Russische "Nachtwölfe" in München

04.05.2015

Die deutsche Regierung scheint bemüht zu sein, die halboffizielle Aktion von einigen Rockern zur Staatsaffäre hochzuschaukeln

Die russische Rockergruppe Nachtwölfe, nationalistisch und auf das Putin-System ausgerichtet, hat eine ganz offensichtlich von der russischen Regierung unterstützte Tour von Moskau aus am 24. April begonnen, um am 9. Mai den Sieg über das Nazideutschland in Berlin zu feiern. Obgleich der Pulk sich zerstreuen musste und nicht gemeinsam fahren konnte, ist die gut dokumentierte Inszenierung politisch und medial gelungen. Sie sollte wohl angesichts des gespannten Verhältnisses zu Russland vor allem der russischen Bevölkerung vorführen, dass Teile Europas russenfeindlich sind und selbst das Andenken an die Kapitulation von Nazideutschland verhindern wollen. Die Regierung von Polen, Litauen und Deutschland spielten mit, erließen Verbote, wiesen Biker ab und verschafften der halboffiziellen, "hybriden" Aktion desto mehr Aufmerksamkeit.

Bild: Nachtwölfe

Als drei russische Biker in Berlin wegen der fadenscheinigen Begründung, sie würden eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung darstellen, wieder zurück nach Moskau fliegen mussten (Drei Nachtwölfe durften in Berlin nicht einreisen), schalteten sich die russische Botschaft und das Außenministerium ein. Allerdings konnten einige Biker schließlich doch nach Polen, wo sie Auschwitz besuchten. Nach Tschechien, Ungarn und der Slowakei (Russische Rockergruppe soll nach Ungarn und Tschechien gelangt sein) gelangten einige, man spricht von 2 russischen und einigen anderen slowakischen und ungarischen Bikern, am Samstag nach Wien, wo sie abends am Heldendenkmal der Roten Armee mit dem russischen Botschafter einen Kranz niederlegten. Ein paar hundert Sympathisanten und Schaulustige waren auch anwesend, es blieb friedlich. Angeblich hätten viele Menschen "Russland" gerufen, sagen die Nachtwölfe. Nur in Bratislava, wo sich mehr als tausend Menschen versammelt hatten, scheint die Ankunft der Biker nebst dem russischen Botschafter neben Zustimmung auch Missfallen erregt zu haben. Die Biker schreiben jedoch nur, dass der Empfang "warm und herzlich gewesen sei. Zuvor waren die Biker in der russischen Botschaft empfangen worden.

Am Sonntag für dann eine Gruppe von "grob geschätzt zehn Personen", so ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord, über Bad Reichenhall nach Deutschland. In der Süddeutschen ist nur von 5 Rockern die Rede. Dort will die Gruppe heute die Gedenkstätte im früheren KZ Dachau besuchen.

Die Nachtwölfe in Bratislava. Bild: Nachtwölfe

Alles in allem handelt es sich wahrlich nicht um eine furchteinflößende Invasion Von Putins Rockern, die damit auch testen, wie die Behörden im demokratischen Westen Menschen behandeln, die ihnen politisch unangenehm sind, von denen aber keine Gefahr ausgeht. Ein einzelner Biker hat sich nach Finnland durchgeschlagen und will von dort nach Deutschland mit einer Fähre einreisen. Jetzt darf man gespannt sein, wie die deutsche Regierung reagieren wird. Auf dem Flughafen München wurde eine junge Russin von Polizei aufgehalten, nachdem man in ihrem Koffer eine Motorradjacke der Nachtwölfe gefunden hatte. Nach eigenen Angaben wurde sie mehrere Stunden vernommen, man habe ihr gesagt, die Symbole der Nachtwölfe seien in Deutschland verboten und ihr gedroht sie abzuschieben. Letztlich durfte sie aber doch einreisen, für die Nachtwölfe ist die Behandlung das erwünschte Zeichen, dass man im Westen nicht nur Angst vor russischen Bikern, sondern auch vor Kleidung hat.

Offenbar sind die Behörden auf Anweisung von Berlin bereit, den versprengten Bikern und damit der russischen Regierung noch eine bessere Bühne zu bieten. Wie es die Nachtwölfe schildern wurde der vor allem aus Autos bestehende Konvoi, in denen auch russische Diplomaten gewesen sein sollen, in München von der Polizei aufgehalten. Angeblich würde diese ihre Aktion mit dem Auswärtigen Amt in Berlin koordinieren. Es scheint, als wolle das Auswärtige Amt die Peinlichkeit fortsetzen und damit den Nachtwölfen und Moskau entgegenkommen.

Man fragt sich, was Berlin befürchtet, wenn ein paar Hansel aus Russland zum 70. Jahrestag des Siegs über Nazideutschland in Berlin einen Kranz niederlegen? Zur großen Demonstration wird dies erst durch den Versuch, ein paar russischen Nationalisten als Bedrohung zu sehen, was letztlich auch so interpretiert werden kann, dass die deutsche Regierung aufgrund des aktuellen Ukraine-Konflikts den Beitrag der Sowjetunion zur Niederschlagung des Nazi-Regimes und das Leiden des russischen Volkes beiseite stellen will. Man könnte aber durchaus den Stalinismus und auch die Annektierung der Krim kritisieren, ohne ein paar Russen verhindern zu müssen, aus Nationalstolz den Sieg über Nazideutschland zu erinnern. Die übertriebene Reaktion auf ein paar Biker, nie waren hunderte vorgesehen, zeigt vielmehr die Irrationalität, die inzwischen eingekehrt ist, und wie einfach es ist, Regierungen vorzuführen. Hätte sich die deutsche Regierung an der österreichischen orientiert, wäre der Spuk schnell vorbei. Aber offenbar kämpft man auch in Berlin lieber gegen Windmühlen oder durchschaubare Provokationen. Erschreckend ist, wie billig Politik funktioniert – und wie schnell man möglicherweise im Krieg landen kann.

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