hat, die darüber berät, wie die russische Propaganda am besten zu kontern sei.

Professionelle Internetpropaganda

Die USA müssen nicht mehr an die journalistische Front gerufen werden, da sie ihrer Zeit und Russland mal wieder voraus sind. 2011 wurde bekannt, dass das Pentagon eine Software entwickeln lässt, die gefakte Internet-Identitäten erstellt, um die Meinung im Internet und insbesondere in den sozialen Medien der nicht-englischsprachigen Welt zu beeinflussen. Dabei stellt die Software sicher, dass jede einzelne gefakte Internet-Identität einen überzeugenden Hintergrund und Biographie hat, um nicht vom Gegner enttarnt zu werden.

Des Weiteren investiert das US-Verteidigungsministerium in die Analyse der sozialen Netzwerke, beispielsweise in der Identifizierung der entscheidenden Nutzer auf Twitter, die in der Konsequenz darüber bestimmen, wie sehr sich Informationen ausbreiten.

Zwischen 2010 und 2012 hatten die USA ZunZuneo, eine Art Twitter-Dienst in Kuba, eingerichtet. 40.000 Benutzer verwendeten den Dienst, ohne zu wissen, dass sein eigentliches Ziel darin bestand, eine soziale Unruhe im Land zu kreieren (USAID: Mit Sportnachrichten Kuba unterwandern). Die Enthüllungen von Edward Snowden offenbaren, dass die Internet-Aktivität auf Kuba nichts Außergewöhnliches war und Russland von dem Propaganda-Potential des Westens noch einiges lernen kann.

Ein veröffentlichtes Dokument des Whistleblowers trägt den Titel: "The Art of Deception: Training for Online Covert Operations" (Die Kunst der Täuschung: Training für verdeckte Online-Operationen). Das Ziel des Papiers der geheimen Arbeitsgruppe JTRIG (Joint Threat Research Intelligence Group) des britisches Geheimdienstes GCHQ lautet ähnlich unverhüllt: "Internet-Techniken zu benutzen, damit etwas in der realen oder der Cyber-Welt geschieht."

Neben der Taktik, Online-Diskussionen gezielt zu steuern, nennt das Papier eine weitere: Falsche Informationen im Internet zu platzieren, um die Reputation der Zielperson zu zerstören. Beispielsweise durch sogenannte Operationen unter falscher Flagge, die Material auf dem Internet im Namen der Zielperson posten. Oder sie schreiben im Namen ihrer Zielperson falsche Nachrichten an Freunde, Nachbarn und Kollegen. Sie veröffentlichen private und vertrauliche Informationen über die Zielperson, posten diskreditierende Informationen und stellen falsche Bilder in soziale Netze.

Da der britische Geheimdienst offenbar schon bestens die Propaganda im Internet beherrscht, muss sich die EU also auch keine Sorgen machen, wie sie eine Gegenpropaganda gegen Russland aufbauen kann. Die Propaganda-Aktivitäten der USA und der Briten sind seit einigen Jahren bekannt. Sie wurden zwar in den Medien durchaus wahrgenommen, doch ein Aufschrei wie gegenüber Russland blieb aus. Auch die Ukraine mischt in diesem Spiel mit: Freiwillige an die Informationsfront. Dies wirft die Frage auf, ob hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Frei nach dem Motto: Was unsere Freunde dürfen, dürfen unsere Feinde noch lange nicht. Eine friedliche Welt entsteht so jedoch sicherlich nicht.

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Hg. Florian Rötzer
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