Die Welt im Erdölrausch

10.06.2015

Der Historiker Daniele Ganser über den Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte und Auswege aus der Gewaltspirale

Daniele Ganser (Dr. phil.) ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und Internationale Politik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsführung, Ressourcenkämpfe und Wirtschaftspolitik. Er unterrichtet an der Universität St. Gallen (HSG) zur Geschichte und Zukunft von Energiesystemen und an der Universität Basel im Nachdiplomstudium Konfliktanalysen zum globalen Kampf ums Erdöl. Er leitet das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) in Basel.

Herr Ganser, Sie sind nicht nur Friedensforscher und NATO-Kritiker, Sie vertreten auch die Auffassung, Energie und Frieden seien miteinander "vernetzt" und haben vor einiger Zeit eine Studie zum Thema "Europa im Erdölrausch" publiziert. Was hat Frieden mit Energie und hat Europa mit Rauschzuständen gemein?

Daniele Ganser: Wir brauchen jeden Tag weltweit 90 Millionen Fass Erdöl. Das entspricht 45 Supertankern. Das ist eine ganze Menge. Die EU braucht täglich 15 Millionen Fass, die USA verbrauchen sogar 20 Millionen Fass. Wir sind also als Weltgemeinschaft hochgradig süchtig nach Erdöl. Zudem brauchen wir viel Erdgas, weltweit täglich 9 Milliarden Kubikmeter. Natürlich versuchen wir in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz mit der Energiewende die Abhängigkeit von den fossilen Energieträgern zu reduzieren, das halte ich für richtig und wichtig. Aber derzeit sind wir noch stark in einer fossilen Welt. Und weil die Ressourcen nicht gleichmäßig verteilt sind, führt das mitunter zu militärischen Konflikten.

Daniele Ganser. Bild: Johannes Nilo

Es gibt also einen seit jeher blutigen weltweiten Kampf um den Zugriff aufs "Schwarze Gold" und dieser spitzt sich aktuell zu?

Daniele Ganser: Ja, natürlich, um Erdöl und Erdgas wird seit vielen Jahren gekämpft. Nehmen sie den Ersten Weltkrieg. Damals haben die Briten ihre Flotte von Kohle auf Erdöl umgestellt, damit wurden die britischen Schiffe schneller. Die deutsche Flotte lief noch mit Kohle, was ein Nachteil war, weil sie nicht nur langsamer, sondern mit dem ganzen Rauch auch immer gut sichtbar war.

Die Briten hatten aber auf ihrer Insel nur Kohle und kein Erdöl, daher mussten sie zum Antrieb der Schiffe im Iran nach Erdöl bohren. 1908 wurden sie fündig, es war der erste Erdölfund im Nahen Osten. Seither haben wir sehr viele Kriege um das schwarze Gold im Nahen Osten erlebt, leider, ich schildere das in meinem Buch ausführlich. Die Briten haben danach das iranische Erdöl als koloniale Beute nach Großbritannien exportiert, um ihre Kriegsschiffe anzutreiben. Krieg und Erdöl waren schon immer eng vernetzt. Ohne Erdöl fährt kein Panzer und fliegt kein Flugzeug.

Auch Hitler versuchte im Zweiten Weltkrieg Erdölquellen zu erobern. Als 1942 ein Teil der deutschen Truppen in Stalingrad eingekesselt war, verlangten einige deutsche Offiziere, dass Hitler die deutschen Truppen vor Baku abziehen solle, um sie den von den Russen eingekesselten Kameraden in Stalingrad zur Hilfe zu schicken. Doch Hitler lehnte strikt ab. "Wenn wir das Öl bei Baku nicht kriegen, ist der Krieg verloren", sagte Hitler. 1943 verlor Hitler sowohl den Kampf um Stalingrad als auch um Baku, es war der Anfang vom Ende.

Hitlers General Erwin Rommel stand zeitgleich in Nordafrika still, weil er kein Erdöl mehr hatte, nachdem die Briten die deutschen Erdölschiffe im Mittelmeer versenkt hatten. "Mit der Benzinzufuhr trafen die Briten einen Teil unseres Mechanismus, von dessen Funktionieren alles Weitere abhing", schrieb Rommel damals an seine Frau. "Der tapferste Mann nützt nichts ohne Kanone, die beste Kanone nützt nichts ohne viel Munition, und die Kanone und Munition nützen im Bewegungskrieg nicht viel, wenn sie nicht durch Fahrzeuge mit genügend Benzin bewegt werden können. Benzinknappheit, es ist zum Weinen."

Bild: SIPER

Warum hat sich der Kampf um Erdöl nach dem Zweiten Weltkrieg nicht entspannt?

Daniele Ganser: Weil der Konsum in den letzten 70 Jahren stark angestiegen ist. Das nenne ich "Erdölrausch". Noch 1945 reichten weltweit 6 Millionen Fass pro Tag, um den Erdöldurst zu stillen. Heute brauchen wir wie schon dargelegt täglich 90 Millionen Fass, weil wir viel mehr Menschen sind und viel mehr Komfort beanspruchen.

Was dann wiederum Kriege und Konflikte schürt…

Daniele Ganser: Ja. Natürlich ist vielen Menschen noch der Angriff der USA und der Briten 2003 auf den Irak in Erinnerung. Damals haben der US-Präsident George Bush und der britische Premier Tony Blair die ganze Welt angelogen, als sie behaupteten, Saddam Hussein, der damalige Präsident des Irak, habe atomare, chemische und biologische Waffen, und daher müsse man den Irak angreifen. Heute wissen wir: Das war nicht wahr, es gab keine ABC-Waffen im Irak. Der Angriff fand ohne UNO-Mandat statt und war daher illegal. Bush und Blair sind Kriegsverbrecher. In Wahrheit ging es um die Kontrolle des irakischen Erdöls.

Die USA und die Briten hatten schon 1953 im Nahen Osten interveniert, um ihre Wirtschaftsinteressen durchzusetzen. Damals stürzte der amerikanische Geheimdienst CIA zusammen mit dem britischen Geheimdienst MI6 die demokratisch gewählte Regierung von Iran, weil diese unter Premier Mossadegh das iranische Erdöl verstaatlicht hatte, was für die Briten eine herbe Enttäuschung war. Daher wurde Mossadegh gestürzt, die Briten und Amerikaner sicherten sich den Zugriff auf die Ressourcen. Die Iraner haben das bis heute nicht vergessen, auch wenn es bei uns im Fernsehen immer heißt, die Iraner seien die Bösen, die USA die Guten. Die Iraner haben aber niemals eine Regierung in den USA gestürzt, es war umgekehrt. Zudem haben die USA Saddam Hussein und den Irak unterstützt, als dieser Iran angriff. Der Krieg zwischen Irak und Iran von 1980 bis 1988 forderte mindestens 400.000 Tote. Es war eine ganz traurige Zeit.

Trotzdem haben US-Geostrategen wie George Friedman vom Think Tank Stratfor in diesem Jahr gefordert, dass diese Taktik, welche schon den Iran stark beschädigte, auch heute wieder angewandt werden soll: "Die USA können als Imperium nicht andauernd in Eurasien intervenieren", so Friedman in einem Vortrag in Chicago im Februar 2015. "Denn die USA sind nicht in der Lage, ganz Eurasien zu besetzen. In dem Moment, indem wir einen Stiefel auf europäischen Boden setzen, sind wir aufgrund der demografischen Unterschiede zahlenmäßig total unterlegen." Daher gehe es darum, in Eurasien zerstrittene Mächte zu unterstützen und zum Beispiel einen Keil zwischen Deutschland und Russland zu treiben um beide zu schwächen. "Auch die Briten haben damals nicht Indien besetzt, sondern einzelne indische Staaten gegeneinander aufgehetzt", erklärte Friedman.

Die USA sprechen heute ziemlich offen über diese fast diabolischen Techniken der Macht, nur hört man davon selten was bei uns im Fernsehen. Friedman sagte: "Ich empfehle eine Technik, die von Präsident Ronald Reagan eingesetzt wurde gegen Iran und Irak: Er unterstützte beide Kriegsparteien! Dann haben sie gegeneinander und nicht gegen uns gekämpft. Das war zynisch und amoralisch. Aber es funktionierte."

Der so genannte "Krieg gegen den Terror", der vielmehr selbst als Terror, Staatsterrorismus nämlich, zu bezeichnen ist, hat neusten Untersuchungen zufolge bereits 1,3 Millionen Tote gekostet…

Daniele Ganser: Ja, gemäß der neuesten und sicherlich gründlichsten Studie der IPPNW sind durch den Krieg im Irak seit 2003 weit über 1 Million Menschen getötet wurden. 220.000 davon in Afghanistan und 80.000 in Pakistan. Wobei hier tote Soldaten und Zivilisten zusammengezählt werden. Die Zahl der Verletzten ist noch viel höher.

Ein Teil der Menschen, vor allem in Afghanistan und Pakistan, wurden dabei durch US-Drohnen getötet. Dagegen regt sich inzwischen auch in den USA vereinzelt Widerstand. Professor Noam Chomsky etwa verurteilt den Drohnenkrieg von Präsident Obama als die größte Terrorkampagne der Geschichte, das habe es so noch nie gegeben. Und natürlich, wenn man die Rollen vertauscht und sich vorstellt, die Al-Qaida würde in den NATO-Ländern, also in Europa und Nordamerika, mit ferngesteuerten Flugzeugen täglich Raketen abfeuern, würde man das hier auch als grässlichen Terror bezeichnen. Wir stecken also leider tief in der Gewaltspirale...

Wir sind Meister des Verdrängens

Aber sind das nicht beides logische Folgen kapitalistischer Akkumulationsprozesse: Ressourcenkriege und sozusagen eine "Ausbeutungsspirale" hin zu immer mehr Raubbau an Natur, Krieg und Gewalt? Ich meine: Ist diese sich zuspitzende Krise, von der Sie sprechen, nicht dem gesellschaftlichen "Immer mehr, immer schneller, immer billiger" immanent?

Daniele Ganser: Doch, natürlich gibt es hier einen Zusammenhang. Daher hängen wir ja alle mit drin. Aber wir sind Meister des Verdrängens. Wer denkt schon beim Füllen des Öltanks mit Heizöl an die Toten im Irak? Oder beim Tanken von Diesel und Benzin? Als Konsumenten empfinden wir diesen Bezug zu den Ressourcenkriegen als irritierend und störend, daher blenden wir das aus. Und auch den Schaden an der Natur wollen wir nicht sehen. Als 2010 im Golf von Mexiko die Bohrplattform Deepwater Horizon von BP explodierte und mit Erdöl verklebte Vögel im Fernsehen gezeigt wurden, waren die Leute kurz schockiert. Was aber folgte daraus? Nur Oberflächliches. Bekannte haben mir gesagt: Nun tanke ich nicht mehr bei BP, sondern bei Shell! Das heißt: Wir haben größte Mühe, aus diesen Ressourcenkriegen rauszukommen.

Besteht hier der Zusammenhang zur "globalen Gewaltspirale", von der Sie häufig sprechen?

Daniele Ganser: Der Begriff Gewaltspirale ist daher so treffend, weil ja die Konflikte miteinander verbunden sind. Als Saddam getötet und seine Armee aufgelöst wurde, ist ein Teil seiner ehemaligen Offiziere zum sogenannten "Islamischen Staat" gewechselt, und jetzt dreht sich die Gewaltspirale weiter, weil sich diese Terrormiliz von Irak nach Syrien ausbreitet.

Nachdem die NATO 2011 das Erdölland Libyen bombardiert und Gaddafi getötet hatte, ist auch dieses Land im Chaos versunken. Das alles zeigt uns: Wir kommen nicht mit Bomben und Gewalt aus der Gewaltspirale heraus. Denn wenn wir mit Gewalt das Böse, was immer es auch ist, ausrotten könnten, hätten wir es längst geschafft.

Bild: SIPER

Die NATO umzingelt Russland. Hat der Westen den Regime Change in der Ukraine organisiert, um die Kontrolle über Gaspipelines zu erlangen?

Daniele Ganser: Durch die Ukraine laufen Gaspipelines, die Europa versorgen. Russland gehört neben Saudi-Arabien und den USA zu den größten Produzenten von Erdöl und Erdgas. Man muss auch beim Krieg in der Ukraine nicht lange suchen, bis man den Bezug zu den Rohstoffen und Wirtschaftskriegen gefunden hat. Außenpolitik war und ist Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte. Aber in den Medien werden diese Hintergründe nicht ausgeleuchtet.

Man arbeitet stattdessen mit platten Feindbildern wie "Gaddafi ist böse", "Saddam ist böse", "Putin ist böse", daher führen wir Krieg. Von Wirtschaftsinteressen oder Rohstoffen ist nie die Rede. Man verkauft also das Publikum für dumm. Aber das sollte man nicht tun. Einige Menschen sehen sehr wohl, dass sich die NATO in den letzten 25 Jahren in Richtung Osten ausgedehnt hat und heute Russland umzingelt, dass also die NATO den Konflikt im Osten schürt, weil sie nun auch die Ukraine in die Militärallianz aufnehmen will, was umgekehrt Russland auf keinen Fall will.

Im Februar 2014 wurde ja der ukrainische Präsident Janukowitsch gestürzt und durch Präsident Poroschenko ersetzt. Gemäß dem früheren CIA-Analytiker Ray McGovern stehen hinter diesem Putsch die NATO und die USA. "Es war ein vom Westen gesponserter Putsch, es gibt kaum Zweifel daran." Wenn McGovern mit seiner Analyse Recht hat, dann ist die Besetzung der Krim durch Putin nicht etwa eine Aggression ohne Grund, sondern eine Reaktion auf den NATO-Putsch in Kiew. Der entscheidende Unterschied zwischen Janukowitsch und Poroschenko ist dabei offensichtlich: Poroschenko will in die NATO. Der deutschen Presse sagte er, unmittelbar nachdem er an die Macht gekommen war: "Im Land gibt es momentan keine Mehrheit für einen NATO-Beitritt. Generell brauchen wir ein neues Sicherheitsbündnis mit den USA und Europa, um die Ukraine auch militärisch zu schützen. Ich werde als Präsident für dieses Bündnis kämpfen und sofort die Gespräche aufnehmen."

Bild: SIPER

In der genannten und in anderen Publikationen haben Sie ja auch Wege aus diesen Ressourcenkriegen aufgezeigt. Wie sähen diese Ihrer Meinung nach denn aus? Was wäre zu tun?

Daniele Ganser: Zuerst müssen wir den "Balken im eigenen Auge" sehen, und nicht nur den "Splitter im Auge" der anderen. Das heißt, die NATO-Länder in Europa und den USA müssen über ihre eigenen Kriege nachdenken, über die Bundeswehr in Afghanistan, ob das richtig oder falsch war, über die Toten im Irak und in Libyen, über die Rolle des US-Imperiums in der heutigen Welt und über den Ressourcenverbrauch. Mit einfachen Feindbildern wie "die bösen radikalen Muslime" und "die bösen Russen" blendet man systematisch die NATO-Gewalt aus. Wenn man zu diesem schmerzhaften Schritt bereit ist, wird man sehen, dass wir ein Teil der Gewaltspirale sind.

Das klingt eher deprimierend, weil utopisch, finden Sie nicht?

Daniele Ganser: Man sollte auf keinen Fall deprimiert sein. Das Leben ist wertvoll und schön, die meisten Menschen sind wunderbare Wesen und am Frieden interessiert. Es ist nur eine kleine Minderheit, die uns immer wieder in die Gewaltspirale reinstößt. Das sollte man ablehnen und Krieg, Terror und Folter ebenso.

Wenn viele Menschen wirklich den Ausstieg aus der Gewaltspirale anstreben und über Jahre und Jahrzehnte hinweg Geduld haben und sich in dieser Richtung anstrengen, dann ist das möglich. Zudem, denke ich, brauchen wir die Energiewende, also den Ausstieg aus Erdöl, Erdgas, Kohle und Atom und hin zu den erneuerbaren Energien Wind, Sonne, Wasser, Holz, Geothermie und Biogas.

Und wenn der Ausstieg aus beidem nicht gelingt: Welche Zukunftsszenarien sind dann realistisch für Sie?

Daniele Ganser: Das 21. Jahrhundert wird auf jeden Fall spannend, weil die Weltbevölkerung ja jedes Jahr um 80 Millionen Menschen wächst. Das bedeutet, dass der Druck zur Veränderung zunehmen wird. Wir sind also in einem laufenden Lernprozess, der durch die digitale Informationsrevolution noch beschleunigt wird.

Pessimisten glauben zwar, dass wenig Hoffnung bestünde, und es daher zu endlosen Ressourcenkriegen über zunehmend knappe Ressourcen und die Zerstörung weiter Teile der Umwelt sowie einer starken Dezimierung der Bevölkerung kommen würde. Ich glaube aber nicht, dass die Pessimisten Recht haben. Denn der Mensch möchte überleben, und er möchte auch, dass seine Kinder und Enkel überleben, und wenn nötig wird er sich unter Druck anpassen.

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