Biomasse finanziert den Terror in Ostafrika

25.06.2015

Die Al-Shabaab-Miliz finanziert sich durch Umweltzerstörung in Somalia

Der Überfall der Al-Shabaab-Miliz Anfang April 2015 auf die Universität von Garissa in Kenia war mit 147 Todesopfern der bislang blutigste Anschlag. Garissa liegt nur 200 km entfernt von der Grenze zu Somalia, wo die Harakat al-Shabaab al-Mujahideen (Bewegung der Mudschahidin-Jugend) immer noch ein großes Gebiet im Süden des Landes kontrolliert. Seit einigen Jahren gibt es Anschläge und Überfälle, bei denen in Kenia gezielt Nicht-Muslime getötet werden.

Im August 2012 ist es kenianischen Truppen gelungen, die Hafenstadt Kismayo von der Al-Shabaab-Miliz zu befreien. Im Hafen stießen sie auf meterhohe Haufen von Plastiksäcken, die auf Frachtschiffe verladen werden sollten. An der 630 m langen Kaimaurer von Kisimayo können auch größere Frachter mit einem Tiefgang bis 8 m festmachen.

Es handelte sich um schätzungsweise 4 Millionen Sack Holzkohle, die in arabische Länder exportiert werden sollten. In den arabischen Ländern ist die Holzkohle aus somalischen Akazienholz sehr begehrt, weil sie langsam brennt und dem Fleisch beim Grillen ein besonders feines Aroma verleiht. Auch in der Wasserpfeife gilt Holzkohle aus Akazien als erste Wahl.

Stelle im Akazien-Buschland, an der Holzkohle gewonnen wird. Bild: Reid/FAO

Dieser Handel hat eine lange Tradition. 1991 wurde die Hälfte der in Somalia produzierten Holzkohle nach Saudi Arabien, in die Emirate und nach Jemen exportiert.

Am begehrtesten für Holzkohle ist das Holz der Acacia bussei, die in der Landessprache als »Galool« bezeichnet wird. Ihre Blüten liefern einen Honig, der zu den besten der Welt gehören soll. Aus der faserigen Rinde kann Matten und Seile herstellen und aus den Wurzeln bauen sich Nomaden ihre Hütten.

Der Internet-Plattform SomailaReport, die Informationen von Insidern auswertet, gibt an, dass die Ausfuhr von Holzkohle im Jahr 2012 auf 70.000 t pro Jahr geschätzt wurde. Da in den arabischen Ländern Preise von 10 bis 15 $ bezahlt werden, ergibt sich ein Handelsvolumen von 700 Millionen Dollar im Jahr, das eine wichtige Einnahmequelle für die Al-Shabaab-Miliz darstellt.

Vereinte Nationen kennen das Problem

Die Vereinten Nationen waren darüber genau informiert und haben am 25. Februar 2012 mit der Resolution 2036 des Weltsicherheitsrates den Export von somalischer Holzkohle verboten. Trotzdem ging der Handel weiter.

Wegen der strengen Einfuhrkontrollen in Saudi Arabien und in den Golfstaaten wurde die Holzkohle nun über Oman auf die Arabische Halbinsel geschmuggelt. Als Rückfracht wurde Zucker geladen, der von der geschäftstüchtigen Al-Shabaab-Miliz nach Kenia verschoben wurde.

Schwieriger wurde das Geschäft erst seitdem durch die Befreiung der Hafenstadt Barawe auf halben Weg zwischen Kismayo und Mogadishu im Oktober 2014 die Al-Shabab-Miliz über keinen Seehafen mehr verfügt. Die Kohlensäcke werden nun mit kleinen Booten zu Frachtschiffen gebracht, die auf offener See ankern. Zum Teil wird das Geschäft von Unternehmen, die von der Al-Shabaab-Miliz kontrolliert werden, abgewickelt.

Wenn sie Abwicklung der Geschäfte anderen überlassen, kassiert die Al-Shabaab-Miliz an den verschiedenen Stellen ab. Sie erheben die "islamische Steuer" in Höhe von jeweils 2,5 des Warenwerts direkt bei den Köhlern, bei den Aufkäufern, während des Transports an Kontrollposten und schließlich bei den Großhändlern.

Elefanten wecken mehr Sympathie als Kohlesäcke

In den Medien wurde der illegale Handel mit Elfenbein als wichtigste Finanzquelle der Al-Shabaab-Miliz präsentiert, der nach Schätzung der Tierschutzorganisation Elephant Action League 40% der Einnahmen bringen sollte.

Die Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow hat für eine Spendenaktion den Kurzfilm "Last days of ivory" produziert, der auf den durch Elfenbein finanzierten Terrorismus aufmerksam machen will.

Weder Interpol noch UNEP, die Umweltorganisation der Vereinten Nationen, hielten die Angaben für glaubwürdig. Es wurde geschätzt, dass für die genannten Erlöse das Elfenbein aller in Afrika gewilderten Elefanten über einen einzigen Hafen in Somalia verschifft werden müsste.

In den Medien wurde die Bedeutung des Holzkohlehandels für die Al-Shabaab-Miliz kaum beachtet behandelt und Konsequenzen sind nicht erkennbar. Im Prinzip wäre die seit 2008 laufende EU-Anti-Piraterie-Operation Atalanta in der Pflicht, verdächtige Frachter auf Holzkohle- und Waffenschmuggel zu durchsuchen.

Der UN-Sicherheitsrat hat das im Oktober 2014 gegen die Stimmen von Russland und Jordanien ausdrücklich erlaubt. Die "Somalia-Eritrea Monitoring Group" berichtet, dass zwischen Juni 2013 und May 2014 von den Häfen Kismayu and Barawe 161 Schiffe, größtenteils unter indischer Flagge, Holzkohle in die Arabischen Emirate, nach Oman und Kuweit transportiert hätten. Die Folge davon ist, dass sich in den Teilen Somalias, die noch unter der Kontrolle der Al-Shabab-Miliz sind, durch die ungehemmte Abholzung eine ökologische Katastrophe anbahnt.

Mit Satellitentechnik den Umweltsündern auf der Spur

Es wird befürchtet, dass schon ein Viertel der Akazien abgeholzt ist, was schwerwiegende ökologische Folgen hat: Bodenerosion, Trockenheit, Abnahme der Bodenfruchtbarkeit. Das Verschwinden der Bäume ist schon jetzt am Rückgang der Niederschläge zu spüren, was sich wiederum negativ auf die Landwirtschaft auswirkt.

In den Al-Shabaab-Gebieten ist es schwer, sich einen Überblick zu verschaffen, aber man kann ihnen aus dem Weltall auf die Finger sehen. In der Zeitschrift Energy for Sustainable Development vom April 2015 wird beschrieben, wie man den Umfang der Holzkohle-Produktion in einem Areal von 4.700 km² am Juba-Fluss durch Auswertung von Satelliten-Aufnahmen ermitteln hat.

In diesem Gebiet, das nur 1 % der Fläche Somalias ausmacht, wurden demnach 24.000 t Holzkohle mit einem Wert von ungefähr 10 Millionen € hergestellt. Es wurden dazu 372.000 m³ Biomasse oder 438.000 Bäume eingeschlagen. Das entspricht 2,7 % der Waldfläche in dem betreffenden Gebiet.

Vom dem Weltall aus kann man deutlich erkennen, dass die Bäume jeweils nur einige 100 m zu den Meilern transportiert werden und ein Meilerplatz jeweils nur einmal benutzt wird.

Holzkohle in primitivster Technik

Somalia Report hat mit einen Kohlebrenner aus Burgaabo gesprochen. Dieser ist durchaus bereit einzugestehen, dass es nicht richtig sei, was er mache.

Aber sie seien von der Al-Shabaab-Miliz gezwungen worden, mehr Holzkohle herzustellen. Er schildert das Verfahren so, wie es sich auch in den Satelliten-Aufnahmen darstellt:

Für die Herstellung der Holzkohle braucht man fünf Leute. Der Akazienbaum wird dicht am Boden gefällt und in 1,5 m lange Stücke zerlegt. Wir machen eine Grube und schichten das Holz darin auf. Dann zünden wir den Haufen an.

In der Regenzeit decken wir es mit einem Blech oder Blättern ab. Für 20 Säcke Holzkohle mit jeweils 20 kg brauchen wir 2 große Akazien. Wir bekommen 5 Dollar von einem Aufkäufer, der es in die Golfstaaten für 10 bis 15 Dollar weiterverkauft, wenn die Nachfrage hoch ist. An die Al-Shabaah-Miliz mussten wir für 2 Dollar verkaufen. Außerdem haben sie noch eine Steuer von 2 Dollar für jeden Eselskarren erhoben.

Auch nach der Befreiung seien unter den Zwischenhändlern noch viele, die ihre Gewinne direkt an die Al-Shabaah-Miliz abführen würden. Außerdem würden dort, wo die trockenen Akazien knapp würden, zunehmend grüne Bäume gefällt und manche würden die Bäume durch Injektion von Salz zum Absterben bringen.

Es ist offensichtlich, dass in Somalia mit dem Grubenmeiler das ursprünglichste und älteste Verfahren zur Herstellung von Holzkohle angewandt wird. Es ist mit hohen Verlusten und einer beträchlichen Luftverschmutzung verbunden.

Zum Teil werden, wie auf Fotos zu erkennen ist, auch einfache Erdmeiler verwendet. Andere Meiler-Technologien, die in anderen Regionen Afrikas wegen ihrer höheren Ausbeute und geringerer Emissionen im Einsatz sind, werden nicht benutzt.

In Somalias Nachbarland Kenia wurde von der Forstverwaltung eine Studie zur Holzkohle-Herstellung durchgeführt, die dort 95% des Holzes verbraucht, das zudem aus ökologisch sensiblen Regionen stammt.

Die Ausbeute bei den traditionellen Erdmeilern, die überall ohne großen Aufwand errichtet werden können, wird darin mit 15 % angegeben und die produzierte Holzkohle ist von geringer Qualität, weil sie mit Erde verunreinigt ist.

Die Studie zeigte, dass es in Kenia eine Reihe von Möglichkeiten gibt, durch die Übernahme von bewährten Konzepten die Ausbeute signifikant zu erhöhen. Der Casamance-Meiler, der weitgehend unter Verwendung von lokal verfügbaren Materialien aufgebaut werden kann, erreicht Ausbeute von 26 -30 Prozent.

Noch wirksamer wäre die Verwendung von Retorten. Denn während bei den Meilern die Pyrolysegase ungenutzt in die Atmosphäre entweichen, werden sie hier zum Vortrocknen und Erhitzen des Holzes benutzt.

Die Kakuzi Ltd. ist ein Agrarkonzern in Kenia, der neben Tea, Avocados und Bauholz auch Holzkohle produziert. Es werden gemauerte Meiler eingesetzt, deren Ausbeute mit 30 % angegeben wird. Um die Wärmeverluste zu senken wurde eine doppelte Lage Ziegel verwendet. Perspektivisch können die Pyrolysgase auch zur Erzeugung von elektrischem Strom eingesetzt werden.

Noch bessere Ergebnisse würden Retorten bringen, wie sie in Europa seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt sind. Die Meko-Retorte beispielsweise benutzt als Pyrolysekammer ein altes Ölfass, das etwa 0,4 m³ Holz fasst. In 10 Stunden können damit 20 kg Holzkohle hergestellt werden.

Das ist nicht nur schneller, sondern auch doppelt so ergiebig wie mit dem traditionellem Erdmeiler. Zudem können auch dünne Äste und Zweige verwendet werden. Die Retorte kann leicht zerlegt und zum Einsatzort transportiert werden kann.

Untrennbar mit einer effizienteren Produktion der Holzkohle sind die Herde zu sehen, die den teuren Brennstoff besser ausnutzen. In vielen Regionen Afrikas kümmern sich Kleinunternehmen um die Herstellung aus lokal verfügbaren Materialien (Blech, Lehm) und um den Vertrieb.

Die Cookswell Energy Saving Cookstove Company hat schon 1982 mit der Entwicklung energiesparender Feuerstellen begonnen. Weit verbreitet ist der Kenya Ceramic Jiko, der bis zu 50 % des Brennstoff einsparen kann.

Holzkohle wird knapp in Somalia

In den letzten Jahren sind in Somalia die Preise für Holzkohle so gestiegen, dass sie sich ärmere Familien kaum mehr leisten können. Mussten 2007für einen Sack mit 25 kg noch 18.000 Schilling (2,76 $) bezahlt werden, so stieg der Preis auf 90.000 Schilling im Oktober 2014. Das bedeutet, dass die Holzkohle 2/3 der Kosten für die Mahlzeiten verschlingt und nur 1/3 für Lebensmittel bleibt.

Eine Erhebung in Hargeysa im Norden Somalias im Jahre 2007 hat ergeben, dass die dort lebenden 70.000 Familien 100.000 Sack Holzkohle im Wert von 300.000 Dollar verbrauchen. Seit 1998 sieht das somalische Umweltgesetz eine Strafe von 2.500 Schilling für jeden Sack Holzkohle aus illegal gefällten Bäumen vor.

Die somalische Regierung möchte deshalb die Umstellung auf Flüssiggas und Kerosin zum Kochen vorantreiben. Man schätzt, dass eine Familie zum Kochen täglich etwa 1 l Kerosin im Wert von 7.000 Schilling benötigt. Diese fossilen Energieträger sind aber nicht ungefährlich, zumal der Umgang damit nicht vertraut ist. Vor allem müssen sie von den meisten Ländern Afrikas importiert werden.

Eine schonende Bewirtschaftung des Baumbestands in Verbindung mit einer Optimierung der Holzkohleproduktion und der Einführung brennstoffsparender Öfen wird als die nachhaltigere und volkswirtschaftlich vorteilhaftere Lösung propagiert.

Beispielsweise hat sich die Weltbank 2011 in der Studie Wood-Based Biomass Energy Development for Sub-Saharan Africa dafür ausgesprochen, Maßnahmen zur Intensivierung der Produktion von Beu- und Feuerholz mit Umweltschutz und ländlicher Entwickung zu verknüpfen.

Biokohle hilft neuen Bäumen

Etwas Gutes hat die Primitivtechnik möglicherweise. Die im Satellitenbild erkennbaren Meilerplätze enthalten noch erhebliche Anteile an Holzkohle, die für den Verkauf zu klein ist. Diese kommt zum Teil von den dünneren Zweige, die zum Anheizen des Meilers benutzt werden.

Dieses Material kann, wie Ergebnisse von Experten der Baumpflege nahelegen, dazu beitragen, dass künftig die Bäume kräftiger besser anwachsen, mehr Blattwerk entwickeln und Trockenheit besser überstehen.

In Stockholm wurde Anfang 2015 mit der Umsetzung eines Projekt für die Straßenbäume in der schwedischen Hauptstadt begonnen, das von der Bloomberg-Stiftung ein Preisgeld in Höhe von 1 Million Dollar erhalten hat. Es wäre zu wünschen, dass diese Erkenntnisse in Somalia nach Vertreibung der Al-Shabaat-Miliz produktiv bei der Wiederaufforstung eingesetzt werden können.

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