Eros und Information

20.06.2015

Georg Seeßlen über die Sexualität des Internet-Zeitalters

Die Tendenz zum Single-Dasein nimmt in unserer Gesellschaft zwar zu, aber der Stand der Kommunikationstechnik ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass man auf die langwierigen, traditionellen Weisen des Kennenlernens verzichten kann, weshalb dauerhafte Vereinzelung nicht mehr gleichbedeutend mit einer erzwungenen sexuellen Ruhephase ist.

Im Gegenteil: Der Single von heute lässt es richtig krachen. Aufgrund der Kontaktmöglichkeiten im Internet sind Kneipen und Discos für die Suche nach potentiellen Geschlechtspartnern unnötig geworden und man kann stattdessen über spezielle Kennenlern-Portale Verabredungen für zwanglose Begegnungen und sogenannte "Freundschaften mit Vorzügen" arrangieren. Es werden also über den digitalen Beziehungsmarkt nicht nur Lebensabschnittspartner, sondern auch erotische Abenteuer gesucht.

Welche Rückkoppelungseffekte haben aber diese neuen Vermarktungsmechanismen auf den Menschen? Öffnen sie reale Freiheitsräume - oder handelt es sich dabei lediglich um eine Spielwiese für die Selbstermächtigungsphantasien postmoderner Schein-Subjekte? Der Kulturtheoretiker Georg Seeßlen hat das Phänomen in seinem neuen Buch Digitales Dating - Liebe und Sex in Zeiten des Internets "vermessen".

Herr Seeßlen, wie hat die Digitalisierung der Welt die Liebesbeziehungen und das Paarungsverhalten der Menschen verändert?

Georg Seeßlen: Serious question? Ich vermute mal, dass eine Menge kluger Köpfe ein halbes Jahrhundert brauchen, um sie zu beantworten. Dabei haben wir für sie gar kein Modell, weil es nie etwas anderes gab als kapitalisierte Digitalisierung und digitalisierten Kapitalismus. Was wir "Neoliberalismus" nennen hat im Prinzip ein neues Welt- und Menschenbild etabliert. Daraus ergeben sich zwangsläufig fundamentale Veränderungen der sexuellen Ökonomie. Doch was davon der Digitalisierung als Kommunikations- und Widerspiegelungstechnik, und was dem Kapitalismus als Wirtschafts- und Macht-Organisation zu "verdanken" ist, ist in der gegenwärtigen Situation nur schwer zu entscheiden.

Der Mensch ist da die Summe der Informationen über ihn, das schränkt schon gewaltig die Beziehung zu einem anderen ein, der eigentlich kein anderer mehr sein kann. Aus dem biblischen einander erkennen ist ein Informationsabgleich geworden, dessen Ziel vorrangig – und so etwas immerhin lässt sich aus der Analyse des Digital Dating und ihres publizistischen Umfelds (Ratgeber, Erfahrungstausch, Kommentarfunktionen etcetera) gewinnen – die Risikominderung ist.

Georg Seeßlen. Foto: Bertz + Fischer Verlag

Man wiederholt in diesem digitalen Dating gewissermaßen im kleinen, was das Netz im großen ausmacht: Ein Austausch von Kontrolle und Freiheit. Eine neue Freiheit der Partnerwahl (größere Auswahl, schnellere Lieferung, genauere Bestellmöglichkeiten: die Verwandtschaft zwischen einer solchen Partnerwahl und einer Amazon-Bestellung ist fast schon aufdringlich und wird von einigen Portalen mehr oder weniger zynisch oder ironisch auch affirmiert) wird mit mehr Kontrollmöglichkeiten abgegolten. Der Datenmensch ist auch hier Jäger und Gejagter zugleich.

Zum zweiten sind alle diese Informationen aber auch auf gewisse Weise marktförmig, und sind Informationen über etwas Marktförmiges. Der scheinbar große Vorteil eines Internet-Dating, dass man nämlich die Tiefe der Ernsthaftigkeit bei Suche und Informationstausch selbst bestimmen kann und sich lange in einem Raum von unverbindlichem Spiel aufhält, ist zugleich der große Nachteil.

Da man nie weiß, wie ernst es dem anderen ist, wie camoufliert er ist, ja sogar, ob es zu den Informationen, die man erhält überhaupt einen realen Menschen gibt, oder ob es sich sogar um einen Fallensteller oder Psychopathen handelt (die populäre Kultur hat da längst ein neues Thriller-Thema gefunden), erzeugt jedes Begehren zugleich das Misstrauen als Geschwister. Vertrauen, wenn es überhaupt existiert, wird allenfalls der Filtermaschine entgegengebracht, die man bezahlt, so oder so (durch Geld, durch Informationen, durch die Empfangsbereitschaft für wiederum so oder so bezahlte Botschaften).

Das Schreckliche also besteht in dem ungeheuerlichen Irrglauben, dass ich einem anderen Menschen durch Information näher komme, dass eine Beziehung gut oder schlecht verläuft aufgrund wechselseitiger (und nicht zuletzt im Außen vermittelter) Informationen, und dass alles, was schief läuft, auf der Basis dieser Informationen schief läuft.

Es entsteht, jenseits der Praxis einer geglückten oder eben nicht geglückten Beziehung, die nun aus der digitalen in die analoge Welt verlagert wird, eine enge Verbindung von Eros und Information. Vielleicht sehen wir da einer neuen Sprache der Liebe beim Werden zu. So wie man sich einst in die "Symptome" einer Person verlieben konnte, kann man sich möglicherweise in Zukunft in die Informationen einer Person verlieben (mit der Science Fiction-Metaphysik der Liebesgeschichten von Menschen und Maschinen).

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