Schluss mit der Betroffenheit!

22.04.2015

Stilles Gedenken, eine Blume in den Wellen, Trauer-Smileys - die Tragödie im Mittelmeer hat uns aufgewühlt. Was für ein verlogenes Schauspiel.

Als im November 2014 die italienische Seenotrettungs-Operation "Mare Nostrum" durch das Programm "Triton" ersetzt wurde, gab es keinen Zweifel: Es würde Tote geben. Viele Tote.

Entsprechend kritisch fielen die Kommentare von Menschenrechtsorganisationen aus, Zeitungsartikel nahmen Stellung. Umsonst. "Mare Nostrum" wurde versenkt, praktischerweise in der Wintersaison, die von Natur aus ruhiger ist. Im Alltagslärm der üblichen Sensationen, Katastrophen und Katzenvideos geriet das Flüchtlingsdrama in den Hintergrund.

Und jetzt das: innerhalb einer Woche hunderte Tote.

Das Geschrei ist groß. Wie konnte das geschehen?

Bild aus einem Video von UNHCR.

Plötzlich haben es alle sehr eilig mit Beteuerungen, Mahnungen, Appelle an Menschenwürde, Menschenrechte, Menschenfreundlichkeit. Plötzlich sind alle dagegen. Also: gegen das Sterben. Und dafür. Dass "endlich was passiert".

Dabei ist lediglich eingetreten, was vorhergesagt worden war. Wir sind sehenden Auges in dieses Desaster hineingegangen. "Hineingeschlittert" ist da niemand, es war kein "Unfall", keine "widrigen Umstände" waren hier am Werk. Was im Mittelmeer geschehen ist, ist wortwörtlich der europäischen Willkür geschuldet. Wir haben es bewusst und damit letztlich billigend in Kauf genommen. Und mit "wir" meine ich alle, die nicht vehement gegen diese angekündigte Tragödie eingetreten sind. Ich meine die Höhen der von jeglicher Menschlichkeit losgelösten Politik, ich meine die Niederungen des gemeinen Bürgers. Ich meine Sie und mich. Wir haben es kommen sehen. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt. Wir haben es kommen sehen und wir haben nichts unternommen. Gewiss: Ausschließlich noble und nachvollziehbare Beweggründe haben uns am einzig Richtigen gehindert.

"Wer soll das bezahlen", "wir können doch nicht alle retten", "warum ausgerechnet ich", "ich hab so viel um die Ohren", "ich spende doch regelmäßig dem Tierschutz". Und so mancher mag sich auch insgeheim gedacht haben: "Und sollten ein paar ertrinken - wenn schon. Von denen gibt es sowieso genug."

So oder so ähnlich dürften die Ausreden klingen, mit denen wir unsere Verantwortung kleinreden. Denn wir alle tragen eine Verantwortung für das, was sich abgespielt hat - und weiterhin abspielt. Durch unsere Bequemlichkeit. Unsere Feigheit.

Aber glücklicherweise haben wir die passende Rhetorik parat, mit der wir unsere menschenverachtende Haltung beschönigen. Wer für sofortige und bedingungslose Rettung eintritt, ist ein naiver linksgrüner Multikulti-Gutmensch ohne Bodenhaftung. Der soll doch zuerst einmal seine eigene Wohnung für das Gesocks zur Verfügung stellen, dann reden wir weiter! Und überhaupt sind die, die da kommen wollen, sowieso alle kriminelle islamistische Schläfer, die sich in die soziale Hängematte legen wollen, während sie klammheimlich ihr Kalifat errichten.

Solche wollen wir hier nicht, nicht bei uns, den Anständigen, wo höchstens mal ein bisschen die Steuern hinterzogen oder rechtsradikale Mörder staatlich gedeckt werden, wo auch mal ein Asylantenheim brennt oder menschliche Arbeitskraft zum Spottpreis ausgebeutet wird. Wir sind die Guten, und daran ändern auch unsere Kriege nichts, die wir im Namen grundsolider Werte wie Markterweiterung, Ressourcenausbeutung und Sicherung strategischer Positionen in Afghanistan, Libyen oder dem Irak führen.

Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Die Wahrheit ist: Als wir etwas tun konnten, waren wir dagegen. Also: gegen die Menschen, die unsere Gleichgültigkeit in Verzweiflung gestürzt hat. Und wir waren dafür, dass nichts geschieht, um ihr unvorstellbares Leid zu lindern. Als wir etwas tun konnten, haben wir uns dafür entschieden, nichts zu tun.

Und jetzt, wo unser Nichtstun zur unvermeidlichen Katastrophe geführt hat, tun wir endlich so, als ob wir endlich was täten. Wir sind empört. Entsetzt. Bestürzt. Posten weinende Emojis und zünden virtuelle Kerzen an. Schweigeminute. Vielleicht teilen wir auch mahnende Fernsehkommentare oder Zeitungsartikel. Möglicherweise hat auch der eine oder die andere Schuldgefühle. Ein schlechtes Gewissen, das ganz leise im Hinterkopf nagt. Aber zum Glück lässt es sich mit den richtigen Likes ganz schnell wegklicken.

Doch dieser sinnentleerte Aktionismus kann nicht über unsere Untätigkeit hinwegtäuschen. Wir sind weiterhin wie gelähmt. Die Toten sind uns unangenehm. Aber mit den Lebenden wollen wir trotzdem nichts zu tun haben. In den Internetforen wird schon wieder über den Reichtum Nigerias doziert und über die Somalier, die doch längst alle ein Handy haben. Und sind die Syrer nicht irgendwie auch selber schuld … ?

Die Wahrheit ist: Wir haben Angst. Angst, was passiert, wenn wir die Menschlichkeit siegen lassen. Wenn wir die Tore öffnen. Wenn wir zulassen, dass die Welle uns überrollt. Wir ahnen: Das wird kein lauschiges Fest der Völkerverbrüderung. Das bringt Konflikte. Und wir haben doch schon genug um die Ohren.

Aber es nützt alles nichts. Es wird Zeit, dass wir uns dieser Angst stellen. Dass wir uns rüsten. Die Welle wird kommen. Auch unsere zynische Haltung wird es nicht verhindern können. Denn selbst, wenn es wahr ist, dass wir nicht alle retten können: Wir können auch nicht alle ertrinken lassen.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Oma wird nicht überfahren

Können Roboterautos ethische Entscheidungen treffen?

Cover

Der halbe Hegemon

Rückkehr der "deutschen Frage" und die Lage der EU

SETI Datenschatten Postmediale Wirklichkeiten
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.