Schwarm, Shitstorm und Communities

19.06.2015

Kollektive Willensbildung im Netz – Teil 1: Das Wir der Community

In den sozialen Medien scheinen sich Kräfte zu sammeln, die es zuvor nicht gab. Communities werden spontan und plötzlich zu aggressiven Schwärmen, die im Shitstorm über Unternehmen, Prominente oder ganz unbekannte Menschen herfallen. Aber das Phänomen ist nicht so neu, und nicht so Internet-spezifisch, wie man durch die aktuelle Berichterstattung glauben mag. Es wird im Internet nur besonders deutlich sichtbar.

Der Fall Justine Sacco

Diese Geschichte ging durch alle Medien: Am 20.12.2013 flog eine junge Amerikanerin namens Justine Sacco von New York über London nach Südafrika, um dort mit ihren Eltern und Geschwistern Weihnachten zu feiern. In London hatte sie ein bisschen Langeweile, sie nahm wohl ihr Smartphone zur Hand und öffnete die Twitter-App. Justine Sacco hatte rund 200 Abonnenten, sie selbst las die Tweets von rund 175 anderen Twitterern. Sie twitterte selbst nicht sehr viel, gerade 406 Tweets hatte sie in den vergangenen zwei Jahren geschrieben. Dann schrieb sie ihren 407. Tweet, schaltete das Smartphone aus, stieg ins Flugzeug und schlief vermutlich ein.

Ihr letzter Tweet war gerade einmal 64 Zeichen lang. Vier Satzfragmente in Englisch: "Auf dem Weg nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein AIDS. Nur Spaß. Ich bin weiß!"

Wie so viele kleine Twitter-Nachrichten wäre auch diese mit großer Wahrscheinlichkeit nahezu unbemerkt auf dem Müllberg des Internet gelandet, wenn nicht ein Twitterer mit rund 15.000 Abonnenten zufällig darauf aufmerksam geworden wäre. Wir dürfen annehmen, dass er Justine Sacco nicht kannte, weder ihren Lebenslauf, noch ihren Freundeskreis, weder ihren Humor, noch ihre politischen Einstellungen, ihre Meinung zu gesellschaftlichen Fragen. Aber für ihn war eindeutig: Dies ist ein extrem rassistischer Tweet, und als solchen gekennzeichnet, hat er ihn weiterverbreitet. Das war der Ausgangspunkt einer Lawine. Justine Saccos paar Worte wurden tausende Male weitergegeben und kommentiert, und so ziemlich alle, die sich äußerten, schimpften über den Rassismus, der sich darin zeigte. Saccos Arbeitgeber meldete sich zu Wort, teilte mit, dass die junge Frau derzeit auf einem Interkontinentalflug und deshalb nicht erreichbar sei, dass die Sache aber Konsequenzen haben würde.

Foto Sigismund von Dobschütz. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Protest gegen die unbekannte Frau aus New York sammelte sich bei Twitter unter einem Hashtag, der die Frage stellte, ob Justine bereits gelandet sei. Tatsächlich stand ein wildfremder Twitter-Benutzer bereit, als sie in Südafrika nichts ahnend aus dem Flugzeug stieg. Er machte ein Foto von ihr, fing einen Halbsatz von ihr und versendete beides wiederum in die Twitter-Welt.

Das Leben von Justine Sacco hatte eine unerwartete Wendung genommen, ohne dass sie den Lauf der Dinge noch irgendwie beeinflussen konnte. Sie verlor ihren Job, und sie hat auch, soweit man weiß, nie wieder eine Nachricht bei Twitter gepostet. Sie hat ihren Facebook-Account gelöscht, und sie ist, den letzten Meldungen zufolge, noch heute verzweifelt über ihr zerstörtes Leben.

Das, was Justine Sacco da passiert ist, wird bekanntlich als Shitstorm bezeichnet, es trifft oft große Unternehmen und manchmal Prominente, aber es kann ebenso unbekannte Menschen wie Justine Sacco treffen. Es scheint zu den unberechenbaren Gefahren zu gehören, die das Internet erzeugt oder bereithält. Es scheint sich um neue, bisher unbekannte Phänomene zu handeln, die erst durch das Internet und durch die so genannten Sozialen Medien entstanden sind.

Nichts Neues, nur das Bekannte wird sichtbar

Aber wir können das Neue nicht verstehen, wenn wir es nur als etwas Neues ansehen. Gerade das Befremdliche, das, was uns Angst macht oder Sorgen bereitet, müssen wir im Bekannten, im Vertrauten suchen, damit wir die Möglichkeit eines freien Umgangs mit ihm gewinnen. Nichts entsteht aus dem Nichts. Zumeist ist das, was uns plötzlich grell entgegenscheint, schon lange da gewesen. Es war uns auch bekannt, es hat nur ein Schattendasein gefristet, es schien uns bisher unwesentlich.

Ich werde im Folgenden die These vertreten, dass uns im Internet nur wenig Neues begegnet. Vielmehr erleben wir in den sozialen Medien vor allem Mechanismen und menschliche Verhaltensweisen, die schon lange vor dem Internet entstanden sind. Wir beobachten sie auf gewisse Weise auch schon seit langem mit Sorge. Aber wir haben immer wieder ignoriert. In der Welt des Internet, verbunden allerdings mit den Mechanismen der so genannten klassischen Medien, sind sie unübersehbar geworden.

Es sind dies die Mechanismen der kollektiven Willensbildung, der Formierung eines Willens der Masse, der Macht des Wir. Das Wir formiert sich als Subjekt, das etwas weiß, das sich seiner Sache sicher ist, das Normen setzt und seinen Willen durchsetzt. Diesem allgegenwärtigen Wir gilt es, auf die Schliche zu kommen. Wir können es im Internet besonders gut studieren, aber das heißt nicht, dass es uns erst dort oder erst seit dem Entstehen der "digitalen Welt" begegnet.

Die Digitale Welt

Aber halten wir einen Moment inne. Was heißt denn "digitale Welt"? Wir haben uns angewöhnt, damit alles zu bezeichnen, was irgendwie auf Computer- und Netzwerktechnik basiert. Aber nehmen wir das Wort "digital" beim Wort. Es bedeutet: Zählbar. Sein Gegenwort ist "analog". Das Analoge besteht in einem Kontinuum von Übergängen, Abstufungen, Variationen. Das Digitale besteht aus abzählbaren und abgegrenzten Werten. Im einfachsten, radikalen Falle sind das zwei, und aus der Zweiwertigkeit ist die digitale Welt im Kern aufgebaut: "Ja" oder "Nein", "Wahr" oder "Falsch", "Gut" oder "Böse", "Gültig" oder "Ungültig", "Akzeptabel" oder "Unakzeptabel". Vor allem: Es gibt kein Dazwischen, keine Abstufung, keine Grautöne, kein Abwägen. Nur Polarisierung.

So gesehen beherrscht das digitale Denken schon seit langem all unser Tun, unser Urteilen und Wollen. Es entstand mit der Idee, dass es zu jeder Frage genau eine Wahrheit geben müsste, die sich nach einem objektiven Verfahren ermitteln lässt und die von jedem akzeptiert werden müsste. Das digitale Denken teilt die Welt in klare Kategorien ein, genauer, alles, was uns auf der Welt begegnet, wird in möglichst wenige Töpfe einsortiert. Gewässer sind Seen oder Meere, Tiere gehören zu dieser oder zu jener Art, Staaten sind Demokratien oder Diktaturen, Politiker sind ehrlich oder Lügner, Journalisten sind mutig und wahrheitsliebend, Unternehmer sind selbstsüchtig und verschlagen. Manchmal merken wir, dass solche Kategorien nicht ausreichen. Es reicht heute z.B. nicht mehr, Menschen in Männer und Frauen einzuteilen. Dann schaffen wir neue Kategorien - und teilen die Menschen in die modernen ein, die das akzeptieren, und in die ewig gestrigen, die am Geschlechterunterschied festhalten wollen.

Das Internet ist nicht die Ursache des digitalen Denkens. Im Gegenteil, es ist das Ergebnis, die Frucht und das Werkzeug einer digitalen Vernunft, die sich schon seit ein paar Jahrhunderten in der modernen westlichen Welt mit dem Siegeszug der mathematischen Naturwissenschaft ausbreitet. Dieses Denken will alles "auf den Punkt" oder "auf den Begriff" bringen, weil es sich so "in den Griff" bekommen lässt.

Dieses digitale Denken schafft sich die Werkzeuge und Verfahren, die es braucht, um sich optimal selbst zu reproduzieren. Es ergreift Möglichkeiten, die die technischen Entwicklungen bieten, es wählt aus der Vielzahl der Angebote der Ingenieure diejenigen aus, die seine Ausbreitung unterstützen. Andere, die ihm nicht gelegen kommen, ignoriert es. So entsteht aus dem digitalen Denken die digitale Welt.

Was hat das alles mit Justine Sacco zu tun, die kurz vor Weihnachten2013 bei Twitter ihre vier kryptischen Sätze in die Welt gesetzt hat?

Umso länger man über diesen Tweet nachdenkt, desto unverständlicher wird er. Hat die junge Frau wirklich Angst gehabt, AIDS zu bekommen? Wohl kaum, sie schrieb ja selbst, es sei nur Spaß. Aber manchmal fügen wir "ist nur Spaß" an eine Sorge an, um Unsicherheit zu verbergen. So wie ein verlegendes Lachen. Und was bedeutet ihre Bemerkung, sie sei ja weiß? Glaubt sie, dass Weiße kein AIDS bekommen können? Das würde von Dummheit zeugen. Oder meint sie, dass sie als Weiße nicht in die Gefahr kommen wird, sich anzustecken? Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, ob sie vielleicht schon ein Glas Wein oder zwei getrunken hatte, als sie die Sätze schrieb. Ob sie müde war.

Wie auch immer wir die Sache drehen und wenden, man müsste viel mehr über die junge Frau wissen um den Sinn ihrer Worte zu verstehen und ein Urteil über sie zu treffen.

Der Twitter-Community aber war es möglich, den kurzen Text als "rassistisch" zu beurteilen. Und nicht nur das. Sie war sogleich in der Lage, ein Urteil über die junge Frau zu sprechen und zu vollstrecken. Denn machen wir uns nichts vor: Dass der Arbeitgeber seine Mitarbeiterin innerhalb von Stunden und quasi ohne Gespräch gefeuert hat, war weniger seine eigene Entscheidung als vielmehr die Antizipation der Entscheidung der Community.

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