MH-17: Spiegel muss mangelnde Sorgfalt bei Schuldzuweisung einräumen

05.06.2015

Groß aufgemacht hatte man die von den Bellingcat-"Experten" erstellten Belege für Fotomanipulationen präsentiert, die sich aber als "Kaffeesatzleserei" herausstellten; über die Gründe will man nicht sprechen

Der Spiegel hat immerhin seine reißerische Story über die "Experten" des "Recherchenetzwerks" Bellingcat, auch zur "unabhängigen Investigativplattform" hochgelobt, bedauert. Unter dem Titel "Forensische Analyse: Kreml hat offenbar Satellitenfotos zu MH17-Absturz gefälscht" wurden ohne größere Überprüfung, wahrscheinlich weil es ins Weltbild passte, die "Analyseergebnisse" der zu Experten mutierten Bildanalyseamateure, wiedergegeben.

Die vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Fotos, seien bearbeitet gewesen, folglich hat Russland manipuliert: "Die offizielle russische Version zum Abschuss von Malaysia-Airlines-Flug MH17 über der Ostukraine gerät immer mehr ins Wanken", hieß es gleich zu Beginn mit dem Verweis auf "Experten", nach denen die Fotos mit Photoshop manipuliert worden seien. Die "Experten" hatten sich auch ganz sicher gegeben: "Die forensische Analyse aller drei Bilder hat eindeutig und zweifelsfrei ergeben, dass diese Bilder verändert wurden. In den Bildern wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit signifikante Bildinhalte digital verändert. 'Bild 4' und 'Bild 5' wurden nachweislich durch die Software Adobe Photoshop CS5 digital modifiziert."

Eines der vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Fotos.

Dummerweise hatten sich schnell wirkliche Experten gemeldet, die aufzeigten, dass die Spiegel-Experten die von ihnen benutzte Software FotoForensics nicht wirklich verstanden haben. Peter Mühlbauer hatte am Mittwoch bereits darüber berichtet ("Anleitung dafür, wie man keine Bildanalyse machen sollte"). Es ist trivial, dass Fotos zur Veröffentlichung bearbeitet werden und dies Spuren hinterlässt. Ein Beweis, dass die Fotos selbst manipuliert wurden, lässt sich daraus nicht ableiten.

Ebenfalls am Mittwoch veröffentlichte die junge Welt eine Pressemitteilung, nach der als erster der Autoren, die die "forensische Analyse" geleistet haben, ein Timmi Allen genannt wurde. Allen arbeitete lieber unter einem Pseudonym, in Wirklichkeit heißt er Olaf Neitsch und war bis 1989 Stasi-Mitarbeiter. Das bedeutet nicht viel, klar ist aber, dass Neitsch keineswegs ein forensischer Experte ist, sondern sich später als Wirt und dann in der Versicherungsbranche betätigt hat, derzeit offenbar bei ergo als "Organisationsleiter (Werbekolonnen)". Bilderfahrungen könnte er deshalb beanspruchen, weil er 3D-Gebäude und -Landschaften auf "Second Life" anbietet. So heißt es anlässlich eines Interviews mit ihm: "Wie vielfältig Kreativität in einer virtuellen Welt wie Second Life, wo alles von deren Bewohnern erstellt wird, sein kann, beweist das Team rund um 3D-Baumeister Timmi Allen immer wieder eindrucksvoll, seien es originalgetreue Nachbauten bekannter realer Bauwerke, voll animierte Tiere oder ganze Landschaften." Als "forensischer Experte" arbeitet er als Hobby, soll er der jungen Welt berichtet haben.

Am Donnerstag erst reagierte der Spiegel auf die Kritik, dass Bellingcat "Kaffeesatzleserei" betreibe. Es gehöre zu den journalistischen Prinzipien, dass man eine Information nur dann als verlässlich bewerte, wenn man sie von zwei unabhängigen Quellen bestätigt wird. Bei einer "brisanten" Meldung, die man nicht "eindeutig verifizieren" kann, wähle man eine vorsichtige Formulierung. Gewunden wird von Chefredakteur von Spiegel Online, Florian Harms, zugestanden, dass man dies hier nicht beherzigt hat. Man wollte halt ganz vorne mitspielen und für einen Aufreger sorgen, da gibt es keine Zeit für Nachprüfungen, weil sonst andere zuvorkommen könnten, und politisch richtig lag ja der Bericht offenbar auch, so dass man auf übergroße Vorsicht verzichten konnte, hat doch Bellingcat eng mit dem Atlantic Council kooperiert.

Immerhin wurde zur Wiedergutmachung ein Interview mit einem wirklichen Forensiker geführt, nach dem Bellingcat keinen Beweis für eine Fälschung geliefert habe. "Selbstkritisch müssen wir festhalten", schreibt Harms: "Diese professionelle Skepsis im Umgang mit der Quellenlage, das Hinterfragen der Quelle hätten wir bereits in den vorherigen Artikeln stärker zum Ausdruck bringen sollen." Auf die die naheliegenden Gründen, warum die "professionelle Skepsis" auf der Strecke geblieben ist, geht der Chefredakteur nicht ein.

Sonderlich professionell wirkt auch nicht, wenn dann heute ein Bericht über den Stasi-Mitarbeiter erscheint und so getan wird, als habe der Spiegel dies aufgedeckt: "Nun steht die Plattform wegen einer Personalie im Mittelpunkt. Einer der Autoren von Bellingcat war nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bis zur Wende Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, kurz Stasi."

"Angst vor der nächsten Offensive"

Noch deutlich weniger professionell hatte noch heute, als der Spiegel schon seine Berichtigung veröffentlicht hatte, die Süddeutsche Zeitung im Vorlauf zum G7-Gipfel unter dem suggestiven Titel "Angst vor der nächsten Offensive" berichtet, dass der "Atlantic Council als auch die britische Organisation Belllingcat detaillierte Berichte über die Organisation des Ukraine-Kriegs durch Moskau" vorgelegt habe. Zuvor hieß es, dass nicht nur nicht näher genannte Berichte der OSZE, sondern auch andere Berichte "die entscheidende Rolle Russlands im Krieg in der Ostukraine - und Anzeichen für eine mögliche Offensive" unterstreichen. Die OSZE hatte zwar berichtet, dass vor Ausbruch der Kämpfe um Marinka und während dieser von den Separatisten schwere Waffen wie Panzer Richtung Westen zur Kontaktlinie gebracht worden seien. Wer mit dem Angriff begonnen hat, ist jedoch in dem Bericht nicht explizit zu lesen (Ukraine: Showdown vor dem G7-Gipfel?).

SZ-Journalist Florian Hassel weiß es jedoch: "Als der Tag graute, begannen die Rebellen mit einem Angriff auf die von der ukrainischen Armee gehaltene Kleinstadt Marinka. Erst als Antwort feuerten die Ukrainer ihrerseits Stunden später auf die Rebellen, so beschreibt es die OSZE." Nach dem Bericht lässt sich zwar schließen, dass die Separatisten mit dem Feuer gegen 4:30 begonnen haben, explizit gesagt wird dies von den Beobachtern in dem von den Separatisten kontrollierten Tekstilshchik nordöstlich von Donezk aber nicht. Allerdings heißt es zudem, worauf die Separatisten auch hinweisen, dass zwischen 04:30 und 05:00 die OSZE-Beobachter in Donezk Artilleriefeuer auf Donezk und von dort aus gehört haben. Auch hier wird nicht gesagt, wer begonnen hat. Im nächsten Bericht wird allerdings ein Besuch in einem Krankenhaus in Donezk erwähnt, in das am 3. Juni 20 teils schwer durch Granatsplitter verletzte Zivilisten eingeliefert worden seien. Berichtet wird von zunehmenden Kämpfen und wechselseitigem Beschuss am 4. Juni in der Nähe des zerstörten Flughafens von Donezk, wiederum ohne zu sagen, wer begonnen hat.

Übernommen wird die Darstellung von Kiew unkritisch, dass man erst "Stunden später" zurückgeschossen habe. Aber Hassel legt den Lesern der SZ nicht nur nahe, dass Russland eine Offensive vorbereiten können, auch wenn er selbst einräumen muss, dass er nicht weiß, was der "Kreml und der russische Generalstab mit den neuesten Angriffen bezwecken". Der Verdacht liegt zumindest nahe und müsste auch wiederlegt werden, dass Ukraine die Kämpfe kurz vor dem G7-Gipfel provoziert haben könnte, um Stimmung zu machen. Die Version wird vom Kreml und den Separatisten vertreten. Wer nicht von vorneherein parteiisch ist, sollte dies zumindest erwähnen, aber Hassel geht es offenbar wie dem Atlantic Council vor allem darum, dass es "höchste Zeit" sei, eine "Verschärfung" der Sanktionen zu beschließen. Womöglich auf dem G7-Gipfel?

Jetzt präsentiert die Separatisten in Donezk einen gefangenen ukrainischen Gefangenen, der gesagt haben soll, dass die ukrainischen Streitkräfte in Marinka zuerst gefeuert hätten, was die russischen Staatsmedien ebenfalls ohne kritische Distanz wiedergeben. Oder soll man nun diesen Aussagen weniger glauben als denen der zwei Russen, die kürzlich von den Ukrainern gefangen wurden?

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Hg. Florian Rötzer
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