Nach Merkels Elmau-Show ist Scham angesagt

09.06.2015

Das Volk tritt in Trachtenuniform auf, ansonsten zieht man durch tausende Polizisten gesicherte Zurückgezogenheit vor

Wie präsentiert die Bundesregierung bzw. Bundeskanzlerin Merkel die Deutschen? Als eine Horde von Dirndls und Lederhosen tragenden Hinterwäldlern, die fröhlich mit dabei sind, wenn sich die Großen der Welt einmal gemütlich in ländlicher Idylle treffen. Die aber wurde zur Hochsicherheitszone erklärt, weil die demokratisch legitimierten Führer gefährdet durch Gewalttäter und Terroristen sind, die hinter jedem Protestierer lauern.

Bild: Bundesregierung/Kugler

Über den Widersinn solcher politischer Spektakel und die Verachtung der demokratisch gewählten Regierungschefs gegen das Volk, das nicht einmal in Sicht- und Hörweite zur Machtidylle zugelassen wird, haben sich schon viele, wenn auch nicht genügend geäußert. Obama und Merkel herzen sich, sprechen die NSA und den BND nicht einmal an, werben vehement für TTIP und nutzen einen wohl inszenierten kriegerischen Schlagaustausch in der Ostukraine zur Verlängerung der Sanktionen.

Nach wohlmeinenden Interpreten ist es so wichtig, dass sich die Regierungschefs in ungezwungener Atmosphäre treffen können, um sich kennen zu lernen und ein wenig zu plauschen. Das sei irgendwie wichtig, wiege die Einschränkungen der Grundrechte und das massive Aufgebot an Sicherheitskräften sowie die Steuergelder auf, die für das gesellige Zusammentreffen spendiert werden. Wenn nur irgendwie Verpflichtendes oder auch nur Überraschendes herauskäme.

Die Inszenierung des Elmau-Events durchbrach jedoch alle Schamlosigkeit. Alphörner, Blasmusik, Lederhosen, Dirndl und die männlichen Gockel mit ihren Gamsbärten repräsentierten Deutschland in einem simulierten Biergarten, in dem Merkel und Obama zu Beginn des G7-Gipfels aufmarschierten und sich im wohl ausgewählten und überprüften Dirndl- und Lederhosenvolk volksnah "badeten". Die Nähe zum Volk ist ebenso eine Simulation wie das Volk selbst, das sich erschreckenderweise dem angeordneten Ritual völlig unterwarf und in der vermeintlich volkstümlichen Uniform aufmarschierte. Die Willfährigkeit, der Inszenierung der Macht zu Diensten zu sein, ist erschreckend. Dass die Mächtigen ihre Inszenierungen zur Machterhaltung und Legitimation durchziehen wollen, ist wenig verwunderlich, aber dass das "Volk", also das auserwählte Volk eines Dorfs, klaglos mitspielt, ist eine Scham für Deutschland.

Die durchgängige Uniformierung ist ein Zeichen der Unterwürfigkeit, das Simulationsspiel mit zu spielen, weil man ja irgendwie davon profitieren könnte. Die Tracht ist ja sowieso nichts wirklich Traditionelles, sondern ein Retrophänomen, das zum Volkstümlichen dann auch während des Nationalsozialismus inszeniert wurde(Nazierfindung Wiesndirndl). Die Süddeutsche glaubt, aus einer provokativen Geste die von Merkel inszenierte Trachtelei hervorheben zu müssen. Merkel selbst trat immerhin nicht im Dirndl auf, sondern umgab sich nur damit, Obama wurde damit konfrontiert und gab sich geschlagen, als er sagte, dass er gerne zur Oktoberfestzeit gekommen wäre und sich vielleicht eine Lederhose kaufen würde. Muss so eine Anbiederung sein, die zweifelsohne nicht mehr als eben dies ist? Die Süddeutsche feiert:

Ja, es war ein großes Trachtenspektakel in den Bergen. Wenn man es genau nimmt, trugen die Antifa-Trommler im Protestcamp auch nur ihre Tracht. Bloß dass die nicht 200 Jahre lang halten wird und auch sonst wenig hermacht. Darf also Deutschland in der Welt von Dirndl- und Lederhosenträgern repräsentiert werden? Ja. Ist das schlimmste Bayerntümelei? Nein. Muss man sich jetzt schämen? Nein.

Natürlich muss man sich schämen von einer angepassten Menge, die ihre Tradition ebenso simuliert wie die Regierungschefs ihre Volksnähe, repräsentiert zu werden. Tracht ist Fasching, ist Retro-Tradition, weswegen gerne auch Ausländer mit Lederhosen und Dirndl aufmarschieren. Warum ist Merkel in einem Dorf und nicht in einer Stadt aufgetreten?

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