Als Angela liebevoll angestupst wurde

09.06.2015

Der G7-Gipfel, die Produktion von Weltbildern und der tägliche Overkill der Medien

Das Eissportzentrum in Garmisch-Partenkirchen geht auf die Olympischen Spiele in der Nazi-Zeit 1936 zurück und diente dem G7-Gipfel als Pressezentrum. Rund 3.000 Journalisten berichteten hier über das Treffen der sieben Regierungschefs im nahen Schloß Elmau. Dafür wurden die drei Hallen mit einem Ring aus Kühlgeräten umgeben, die das Innere auf Frösteltemperatur runterkühlten und draußen die Umwelt erhitzten – passend zum Klimaschutzprogramm des Gipfels.

Wer rein wollte, brauchte einen Akkreditierungsausweis und musste eine Sicherheitsschleuse passieren. Wer drin war, befand sich im Inneren einer riesigen medialen Bildermaschine, die nahezu pausenlos an der Konstruktion von einem Ereignis arbeitete. Die Hauptzutaten dieser Produktion war im wesentlichen Zuckerguss, Spekulation, Spektakel und ein Schuss Eitelkeit, was die eigene Existenz anbelangt. Letzter Punkt wurde durch die offizielle Eröffnung des Pressezentrums unterstützt, es gab Ochs vom Spieß, Fischtartarbrötchen und Sekt und Bier bis zum Abwinken.

Was es nicht gab, und das ist eigentlich schon bemerkenswert, waren Inhalte. Um genau zu sein: Auf diesem Gipfel fanden drei Pressekonferenzen statt. Einmal am Sonntag 11.00 Uhr mit Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rates, und Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission. Und zwei Pressekonferenzen am Montagnachmittag, also am Ende des Gipfels, einmal mit der Bundeskanzlerin alleine und einmal mit allen G7-Chefs.

Bild: Bundesregierung/Steins

Dazwischen gab es nichts – außer Bildern. Das liest sich dann so: "P 02 – Begrüßung G7" beziehungsweise "P 03 – Begrüßung G7 (Schlechtwetter)"; "P 04 – Gemeinsamer Gang"; "P 05 – Erste G7 Arbeitssitzung"; "P 06 – Gang zum G7-Familienfoto" und so weiter. "Abstand von der Presseposition: 35-5 m". Zugelassen sind zu diesen Terminen nur ausgewählte (Bild)Journalisten, die per Hubschrauber vom Pressezentrum nach Elmau geflogen wurden. Zu sehen waren die so produzierten TV-Bilder auf den Bildschirmen im Pressezentrum, man hätte sie aber auch zu Hause anschauen können. Ein Fazit also ist: Produziert und geliefert wurden während des Gipfels vor allem eines – Bilder.

Aber was soll man dann schreiben, wenn es doch fast nur Bilder und kaum Informationen, vor allem neue, gibt? Den Medien ist das auch schon irgendwie bewusst:

Wir fragen Marcus Bornheim: Was kriegen die Insider davon mit? Gibt es, wie Clemens Verenkotte von den Gipfeln früherer Tage berichtete, noch zufällige Fahrstuhlbegegnungen mit französischen Staatspräsidenten? Bornheim: "Eher unwahrscheinlich. Die meiste Zeit sind die Journalisten etwas entfernt vom Schloss.

Bayerischer Rundfunk

Und weil das so ist, muss man sich halt aushelfen, mit Kaffeesatzleserei oder allgemeinen Rumgedruckse, so wie etwa Spiegel Online, der sich gar mit Geisterbeschwörung aus der Patsche hilft:

Während die Runde bei Tsipras noch Hoffnung auf Besserung hat, machte sich in den Gesprächen über Putin Ratlosigkeit breit: Was treibt der Kreml-Chef für ein Spiel? Warum zündelt er weiter in der Ukraine? Was hat er vor? Es blieben am späten Sonntagabend viele Fragezeichen bei der Kanzlerin und ihren Gästen in Oberbayern.

Schlossgeister von Elmau, Spiegel online

Und wenn es wirklich was Konkretes zu vermelden gibt, dann nicht aus Elmau, sondern aus Washington:

Nach seinem Treffen mit Merkel ließ Obama einen Sprecher in Washington erklären, man sei sich einig, dass Griechenland Reformen brauche.

Schlossgeister von Elmau

Hat man jetzt gar nichts zu sagen, kann man auch mit dem Schwadronieren beginnen, so wie Stefan Kornelius, Leiter des außenpolitischen Ressorts der SZ und erklärter Transatlantiker in seinem Kommentar in der SZ vom 8.6.:

Merkel und Obama – zwei wie süßer und scharfer Senf

"Kann Senf überhaupt süß sein? In Bayern schon, weil man da die scharfen und bitter schmeckenden Senfkörner röstet und anschließend mit Apfelmus oder Honig versetzt. So treibt der Senf die Tränen plötzlich nicht mehr in die Augen, sondern umschmeichelt die Weißwurst und den Leberkäs.

Stefan Kornelius

Der süße Senf, den Kornelius seinen Lesern um den Mund schmiert, ist das ungelöste Problem der US-Spionage in Deutschland, das er irgendwie wegschreiben muss.

Außer den Inhalten bzw. Ergebnissen der Konferenz erfährt man in einer Art medialen Overkill alles, aber auch wirklich alles über das Schloss, die Berge, die Proteste, die Bayern, das Land, die Stadt, die Bäume und das Wetter. Es wird getwittert und gemailt, Live-Ticker laufen ständig wie die Paternoster und das Fernsehen ist außerhalb des Gipfels überall dabei. Kurzum: Die mediale Abdeckung ist nahezu total, kein Pups bleibt ungemeldet. Selbst die Polizisten öffnen sich medial bis auf den Grund ihrer Seele:

Und es ist ja doch ein Gebiet, wo es deutliche Höhenunterschiede gibt, die wir von Lüneburg her nicht kennen.

Polizist Boris Ichter laut SZ über seinen Einsatz beim Gipfel

Und:

Da hast du sechs Nachtschichten, und es passiert eigentlich gar nichts. Warum soll man beim siebten Mal wieder in den Wald starren?

Polizist Ichter

Aber auch der Normalbürger nimmt medialen Anteil. Zum Beispiel per Twitter, als am Montag die G7-Gegner nach sechs Tagen Protest langsam genug haben und die letzte Demo absagen:

"Süß, wie die Großen demonstrieren wollen, aber keine Puste für den Berg. Da zeigt sich doch, welch Gesindel da protestiert." (Strolch von nebenan vom 8.6., 11.50 Uhr)

"da kann die Mutti mal nicht die Kids mit dem SUV zum Protestmarsch bringen, wird dieser gleich abgesagt" (andreas vom 8.6., 12.08)

Bild: Bundesregierung/Kugler

Es gab Wind, Sturm und Wolkenbrüche während des G7-Gipfels, doch alles nichts gegen die mediale Flut der Bilder. Stück für Stück wurde an einem gigantischen Fleckerlteppich gewoben, in der Mitte Obama und Merkel mit Weißbier, Weißwürsten und Brezn, im Hintergrund das Wettersteingebirge, Almwiesen und blauer Himmel. Am Rande die Fransen mit den Demonstranten und ihre Aktionen. Aus diesen Zutaten könnte man auch ein Monumentalgemälde in Auftrag geben, für eine der Hallen in der bayerischen Staatskanzlei.

Nehmen wir zum Schluss noch einmal einen tiefen Schluck aus diesem Medien-Gebräu, um vollends bildtrunken und jenseits aller Inhalte völlig verblödet zu werden:

Es gibt ein weiteres Familienfoto (AP), von den G-7-Teilnehmern sowie den Outreach-Gästen und den EU-Repräsentanten Tusk und Juncker. Die Kollegen von der US-Presse haben alles genau beobachtet. Obama habe mit Cameron und Merkel gescherzt – und als einziger seinen Kaffee aus dem Pappbecher getrunken. "Winken wir jetzt?" habe der US-Präsident Merkel gefragt und selbst geantwortet: "Nein, machen wir nicht." Anschließend habe er die Bundeskanzlerin "liebevoll angestupst".

SZ vom 8.6.
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