Tikrit: Wie der IS die Stadt innerhalb einer Stunde einnahm

08.05.2015

Die Methoden des Städtekriegs nach Art der Mafia

Tikrit ist, wie Kobanê, zu einer Geisterstadt geworden. "Die Stadt war und ist völlig verlassen", berichtet die Krisenbeauftragte von Amnesty International, Donatella Rovera, die Tikrit vor kurzem, nach der Rückeroberung aus der Kontrolle der IS-Milizen, besuchte. Es gibt kein normales Leben mehr, bewaffnete Gruppen haben das Kommando, Milizen. Und Plünderer und kriminelle Banden.

Vor der Übernahme durch den IS zählte die Stadt mit umliegenden Ortschaften etwa 200.000 Einwohner; jetzt sind nur mehr höchstens ein paar Tausend dort, nicht in der Stadt, meist in der Umgebung. Die früheren Bewohner, verstreut auf andere Städte im Irak, warten auf ein Signal, dass sie wieder zurückkommen können, dass die Versorgung mit Strom, Wasser und Nahrungsmitteln wieder funktioniert und das Leben wieder sicher ist, berichtete ein Reporter des US-Magazins Daily Beast diese Woche.

Die Aussichten darauf sind sehr schlecht, so die Einschätzung eines irakischen Anwalts und Journalisten namens Zaid Al-Ali. Die Bedingungen, die jetzt in Tikrit herrschen seien genau wie die Bedingungen, die zur Übernahme der Stadt durch den IS führten: Gesetzlosigkeit, Korruption der Sicherheitsdienste, die Präsenz bewaffneter Gruppen. Sein Bericht, gestützt auf Aussagen langjähriger Bekannte und Freunde in der Stadt, schildert eine ruinierte Stadt. Im Unterschied zu anderen Reportagen und Berichten zeigt er in Einzelheiten, wie die Übernahme von Tikris geschah und wie der IS regierte.

"Während der Dauers eines Mittagschlafes"

Die Übernahme geschah anders, als man dies von Städtekämpfen etwa in Falludscha, Grosny (Falludscha: das amerikanische Grosny) oder auch Gaza-Stadt kennt. Die Bevölkerung wurde nicht zuvor via Flugblätter oder andere Ankündigungen aufgefordert die Stadt zu verlassen, um Bombardierungen aus der Luft, Granatenwerfern, Panzern und Bodentruppen aus dem Weg zu gehen. Es gab auch keine langdauernden Beschüsse wie in der Ostukraine (Vor einem blutigen Stadtkampf in der Ostukraine?), die Stadtkämpfe vorbereiten sollen.

IS-Milizen auf dem Weg nach Tikrit. Ausschnitt aus einem Propagandavideo

Die Übernahme der Kontrolle von Tirkrit am 11. Juni 2014 war während der Dauers eines Mittagschlafes geschafft, in etwa einer Stunde. Der IS benötigte dafür etwa 30 Mann.

Dass es den IS-Milizen so leicht fiel, lag an der Angst - einen Tag zuvor hatten sie Mosul erobert und die Nachricht verbreitete sich schnell, viele Polizisten und andere Sicherheitskräfte waren daraufhin aus Tikrit geflohen - und, wie in Mosul, an einer zweijährigen zermürbendenen, chirurgisch präzisen Vorbereitung nach Mafiamethoden.

Mafiamethoden und Angst

Schon 2012 erhielten wichtige Geschäftsleute Anrufe, die hohe Schutzgelder verlangten, von IS-Mitgliedern. Die Geschäftsleute wussten augenscheinlich damals schon, mit wem sie es zu tun hatten und dass es kaum einen Schutz gegen die Organisation gab. Wahrscheinlich kannten sie auch Nachrichten über getötete Funktionäre oder Leiter im Sicherheitsapparat, in der Polizei und Armee.

In Mosul durchkämmten IS-Milizen die Stadt nach einer Liste von wichtigen Mitgliedern im Sicherheitsapparat, die entweder mit unmissverständlichen Drohungen an die Familie und die Personen selbst, hohe Summen zahlen mussten, entführt wurden oder getötet. In jedem Fall mussten sie ihren Posten an jemanden von der IS abtreten. Ähnliches wiederholte sich in Tirkrit. Mit dem Ergebnis, dass der IS darauf zählen konnte, dass Widerstand von dieser Seite nicht mehr zu befürchten war.

Ergänzt wird dies mit der Kooperation mit ortsansässigen Stämmen. An solchen, die sich weigern, wird ein Exempel statuiert. Meldungen, dass 200 Stammangehörige getötet wurden, bestätigen Gegner und Bewohner in ihrer Angst. Kurz nach der Eroberung Tikrits töteten IS-Milizen mithilfe des Albu Ajeel-Stammes über 1.000 Rekruten im nahegelegenen Speicher-Camp.

Dass sich dort eine Militärbasis befand, hatte vorher nicht unerheblich zum Sicherheitsgefühl der Bewohner beigetragen. Die Nachrichten vom "Speicher-Massaker" und darüber, dass die Befehlshaber der irakischen Armee angesichts der IS-Milizen und ihrer Verstärkung die flucht ergriffen hatten, führte zur ersten großen Flüchtlingswelle in Tikrit.

Rasche Übernahme von Gerichten, Moscheen und Schulen

Der IS übernahm ziemlich rasch und planmäßig Gerichte sowie Sicherheits- und Polizeidienste, deren Mitglieder wurden vor die Wahl gestellt, zu bereuen, dokumentiert durch eine höhere Geldsumme, dem IS die Treue und Gefolgschaft zu erklären oder getötet zu werden.

Moscheen wurden durch IS-Imame ersetzt, Schul-und Universitätspläne wurden neu ausgerichtet, die Regeln des täglichen Lebens auch. Die strategisch wichtigsten Posten wurden durch IS-Mitglieder besetzt. Da dem IS anscheinend zwar viele Kämpder zur Verfügung stehen, aber ansonsten nicht viel "Personal" rekrutierte man in Tikrit Helfer aus den ärmeren Schichten. Bewohner erkannten frühere Nachbarn oder Leute aus Vororten in neuer Identität wieder.

Nur mehr ein Militärstützpunkt

Die nächsten großen Flüchtlingswellen setzten mit den Angriffen der Hubschrauber der irakischen Armee ein, so Zaid Al-Ali. Sie beschädigten die Infrastruktur gravierend, schließlich wurde die Strom-und Wasserversorgung unterbrochen, bzw. sogar außer Kraft gesetzt. Auch die Versorgung mit den allernötigsten Lebensmitteln wurde sehr schwierig.

Es zeigte sich, dass der IS keine Mittel dafür oder auch kein Interesse daran hatte, Abhilfe zu schaffen. Die Stadt, so der Bericht wurde zum reinen Militärstützpunkt für den IS. Es waren schließlich kaum mehr Zivilisten in der Stadt.

Dann kam die Großoffensive, die schiitischen Milizen, Teile der irakischen Armee und bewaffnete Gruppen, die sich aus Stämmen rekrutierten. Dem zuvor gegangen war die letzte große Flüchtlingswelle. Jetzt ist Tikrit noch immer eine Art Militärstützpunkt.

Laut einem aktuellen Bericht der New York Times errichtet man inwzischen ein Denkmal für das Speichermassaker. Es gebe leichte Anzeichen für eine Versöhnung zwischen Sunniten und Schiiten.

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