Die Gegenwart des sogenannten "Qualitätsjournalismus"

18.06.2015

Dominik Grafs Film "Was heißt hier Ende?" über Michael Althen ist eine Verlustanzeige. Es geht um die moralisch-ökonomische Verfassung unserer Medien

Man müsste, wenn jemand stirbt, eigentlich keinen Nachruf auf den Toten schreiben, sondern einen auf die Gesellschaft, die ihn überlebt. Wie sie sich die Dinge zurechtlegt, um selbst gut dazustehen. Wie sie, noch angesichts des Todes, so tut, als würde sie in ihrem abschließenden Urteil letztlich doch noch immer Gnade vor Gerechtigkeit ergehen lassen. Nichts Schlechtes über die Toten heißt in Wahrheit: nichts Schlechtes über die Überlebenden.

Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, in seinem Nachruf auf Bernd Eichinger in der FAS am 30. Januar 2011.

Ein Zufall gewiss, aber auch eine Koinzidenz, die in ihrem Zusammentreffen etwas Notwendiges hat: Soeben meldete der "Spiegel", man werde zum nächsten Jahr 15 Millionen Euro im Etat einsparen.

Die Sparmaßnahmen würden durch Stellenkürzungen und durch Kostensenkungen in der Dokumentation verwirklicht. Seit 2007 sei der Gewinn um etwa die Hälfte zurückgegangen. Immerhin macht der "Spiegel" noch Gewinn. Die FAZ macht bereits seit Jahren Verluste.

Dieser Tage jährt sich auch der Tod von Frank Schirrmacher. Sein überraschender Herz-Tod war ein böser Streich des Schicksals; er kam zu einem Zeitpunkt, an dem das "Modell Schirrmacher" ausgereizt schien. Zumindest auf Zeitungsebene. Er markierte einen Einschnitt und möglicherweise Endpunkt.

Schließlich kommt jetzt nun ein Dokumentarfilm ins deutsche Kino, der auf eine idealisierende, utopische Weise noch einmal Journalismus "at its best" feiert, und all das ins Gedächtnis ruft, was Zeitungsjournalismus sein kann und sein muss, will er Sinn machen. Heute mehr denn je.

Geschichte und Berufswelt

Was heißt hier Ende? von Dominik Graf ist eine Hommage an einen viel zu früh verstorbenen Freund: Michael Althen, geboren 1962, gestorben 2011, fast 20 Jahre bei der "Süddeutschen Zeitung" und dann nochmal knapp zehn Jahre bei der FAZ tätig, war ein sehr besonderer Filmkritiker.

Was heißt hier Ende? Bild: © Beatrix Schnippenkoetter / Zorro Filmverleih

Seine Texte bezauberten selbst Leser, die sich für Kino nicht interessierten. Sie öffneten nicht nur den Blick auf die Leinwand, sondern schlossen Bezirke in der Seele auf. Auch die Regisseure, so unterschiedliche wie Wim Wenders oder Christian Petzold oder Tom Tykwer, verehrten ihn. Und - was gar nicht sein muss, vielleicht nicht sein sollte: Mit einigen war er befreundet. Aber es hat ihn nicht korrumpiert.

Der Münchner Graf war ein besonders enger Freund. Graf und Althen hatten gemeinsam zwei essayistische und persönliche Dokumentarfilme gedreht, die beide auch das Kino als solches in den Blick nahmen: "Das Wispern im Berg der Dinge" portraitierte Grafs früh gestorbenen Vater Robert Graf, einen der interessantesten Schauspieler des deutschen Kinos der 1950er und 1960er Jahre, und fragte über diese Figur nach dem deutschen Kino selbst.

"München - Geheimnisse einer Stadt" ist ein Film über beider Heimatstadt, mehr aber noch eine poetische Betrachtung über die Bedeutung von Orten, Städten, Räumen überhaupt und ihren Spezifika für das Kino. "Was heißt hier Ende?" ist gewissermaßen eine Fortsetzung und der Abschluß eines Tryptichons der Freundschaft zwischen Graf und Althen.

Wieder liest Graf Texte, die Althen geschrieben hat, wieder geht es um Geschichte und wie sie Berufswelten tangiert, um Arbeit und Struktur gewissermaßen, und am Ende - aber was heißt hier schon Ende? - geht es um das Leben selbst, wie es sich im Kino zeigt.

Medien heute: Stellen streichen, Seiten kürzen und alle moralisch-politischen Ansprüche gleich mit

Dieser Film ist viel mehr als eine Hommage auf Althen ein Erinnerungsstück für Freunde und Verehrer geworden, auch wenn er dessen Persönlichkeit rekonstruiert: Die Persönlichkeit eines lässigen Mannes, der nicht viel geredet, aber gern gelebt hat, der im Hurrikan eines Filmfestivals sich immer die Zeit für einen Museumsbesuch und einen ausgedehnten Mittagsschlaf nahm, aber dafür viele seiner Texte spät in der Nacht schrieb.

"Was heißt hier Ende?" ist vor allem eine melancholische und auf subtile Weise überaus kritische Betrachtung über die Gegenwart des sogenannten "Qualitätsjournalismus". Eine kleine unvollständige und subjektive Geschichte der Filmkritik und ihrer derzeitigen Gefahren.

Er erzählt von der Abschaffung der Filmkritiksendungen und der Kritikerstellen in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten und zeigt, wie das Fernsehen auch sein eigenes Gut, den von ihm (sehr gern, weil zu billigsten Konditionen) mitproduzierten deutschen Film kaputt macht.

Es geht darin überhaupt um die moralisch-ökonomische Verfassung unserer Medien, die sich zwar gern mit dem Etikett des "Qualitätsjournalismus" schmücken, hinter solchen schönen Worten, aber Stellen streichen, Seiten kürzen und alle moralisch-politischen Ansprüche gleich mit.

Ohne Mut und Schwung und Jugend: Die alte Generation glaubt nicht mehr an die Zukunft

Aber der Reihe nach: Graf zeigt zunächst, was speziell und neu war am Journalismus der 1980er, besonders in seiner Münchner Variante, eines Journalismus, der plötzlich Amerika cool fand. Er zeigt an den lässigen schreibenden Vorortkindern Münchens, dass die Filmkritik ein Gruppenphänomen ist, dass Althen der zwar beste und charismatischste, speziellste, aber eben doch Teil einer Handvoll Freunde war.

Viele von ihnen kommen zu Wort, und diese Gespräche sind, selbst da, wo sie mal kurz abgründige oder absurde Züge haben, unendlich viel interessanter als die austauschbaren und fast durchweg verzichtbaren Statements der deutschen Filmemacher Christian Petzold, Tom Tykwer und Wim Wenders.

Was heißt hier Ende? Bild: © Beatrix Schnippenkoetter / Zorro Filmverleih

Ein bisschen zu deutlich spricht aus Vielem aber das Älterwerden einer Generation, gegenüber deren Vertretern der faktisch um einiges ältere Dominik Graf jung, dynamisch und hungrig wirkt. Wenn seine Ex-Kollegen sich an Michael Althen erinnern wie an einen glücklich früh Gestorbenen, der ihnen rechtzeitig vorausgegangen ist, dann - das wird in "Was heißt hier Ende?" klar - glauben sie selbst nicht mehr an die Zukunft ihrer Profession.

Offenkundig können sie sich das Neue und die neuen Zeiten nicht mehr richtig vorstellen, weil ihnen in den schicken Büros der Nobelverlage selbst vielleicht längst der Mut und Schwung der Jugend verloren ging.

Coolness ohne Utopie: An was glauben die lässigen Jungs?

Diesen Schwung gibt es aber - in einer neuen Generation, auch wenn das im Film nicht alle akzeptieren möchten. Im Film nimmt so eine Gegenposition vor allem Olaf Möller ein. Nicht Liebe, eher Respekt bringt er Althens Texten entgegen und bringt sie dann treffend auf den Satz:

Der glaubte an was.

Das ist es, was man sich bei einigen, die im Film auftreten, fortwährend fragt: An was glaubt Ihr? Außer daran, dass es mit Eurem Beruf zu Ende geht?

Das möchte man doch gern mal lesen, gerade von den ganz ganz abgeklärten, lässigen, Qualitätjournalismus-Hipstern, von Claudius Seidl, Harald Pauli, Peter Körte, Tobias Kniebe, Moritz von Uslar. Denn einige glauben natürlich schon an etwas, möchten es zumindest, trauen sich aber so überhaupt nicht, das dann auch hinzuschreiben, weil sie dann ja nicht mehr so cool dastehen wie gerade noch.

Vielleicht hat auch nur die Ironie und Abgeklärtheit, mit der hier manchmal die Dinge schnell abgetan werden, ihren Zenit einfach hinter sich. Michael Althen war auch ironisch gewesen, aber er war nie abgeklärt. Das unterscheidet ihn, sorry to say, von den allermeisten in diesem Film.

Wenn man schon jammert, sollte man wenigstens ehrlich sein

Es sind übrigens, einer der größten Mängel des Films, durchweg nur Männer, und vor allem Redakteure, die hier zu Wort kommen, was schon deshalb kaum die Hälfte des Themas repräsentiert, weil Althen selbst lange als "freier Journalist" gearbeitet hat. Immer wieder schimmert durch Äußerungen der Redakteure die Haltung verräterisch deutlich durch, dass "die jungen Leute" "heutzutage" "es" nicht mehr bringen.

Was heißt hier Ende? Bild: © Beatrix Schnippenkoetter / Zorro Filmverleih

Dass die halt schlechter sind, "es" nicht richtig wollen. Kann sein, dass da etwas dran ist. Aber es muss doch auch jedem Älteren, Etablierten, Saturierten klar sein, dass er da allzu gut reden hat, und dass es die billigste mögliche Position ist, auf die Jungen zu schimpfen, anzumerken, dass die nicht so toll sind, wie man selber in dem Alter war. Und dass man mit solchen Kommentaren vor allem etwas über sich selbst erzählt, nicht über die Verhältnisse und schon dreimal nichts über die Zukunft.

Wenn man schon jammern will, dann sollte man wenigstens ehrlich bleiben. Dann darf man nicht verschweigen, was Seidl, Körte, Kilb offenbar nicht sagen dürfen, oder sich zu sagen nicht trauen: Dass die glorreiche FAZ, kaum war Michael Althen unter der Erde, auch die von ihm begründete und geliebte DVD-Seite beerdigt hat und die Filmseite reduziert. Dass die Filmredakteurin Verena Lueken als stellvertretende Feuilletonchefin abgesetzt wurde.

Und das betrifft jetzt nur das Kino und Filmressort. Das alles geschah bereits unter der Ägide des fürs Feuilleton zuständigen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher. Qualitätsjournalismus war das schon dann nicht mehr. Der Anfang vom Ende begann schon vor Schirrmachers Tod.

Das schöne Wort vom "Qualitätsjournalismus" ist auch eine Chiffre für Denkfaulheit. Jener primitive Servicejournalismus, der starorientierte Boulevard, das Abschaffen und Kürzen von Zeitungsseiten und all die anderen Phantasielosigkeiten, mit denen man glaubt, Zeitung zu retten, ihr aber in Wahrheit das Grab schaufelt. Alles das ist doch keine Erfindung der Jungen, gegen die sich die Nicht-mehr-Jungen beherzt gesträubt hätten.

Dass er solche Überlegungen überhaupt auslöst, diese Fragen anreißt, ist Grafs Film natürlich gar nicht hoch genug anzurechnen.

Qualitätsjournalismus ohne Qualität

Qualitätsjournalismus ist ein ideologischer Begriff, eine Kampffloskel. Einer wie Michael Althen hätte sie für seine Texte nie benutzt.

Nicht gerade erfunden, aber seit etwa 15 Jahren strategisch propagiert, hat diesen Begriff Frank Schirrmacher. Vor einem guten Jahr ist Schirrmacher gestorben, mit erst 54 Jahren, und er ist unvergessen. Man könnte, was er in seinem Nachruf auf Bernd Eichinger 2011 schrieb, auf ihn selbst münzen: Es wäre gut, wenn wir bald die Fähigkeit zu einer nüchternen Betrachtung seiner Biographie und seiner Texte entwickeln könnten. Nicht nur, weil er das sicher goutiert hätte. Sondern wir können von Schirrmacher vieles lernen, nicht zuletzt über uns selbst.

Den Lobeshymnen der Nachrufe auf den Journalisten, den Blattmacher, den Intellektuellen, und auch in denen auf den Freund, haftet beim Wiederlesen oft auch ein falscher Ton an. Manche sind berührend. Viele handeln, wie das so ist bei Nachrufen, eher von denen, die ihn schreiben.

Der falsche Ton aber kommt daher, dass die Texte sich wie Beschwörungen lesen: Es möge doch nicht zuende sein mit dem Journalismus, für den Schirrmacher stand. Dabei war es mit dem schon zuende, als er noch lebte. Denn Schirrmacher, und das fehlt in den Nachrufen, war einerseits ein Katechon, gemäß der biblischen Figur des "Aufhalters des Endes", der Apokalypse. Aber er hat das Ende auch selbst herbeigeführt, hat das zerstört, was er doch bewahren wollte. Blickt man genauer hin, ist sein Wirken überaus widersprüchlich.

Weniges zeigt das besser, als seine Behandlung des Films. Da schwärmt einer bei Gelegenheit vom Visual Turn, da holt er drei Filmkritiker von der Konkurrenz, wie sonst nur der FC Bayern die Fußballer, da werden ganze Zeitungsseiten freigeschaufelt, um über bewegte Bilder zu schreiben - wenn es sich um YouTube, Streamingdienste oder Fernsehserien handelt oder man die textbeispiellastige Urheberrechtsdebatte mit Hysterieszenarien anfeuern muss.

Hysterie und Aktionismus, aber kein Geschmack

Doch über das Kino hat Schirrmacher aber auch gar nichts Substantielles zu sagen gehabt. Jenes Geschichtsbewusstsein, das ihn wunderbare Texte über Thomas Mann und Kafka schreiben ließ, ließ ihn beim Kino, und nicht nur dem deutschen, völlig im Stich. Und damit erwies er sich als Bildungsbürger im schlechten Sinn.

Als rückwärtsgewandter Gebildeter, der es sich in einem Elfenbeinturm bequem macht, in den die Welt aber nur selektiv eindringen darf - was das Thesenschmieden natürlich erheblich erleichtert. Und dessen Hysterie und Aktionismus nur verdecken sollten, dass er zwar gut schreiben konnte, aber nicht wusste, worüber er schrieb.

Die Lügen der Sieger. Bild: © Martin Menke / NFP

Schirrmacher fehlte sogar, auch darin war er noch mehr Bürger, als er zu sein wünschte, jener Basis-Instinkt des Geschmacks, der ihn daran hätte hindern können, Tom Cruise "Valkyrie" als Film und nicht nur als Bebilderung des 20.Juli 1944 anzusehen. Da genügte, wie in anderen Fällen auch, vollkommen "das Thema", von dem er sich "eine Debatte" versprach.

Im Theater, der bildenden Kunst, von der Literatur ganz zu schweigen hätte Schirrmacher das anderen nie durchgehen lassen. Und so zeigt sich die sehr deutsche, womöglich gar nicht so bewusste Verachtung der Bildmedien.

Zurück zum reaktionären Kampfblatt: Die FAZ nach Schirrmacher

Als Schirrmacher starb, ging es trotzdem mit der FAZ rapide bergab und spätestens dann merkte man, was man an ihm hatte: Nicht nur dass die Zeitung dünner wurde, sie wurde belangloser. Und sie entwickelte sich wieder in Richtung "alte FAZ", wurde wieder reaktionär, in Inhalt wie Verhalten. Auch das hatte schon zu Schirrmachers Lebzeiten begonnen.

Ein Beispiel ist der neue Kurs der "Sonntagszeitung" (die neuerdings mit "Distanz zum Alltag" wirbt, wie die Bundesbahn "Geschenkte Zeit", wegen der vielen Verspätungen). Als die FAS 2001 erstmals herauskam, war sie großartig. Es war eine erfrischende, unerwartete Sonntagslektüre, von deren anregenden Texten man die ganze Woche zehren konnte.

Eine Zeitung für moderne Menschen, nicht so moralisierend wie die Zeit, sondern offen und liberal, die die Welt nicht in Schwarz und Weiß, Links und Rechts, Böse und Gut unterteilte. In den letzten Jahren ist die FAS gerade in dieser Hinsicht immer schlechter geworden, immer öder und erwartbarer.

Damit nicht genug: Im Wahljahr 2013 mutierte sie zu einem Kampfblatt pro Schwarzgelb, und legte diesen Gestus auch im Jahr nach der Wahl nicht mehr ab. Man liest moralisierende Traktate, in denen alleinstehende Frauen und Kinderlose schlecht gemacht werden und auf primitive Weise ein altmodisches Familienbild propagiert wird. Oder man liest moralisierende Texte, in denen privaten Rechnungen mit den GRÜNEN und der TAZ in scheinobjektive, einseitig recherchierte Propaganda verwandelt werden, die den Leser für dumm verkauft, die Daniel Cohn-Bendit in die Nähe von Pädophilen rückt, seine Partei als Kinderschänderpartei darstellt und "1968" als Bewegung potentieller Verbrecher erscheinen lässt.

Jede Form von Differenzierung, auch jede Form von ernsthafter Auseinandersetzung mit Fragen der Legitimität kindlicher Sexualität und deren Darstellung in der Kunst fehlt hier. Qualitätsjournalismus ist das nicht.

Ein anderer kann die SPD nur als versagende Partei beschreiben, was ja vielleicht diskutabel wäre, würde man auch mal etwas über das Versagen der Union und der SPD lesen. Der nächste verpackt seine Hasstiraden gegen den Staat in Süffisanz. Dazu genügend Artikel auch im Kulturteil, die ihre rechtskonservativen Fundamente kaum noch verbergen können. Erkenntnis fehlt.

Die Lügen der Sieger. Bild: © Martin Menke / NFP

Im Feuilleton schreibt ein Autor, dessen Nähe zu Werner Spies ein offenes Geheimnis ist, über den Fall des Kunstfälschers Beltracchi einseitig zu dessen Lasten. Was nur dann legitim wäre, wenn man nicht wüsste, dass es genau jener FAZ-Autor Werner Spies war, der auf Beltracchis Fälschungen hereinfiel und ihren Erfolg so erst möglich machte - das hätte jedem passieren können, und will man Spies das nicht vorwerfen. Mitleid muss man aber auch nicht haben, denn Spies wurde nach allem was man wissen kann, hierfür fürstlich bezahlt.

Der FAZ muss man allerdings vorwerfen, dies alles nicht nur zu verschweigen, sondern ihren Kunstkritiker Niklas Maak von dem Fall abzuziehen, weil er genau die Spies-Connection nicht verschweigen wollte.

Als Schirrmacher starb, rutschte die FAZ endgültig wieder ins Gehabe eines alarmistischen, modernitätsfeindlichen Kampfblatts zurück. Bezeichnend sind die Abgänge im Feuilleton: Einen einzigen Tag dauerte es nach Schirrmachers Tod, bis man seinen Namen aus der Herausgeberleiste strich. Keine drei Wochen dauerte es, bis man seinem Protegé Dirk Schümer eine Änderungskündigung ins Haus schickte. Zuviele Neider hatte offenbar der weltläufige Lebemann, der als "Europakorrespondent" mit Sitz Venedig über alles schrieb, von Fußball über den Papst bis zu Berlusconi - nur nie langweilig.

In den folgenden Wochen wurde Nils Minkmar als Feuilletonchef herausgeekelt, Volker Weidemann ging freiwillig - um nur die wichtigsten zu nennen. Nachfolger von Schirrmacher als FAZ-Herausgeber wurde Jürgen Kaube, nachdem der umworbene Florian Illies abgesagt hatte.

Qualitätsjournalismus, wenn das Wort denn je Sinn machte, ist bei der FAZ beendet.

Die Konsensfabrik beginnt im Kopf

Auf seine Art ein sehr ähnliches Thema hat auch Christoph Hochhäusler neuer Film Die Lügen der Sieger. Der Paranoiathriller erzählt von einem investigativen Journalisten, der für ein "Hamburger Magazin" politischen Skandalen in der Berliner Republik auf der Spur ist.

Die Lügen der Sieger. Bild: © Martin Menke / NFP

Hochhäusler beschwört die Welt und das Pathos des unbestechlichen investigativen Journalismus herauf, wie er von Robert Redford in Allan J. Pakulas "All the presidents Men" verkörpert wurde. Er zeigt ein Deutschland, das den Mächtigen zur Beute geworden ist. Demokratie ist nur noch der Name für ein Manipulationsspiel. Aber das politische Publikum will es nicht hören, will lieber in künstliche Welten entführt werden. Die Konsensfabrik beginnt im Kopf.

Hochhäuslers komplexer, hervorragend gefilmter Film interessiert sich dafür, wie man Eindrücke zu einer Erzählung verdichtet, für Wirklichkeit als Konstruktion. Der Regisseur stellt die Frage, was eigentlich wirklich ist?

Man kann ihm vorwerfen, dass sein Film Wahrheitsansprüche allzu leichtfertig preisgibt, dass er mit dieser sehr allgemeinen Form der Kritik, als deren Ergebnis wir Zeitungen und Fernsehen besser gar nichts mehr glauben sollten, feine, aber entscheidende Unterschiede eher verwischt, und der Paranoia des Publikum auch Vorschob leistet.

Aber er legt die Finger in die offene Wunde unserer Medien, die sich zwar gern mit dem Etikett des "Qualitätsjournalismus" schmücken, hinter solchen schönen Worten, aber Stellen streichen, Seiten kürzen und alle moralisch-politischen Ansprüche gleich mit.

Repräsentativ ist dieser ebenso kluge wie kurzweilige Film für ein zunehmendes Interesse an Stoffen und Stories, die versuchen, den grassierenden Privatismus des deutschen Films hinter sich zu lassen, und gesellschaftspolitische Themen ins Zentrum zu rücken, und ohne Rücksichtnahmen, schnelle Antworten oder wohlfeile Banalisierung zu behandeln.

Hochhäusler und Graf formulieren Verlustanzeigen. Sie machen den drohenden Untergang des Zeitungsjournalismus zum Thema. Beide gehen aber noch nicht weit genug. Man kännte und man muss noch viel genauer hingucken, viel mehr erzählen.

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Hg. Florian Rötzer
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Als eBook bei Telepolis erschienen

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