Abenteuerlust, gepaart mit Langeweile, führt junge Menschen zu den Islamisten

27.04.2015

Guido Steinberg über die Unterschiede zwischen al-Qaida und Islamischen Staat und die Gründe für ihre Anziehungskraft

Dr. Guido Steinberg ist ein deutscher Islamwissenschaftler und Terrorismusexperte, der zur Zeit für die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin arbeitet. Er hat zahlreiche Bücher zu Islamismus und Terrorismus publiziert, zuletzt "Al-Qaidas deutsche Kämpfer": Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus" (2014) und "Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror" (2015).

Letzte Woche hat ein mutmaßlich von IS-Sympathisanten verübter Hackerangriff den französischen Fernsehsender TV5 komplett lahmgelegt. Wie passt das eigentlich zusammen: Auf der einen Seite höchstes technisches Know-how, auf der anderen Seite die Favorisierung von absolut archaischen Gesellschaftsmodellen?

Guido Steinberg: Die Anhänger der Organisation sehen diesen Widerspruch nicht. Sie nutzen selbstverständlich alle Errungenschaften der technischen Moderne, weil sie ohnehin der Meinung sind, dass die Moderne nur aufgrund des Einflusses des Islam entstanden ist.

Sie gehen also davon aus, dass der wissenschaftliche und technische Fortschritt des Westens durch die mittelalterliche Hochkultur des Islam ermöglicht wurde?

Guido Steinberg: Ja, so denken die meisten Islamisten und das Argument hört man in ihren Kreisen sehr oft. Es ist ja auch nicht ganz falsch, wenn auch grotesk überzogen. Tatsächlich kennen wir die Philosophie der Griechen zum Beispiel oft in der Rückübersetzung aus dem Arabischen und auch für andere Wissenschaften sind die islamischen Hochkulturen des Mittelalters grundlegend. Hinzu kommt, dass, würden sie moderne Waffen, Sprengstoffe, Militärgerät, das Internet und neue soziale Medien nicht nutzen, sie sich nicht behaupten könnten. Es handelt sich bei ihnen zwar um religiös-ideologische motivierte Organisationen, doch haben sich auch politische Ziele, und um die zu erreichen müssen sie einfach nach den physischen Regeln der modernen Welt spielen.

In Ihren letzten beiden Büchern haben Sie sich zum einen mit Al-Qaida, zum anderen mit dem Islamischen Staat beschäftigt. Was ist eigentlich der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Terrororganisationen?

Guido Steinberg: Die drei wichtigen Unterschiede sind: Erstens lehnt Al-Qaida die anti-schiitische Strategie des Is ab. Al-Qaida ist durchaus auch der Auffassung, dass die Schiiten Ungläubige sind, meint aber nicht, dass man gegen diese kämpfen müsste, jedenfalls nicht jetzt und nicht im Irak. Zweitens ist es der absolute Führungsanspruch des IS, der von Al-Qaida nicht geteilt wird. Al-Qaida sucht eher nach Verbündeten, wo immer sie sie finden kann, um so ihre Erfolgschancen zu erhöhen. Und drittens lehnt Al-Qaida auch die besonders brutale und zur Schau gestellte Gewalt des IS ab.

Unterscheiden sich die beiden Organisationen auch hinsichtlich ihrer Anhängerschaft?

Guido Steinberg: Die wichtigste Tendenz der letzten Monate scheint zu sein, dass der IS attraktiver für ausländische Kämpfer aus der arabischen Welt und Europa ist. In Syrien musste der der örtliche Al-Qaida-Ableger die meisten Ausländer seit 2013 zu IS ziehen lassen.

Bis heute ist die Anhängerschaft noch nicht gut erforscht: Unter den europäischen Kämpfern scheint es so zu sein, dass Al-Qaida stärker in den Mittelschichten verankert war, während der IS einen Trend hin zu einem viel kompromissloseren und brutalerem Terrorismus darstellt, der vor allem Leute aus prekären wirtschaftlichen Verhältnissen in den Problemvierteln der großen Städte anzusprechen scheint.

Liegt ein Teil der Attraktivität des IS also auch darin, dass junge Männer aus dem Westen dort ihre Gewaltphantasien ausleben können?

Guido Steinberg: Ja, einige junge Männer in den arabischen Ländern und in Europa werden von der besonders brutalen Gewalt dieser Organisation angezogen. Dies zeigt sich schon an ihren Auftritten in Videos, in denen Gegner immer wieder bestialisch hingerichtet werden. Bisher gibt es aber sehr viel mehr Hinweise auf große Abenteuerlust allgemein gepaart mit Langeweile in der Heimat.

Sie haben in einem Interview gesagt, was den IS für viele so attraktiv macht, ist der Wunsch, in einem Staat zu leben, wie ihn sich die Salafisten vorstellen. Für mich stellt sich da die Frage: Haben junge Europäer plötzlich das Bedürfnis nach einer Gesellschaft mit ganz strikten moralische Regeln?

Guido Steinberg: Das ist meines Erachtens die einzige Erklärung dafür, warum so viele zum IS gehen. Sie haben in Syrien die Wahl zwischen verschiedenen terroristischen Organisationen, von denen einige wie zum Beispiel die Al-Nusra-Front auch sehr erfolgreich sind. Trotzdem gehen die Ausländer zum IS. Und der Grund ist, dass der IS ihnen anbietet, in einem "islamischen Staat" zu leben. Das zu tun, ist offensichtlich ein sehr starker Wunsch der Europäer und der anderen Ausländer.

Die Sehnsucht nach einem Gottesstaat, in dem auch alle weltlichen Belange geregelt sind?

Guido Steinberg: Genau. Sie glauben, das ist ein Staat, wie der, in dem der Prophet Mohammed gelebt hat. Mit klaren Regeln und großer Geborgenheit. Eine klare Orientierung, eine Lebensperspektive, Sinn und ein tolles Gefühl, wenn man dabei ist. Englische Forscher reden sehr treffend von "quest for significance", das ist schwer zu übersetzen.

Vielleicht so etwas wie die Suche nach Anerkennung?

Guido Steinberg: Ja, Anerkennung passt sehr gut, Anerkennung, die sie mehrheitlich in der Heimat nicht erhalten. Und dort kriegen sie die und sind plötzlich wichtig für den Aufbau eines Gemeinwesens, während sie in Europa und Deutschland oft am Rande der Gesellschaft stehen. In Syrien und im Irak fühlen sie sich nützlich, stark, mächtig und das ist für sie entscheidend.

Gilt das nur für die Deutschen oder für alle, die sich dem IS anschließen, dass sie dort die Anerkennung bekommen, die ihnen die Gesellschaft woanders verwehrt?

Guido Steinberg: Es gilt für viele Europäer und viele Deutsche. Es fehlen noch größere Untersuchungen, da die meisten Kämpfer sich noch im Kriegsgebiet aufhalten und nur selten über ihre Erfahrungen und Motive sprechen.

Gibt es bei den Dschihadisten aus Deutschland im Vergleich mehr Leute, die einen geringen sozialen Status und/oder einen Migrationshintergrund haben?

Guido Steinberg: In Deutschland sind unter den bisher bekannten Syrienkämpfern die jungen Männer aus den Problemvierteln der großen Städte stark vertreten. Prekäre wirtschaftliche Verhältnisse, abgebrochene Schullaufbahnen und Ausbildungen, zerrüttete Familien, oft sogar Kriminalität und Drogen. In Großbritannien ist das ganz anders, islamistischer Terrorismus ist dort immer noch eher ein Mittelschichtphänomen. Es fehlen aber immer noch Informationen zu sehr vielen Leuten, die sich dem IS anschließen.

Zum Schluss noch zwei Fragen: Wie schätzen sie die aktuelle Bedrohung Deutschlands durch dschihadistische Anschläge ein?

Guido Steinberg: Die Gefahr ist hoch, denn wir können eine Serie von Anschlägen beobachten. Es hat im letzten Jahr eine ganze Reihe von dschihadistischen Anschlägen in der westlichen Welt gegeben: Paris, Brüssel, Kopenhagen, Ottawa und Sydney, und man muss davon ausgehen, dass auch Deutschland bedroht ist. Schon allein, weil wir eine so große Zahl von Syrien-Kämpfern haben, von denen so etwa ein Drittel bereits wieder zurückgekehrt ist. Es ist die große Aufgabe der Sicherheitsbehörden herauszufinden, wer von denen wirklich gefährlich ist.

Gibt es in Deutschland signifikante Orte, die mögliche Anschlagsziele sind?

Guido Steinberg: Es gibt in der deutschsprachigen Propaganda zahlreiche Einrichtungen, die im Focus der Dschihadisten stehen. Es ist auch von prominenten und weniger prominenten Personen bekannt, dass sie potentielle Anschlagsziele sind. Aber wir sollten die nicht öffentlich nennen, weil das als Vorschlag interpretiert werden könnte.

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