Die Kommandeuse, die anständige deutsche Frau und der Befehlsnotstand

02.08.2015

Die Lady mit dem Lampenschirm, Teil 3

Teil 2: Der korrupte Kommandant und seine perverse Nymphomanin

Die geborene Verbrecherin besitzt eine gesteigerte Sexualität und neigt zur Prostitution, welche die natürliche Rückschlagsbildung des Weibes ist, das im primitiven Zustand mehr oder weniger Prostituierte ist.:.Dr. Erich Wulffen, "Das Weib als Sexualverbrecherin" (1923)

Erkennungsdienstfoto von Ilse Koch nach ihrer Festnahme

Am 30. Juni 1945 wurde Ilse Koch von den amerikanischen Besatzungsbehörden festgenommen. Ein ehemaliger Häftling soll sie in Ludwigsburg, wo sie seit ihrer Entlassung aus der SS-Haft wohnte, erkannt und angezeigt haben. Im November 1946 wurde sie in das frühere KZ und jetzige Internierungslager Dachau gebracht, wo sie sich in der Zeit vom 11. April bis zum 12. August 1947 zusammen mit 30 anderen Beschuldigten wegen der in Buchenwald begangenen Verbrechen verantworten musste.

Ilse Koch

Zuvor hatte es ein Gezerre darum gegeben, wer den Prozess führen sollte: die Amerikaner als die Befreier von Buchenwald oder die Sowjets, weil der Schauplatz der Verbrechen in ihrer Besatzungszone lag und sie mit 15.000 Toten die meisten der dort gestorbenen Opfer zu beklagen hatten? Man muss dazu wissen, dass bereits der Kalte Krieg begonnen hatte und weder Amerikaner noch Russen der anderen Seite Gelegenheit zum Sammeln von Propagandapunkten geben wollten. Eine Vereinbarung, dass sie das Verfahren übernehmen sollten, ließen die Russen möglicherweise platzen, weil sie Enthüllungen über die Zustände im "Speziallager Nr. 2" (für politische Gefangene) fürchteten, in das sie das ehemalige KZ Buchenwald umgewandelt hatten.

Ilse Koch

Sex sells

Offiziell hieß der in Dachau verhandelte Fall "United States of America vs Josias Prince zu Waldeck et al." - benannt nach dem früheren Erbprinzen und jetzigen Fürsten Josias zu Waldeck und Pyrmont, in dessen Verantwortungsbereich als Höherer SS- und Polizeiführer das Lager Buchenwald fiel und der an der Durchführung der Todesmärsche beteiligt war, bei denen Schätzungen zufolge etwa 10.000 Menschen umkamen. Mit Waldeck auf der Anklagebank saßen ehemalige Angehörige des SS-Kommandanturstabs und des Lagerpersonals, drei Lagerärzte und ein Sanitätsoffizier, drei Funktionshäftlinge und ein Zivilangestellter - und Ilse Koch, die Witwe des ersten Kommandanten. Nicht dabei war Waldemar Hoven, der 1947 im Nürnberger Ärzteprozess zum Tode verurteilt und 1948 gehängt wurde. Zum Verbleib von Hermann Florstedt, der Hovens Rivale um die Gunst der Kommandeuse gewesen sein soll, gibt es zwei Versionen: Er wurde entweder im Zuge der Buchenwalder Korruptionsaffäre hingerichtet, oder er konnte aus dem Gefängnis fliehen und in den Kriegswirren untertauchen.

Nach heutigem Rechtsverständnis ließ das Verfahren in Dachau einiges zu wünschen übrig. Das Militärtribunal war mit acht amerikanischen Offizieren besetzt, von denen nur einer über eine juristische Vorbildung verfügte. Hörensagen war genauso zugelassen wie das Einbringen von eidesstattlichen Versicherungen, die verlesen wurden, ohne dass die Verteidigung eine Möglichkeit zum Kreuzverhör gehabt hätte. Die Erstattung von Reisekosten wurde von der Anklagebehörde mitunter so großzügig gehandhabt, dass bald das Wort von den "professionellen" oder "gewerbsmäßigen" Zeugen die Runde machte. Einige dieser Zeugen hatten nun schon so oft von Ilse Koch erzählt, dass sie eine gewisse Routine darin besaßen. Nicht der zum europäischen Hochadel gehörende, mit Königshäusern verwandte Waldeck oder der KZ-Kommandant Hermann Pister waren die Stars der Veranstaltung, sondern die Kommandeuse mit dem Faible für Lampenschirme aus Menschenhaut. Mit ihr auf der Anklagebank erhielt der Prozess das Sex-&-Crime-Element, das ein erwartungsfrohes Publikum elektrisierte.

Man muss hier noch einmal daran erinnern, dass es ein gewisses Bedürfnis gab, mehr oder weniger phantasievolle Fiktionen vom Dritten Reich mit der Realität in Einklang zu bringen. Keiner hat die rasch einsetzende Überlagerung der NS-Verbrechen mit verbotener Erotik und sexualisierter Gewalt bissiger kommentiert als Billy Wilder, der Mann mit dem scharfen Blick für gesellschaftliche Verhältnisse. Es war ein Zufall und doch auch wieder nicht, dass Wilder zur gleichen Zeit, als in Dachau die Urteile verkündet wurden, mit den Dreharbeiten zur schwarzen Komödie A Foreign Affair begann, in der Marlene Dietrich eine Glamour-Version von Ilse Koch spielt und als frühere Geliebte von Nazigrößen und Kriegsverbrechern souverän die Projektionsfläche für die erotischen Phantasien der GIs abgibt, wenn sie dafür eine Matratze und falsche Papiere kriegt. Wilder brachte A Foreign Affair böse Verrisse ein, weil er da wohl einen Nerv getroffen hatte.

Die Erwartungen, mit denen die amerikanischen Befreier in das untergegangene Dritte Reich kamen, waren stark von den Antinazifilmen Hollywoods geprägt. Da sah man Uniformierte beiderlei Geschlechts, eine lockere Sexualmoral, Himmlers Ideen von der Züchtung einer Herrenrasse in kitzelige Erotikszenen übersetzt. In Billigproduktionen peitschten die Nazis gern mal junge Frauen aus wie in Hitler’s Children und Women in Bondage. Für Filme mit Stars der A-Liste war das zu nahe an der Pornographie, weshalb Drehbücher geschrieben wurden wie das für Edge of Darkness: Ann Sheridan als Freundin des von Erroll Flynn gespielten Anführers der norwegischen Widerstandskämpfer wird von einem deutschen Soldaten vergewaltigt, und Helmut Dantine als Kommandant der deutschen Garnison hat sich aus dem von den Nazis besetzten Polen eine junge Frau mitgebracht, die halb Mätresse und halb Sexsklavin ist.

Women in Bondage

Douglas Sirk, der als Detlef Sierck die besten Zarah-Leander-Filme gedreht und 1937 den Titel Zu neuen Ufern ganz wörtlich genommen hatte, inszenierte 1943 seine erste Hollywood-Produktion. Hitler’s Madman handelt vom Attentat auf Reinhard Heydrich. Eine kleine Rolle erhielt Leatrice Joy Gilbert, die Tochter von John Gilbert und von Leatrice Joy, einer Lieblingsschauspielerin des Schuh-Fetischisten Cecil B. DeMille. Die den Film verleihende MGM schickte das Starlet an den Strand, wo sie im zweiteiligen Badeanzug posierte und mit einem Ball spielte. Mit den Photos wurde dann für den Film geworben, in dem die Nazis die Tschechen unterjochen und im Dorf Lidice ein Massaker anrichten. Das Prinzip "Sex sells" herrschte auch da, wo man es eigentlich nicht erwarten würde. Für Hangmen Also Die!, Fritz Langs Version vom Heydrich-Attentat und den anschließenden Vergeltungsmaßnahmen, wurden PR-Photos von der Hauptdarstellerin Anna Lee in Unterwäsche geschossen. Das amerikanische Kinopublikum hatte sich 1943 bereits daran gewöhnt, dass der Sex bei den NS-Verbrechen eine große Rolle spielte.

Leatrice Joy Gilbert

Schamlos aufgedeckt

Sehr umstritten war die Übertragung des in der amerikanischen Rechtssprechung durchaus geläufigen Prinzips vom "Common Design" auf die Dachauer Prozesse. Die Anklage musste den Beschuldigten keine individuell begangenen Verbrechen nachweisen. Für einen Schuldspruch reichte es aus, wenn das Gericht davon überzeugt war, dass sie einen gemeinsamen Plan verfolgt hatten, dass sie zum Begehen von Verbrechen zusammengekommen waren und an diesen billigend teilgenommen hatten, dass sie vom verbrecherischen Charakter des KZ-Systems gewusst und durch ihr Verhalten zum Funktionieren dieses Systems beigetragen hatten. Allerdings erhofften sich die US-Behörden nicht nur die Aburteilung der Täter, sondern auch eine erzieherische Wirkung auf die Deutschen, denen vorgeführt werden sollte, was das NS-Regime angerichtet hatte und wie eine nach Recht und Gesetz operierende Demokratie die Schuldigen bestrafte. Deshalb versuchte die Anklage dann doch, den Beschuldigten persönlich begangene Verbrechen nachzuweisen. Bei einem aus realen Gräueltaten, Gerüchten und Kolportageelementen zusammengesetzten Fall wie dem der Ilse Koch konnte daraus ein wenig würdevolles Spektakel werden wie an dem Tag, an dem Kurt Titz auf dem Zeugenstuhl Platz nahm.

Titz hatte in der "Villa Koch" als Kalfaktor arbeiten, also Hilfsdienste verrichten müssen. Er war einer von den 120 Überlebenden, die Kogon und Rosenberg für den Buchenwald-Report befragten. Dort kann man nachlesen, was dann von Journalisten, Romanautoren und Titz selbst variiert und ausgeschmückt wurde. Wenn man das verfolgt, landet man beispielsweise bei John Slaters Beast Woman of Buchenwald (1971). Annette Bougert, die schöne Heldin dieses Romans, ist Mitglied der Résistance, wird in Paris von der Gestapo verhaftet und auf den Ettersberg verbracht. Dort stellt ihr eine lesbische Aufseherin nach, bevor sie Hausmädchen bei Ilse Koch wird. Annette muss das zwanghafte Verhalten einer zum Monster gewordenen Spießerin aushalten, wird gequält und schließlich gezwungen, ihre häuslichen Tätigkeiten völlig nackt zu verrichten, am Fußknöchel eine Kette mit Eisenkugel. Ilse Koch besitzt einen Lampenschirm aus der tätowierten Haut eines ermordeten Häftlings und hätte gern ein weibliches Pendant dazu. Herr Rolfe hat schon damit begonnen, Annette ein Ganzkörpertattoo zu verpassen, als sie von einem SS-Mann gerettet und in dessen privates Liebesnest gebracht wird, wo er sie als Sexsklavin halten will … Die Phantasien rund um Ilse Koch speisten sich anfangs daraus, dass Buchenwald ein Männerlager war. Eine Domina hoch zu Ross herrscht über Tausende von Häftlingen. Slater überführt das in die herkömmliche Form von sexualisierter Gewalt. Bei ihm ist es die nackte Frau, die gepeitscht wird und in hochhackigen Schuhen über den Appellplatz gehen muss.

Als wegen der Allüren der gnädigen Frau wieder einmal ein Dienstmädchen gekündigt hatte, musste Titz morgens die Kinder wecken, waschen und anziehen, den Hund füttern und ausführen, Kaffee kochen und ihn der Dame des Hauses ans Bett bringen, "in dem sie oft schamlos aufgedeckt dalag", erzählt er im Buchenwald-Report. Tagsüber kam Waldemar Hoven und nachts Hermann Florstedt, der zweite Liebhaber. Als Koch nach Lublin versetzt wurde, verließ Hoven kaum mehr das Haus. Titz wurde ins Kinderzimmer eingesperrt und hinterher bestraft, weil er seine Arbeit nicht gemacht hatte. Ilse Koch befriedigte "ihre perversen Gelüste" nie an ihm, wohl aber an anderen Häftlingen: "sie schlug mit einem kleinen Stöckchen auf das Glied, das der Häftling ihr vorzeigen musste". Einmal wurde Titz betrunken aufgefunden und in den Arrestbau zum gefürchteten Sadisten Martin Sommer gebracht, dem "Henker von Buchenwald". Dort entging er einem von Hoven geplanten Giftanschlag, ehe man ihn in das KZ Flossenbürg brachte.

Arthur L. Smith mutmaßt in Die "Hexe von Buchenwald", dass Ilse und der "schöne Waldemar" Titz ermorden wollten, weil er von ihrer Affäre wusste und Koch davon hätte erzählen können, schreibt aber auch, dass Konrad Morgen Titz für einen unzuverlässigen, geistig zurückgebliebenen Zeugen hielt. Titz hatte bereits 1944 im NS-Prozess gegen die Kochs und Hoven ausgesagt und wurde nach dem Krieg einer jener "professionellen Zeugen", die von einer sensationsgierigen Öffentlichkeit bereitwillig aufgenommene Nachrichten aus Buchenwald zu vermelden hatten. Das heißt noch lange nicht, dass Titz ein Lügner war. Trotzdem wäre es eine gute Idee gewesen, diesen Zeugen nicht zu laden. Hermann Pister und andere sagten für die Verteidigung aus, dass Titz nicht nur betrunken im Hause Koch aufgefunden worden war, sondern dass er die Einrichtung demoliert und Ilse Kochs Kleider angezogen hatte. Wahrscheinlich war es unvermeidlich, dass Titz in einer späteren Version die lüsterne Mutter anstelle der Kinder baden musste und statt eines Kleids und eines Morgenrocks Ilse Kochs Unterwäsche trug wie in einem Artikel des Spiegel vom September 1948.

Ich habe ungefähr ein Dutzend dieser Geschichten gelesen und mich irgendwann gefragt, ob Titz tatsächlich Reizwäsche trug und Ilse Koch in einer ihrer Aussagen den Morgenmantel dafür einsetzte, weil ihr die Erwähnung ihrer Unterhose peinlich war. So wird der tausendfache Mord im KZ zur Nebensache. Kurt Titz verbrachte sechs Jahre in den Lagern Buchenwald, Flossenbürg und Sachsenhausen. Bestimmt erlebte er dort fürchterliche Dinge. Ich finde, man hätte ihn besser schützen müssen - notfalls vor ihm selbst. Als er Titz in den Zeugenstand rief, öffnete der Ankläger William Denson eine Tür, die sich danach nicht mehr schließen ließ. Die TV-Dokumentation Die Hexe von Buchenwald präsentiert Titz als Hauptbelastungszeugen, den Bade- und Wäscheteil lässt sie weg. Das ist verständlich und verdeutlicht zugleich das Problem. Entweder erzählt man nur die halbe Wahrheit, oder man stellt den Zeugen bloß und macht ihn erneut zum Opfer. Im Grunde will man beides nicht.

Die Bestseller- und Oprah-Winfrey-taugliche Variante von der Badeszene findet sich in Bernhard Schlinks Der Vorleser. Da wird abwechselnd eingeseift und Liebe gemacht, und dann liest der jugendliche Held der schönen blonden Aufseherin noch aus einem Klassiker vor, weil sie Analphabetin ist und ihr die Kultur bisher verschlossen war (wodurch umgekehrt die Kultur von den NS-Verbrechen unberührt blieb, was ein schöner Gedanke ist, aber leider völlig falsch). Für meinen Geschmack ist das zu nah an der KZ-Pornographie - nicht, weil man (in der Verfilmung) Kate Winslet und David Kross nackt sieht, sondern weil diese Baderei auf die vom Spiegel 1948 pornographisch aufbereitete Titz-Anekdote zurückgeht, vor der man Geschichten über die Konzentrations- und Vernichtungslager bewahren sollte.

Irma, Ilse und ein Schrumpfkopf

Ilse Koch äußerte sich nur ein einziges Mal ausführlich zu den Vorwürfen. Das war in Dachau. Ihre Aussage kann man kurz zusammenfassen: Sie wusste nichts von Gewalt und Grausamkeit, hatte mit dem Lager nichts zu tun, besorgte ihrem Mann den Haushalt, war die Mutter ihrer Kinder, hatte beim Ausritt nie eine Reitgerte dabei. Natürlich war das glatt gelogen. Keine Frau konnte in der SS-Führersiedlung wohnen, ohne mitzukriegen, was nebenan passierte. Bleibt die Frage, ob sie Mitwisserin war oder auch Täterin? Und Täterin von was? Captain Emmanuel Lewis, ihr Pflichtverteidiger, fragte sie nach den Artefakten aus Menschenhaut. Sie antwortete, erst nach dem Krieg, durch die Ausgabe des LIFE-Magazins vom 8. Oktober 1945, davon erfahren zu haben: "Es gab ein ganzseitiges Bild von mir, mit einer Bildunterschrift, dass ich Befehle erteilt hätte, Häftlinge mit tätowierter Haut zu töten, damit ich die tätowierte Haut kriegen konnte."

Besagtes Bild zeigt aber nicht Ilse Koch, sondern Irma Grese, bekannt geworden als "Hyäne von Auschwitz", "Beast of Belsen" (vgl. Wilders A Foreign Affair) oder "Bestie mit dem Engelsgesicht". Irma Ilse (!) Ida Grese war Aufseherin in den Lagern Ravensbrück, Auschwitz-Birkenau II und zuletzt Bergen-Belsen, wo sie von den britischen Befreiern im April 1945 verhaftet wurde. Damals war sie noch nicht ganz 22 Jahre alt. Im November 1945 wurde sie zum Tode durch den Strang verurteilt, im Dezember hingerichtet. An ihrem Aussehen entzündete sich die Phantasie der Betrachter. Der Legende nach schwang sie eine Peitsche mit Perlenschwur und hatte immer ein Gewehr dabei, mit dem sie zum Spaß auf ihre Opfer schoss. Zu ihren zahlreichen Liebhabern gehörte Josef Mengele (falls sie nicht doch lesbisch war). In einer Baracke - so ein weiteres Gerücht - wurde Menschenhaut gefunden, aus der sie Lampenschirme machen wollte. Die Bildunterschrift in LIFE teilt mit, dass Irma Grese weibliche Häftlinge mit einer Reitgerte schlug und Schwangeren die Beine aneinander fesselte, "damit sie nicht entbinden konnten und qualvoll starben".

Wie war das also, in Dachau 1947? War das Phantasma von der "Hexe von Buchenwald" schon so weit gediehen, dass sogar die echte Ilse Koch nicht mehr zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden konnte, weil sie Teil eines Konglomerats aus nachweisbaren Gräueltaten, Gerüchten und NS-Legenden geworden war, eine Projektionsfläche für Phantasien aller Art? Und wie ging es den Zeugen der Anklage? Wie war das, wenn sich jemand vier Jahre nach der Verhaftung Ilse Kochs durch die SS (und dem Ende ihres Aufenthalts auf dem Ettersberg) an Details aus einer von Überlebensdruck und gnadenloser Routine geprägten Lagerexistenz erinnern sollte, in der ein Tag in den anderen floss und die Zeit ihre strukturierende Funktion verlor? Ich weiß darauf keine befriedigende Antwort. Das ist ein Thema für Psychologen und Traumaforscher.

Der Ankläger William Denson bot eine lange Reihe von Zeugen auf, die von Erinnerungen an Ilse Koch berichteten. Sie hatte sich die Nummern von Häftlingen notiert, um diese zur Bestrafung zu melden; Häftlingen mit der Reitgerte ins Gesicht geschlagen oder sie auf andere Weise körperlich gezüchtigt; Häftlinge mit Schimpfnamen wie "Judensau" belegt; und die Wachmannschaften der SS durch ihre bloße Nähe zu gesteigerter Brutalität angeregt. Viele der Zeugen mussten jedoch einräumen, dass sie nur wiedergaben, was sie von Leidensgenossen gehört hatten oder durch Interpretation logisch erscheinende, aber nicht nachweisbare Verbindungen zwischen einzelnen Ereignissen hergestellt hatten. Mehrere Zeugen gaben an, den Kochs gehörende Lampenschirme, Bucheinbände und Etuis aus Menschenhaut gesehen zu haben. Kurt Titz wollte inzwischen zwei Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaut in der "Villa Buchenwald" bemerkt haben, mit einem Totenkopf dazwischen (den Schädel gab es wirklich: in einem Photo aus dem Familienalbum steht er auf Kochs Schreibtisch).

Konrad Morgen widersprach. Er gab zu Protokoll, bei seinen Ermittlungen in der Korruptionsaffäre nie etwas von solchen Gerüchten gehört zu haben, auch nicht von Titz (der wiederum im Buchenwald-Report berichtet, alle belastenden Aussagen vermieden zu haben, weil er Angst um sein Leben hatte). Morgen hatte im Sommer 1943 zusammen mit Pister und zwei Kriminalbeamten das Haus der Kochs sehr gründlich durchsucht. Dabei wurden Beweise für die Korruptionsdelikte entdeckt, aber weder Lampenschirme noch die ebenfalls Ilse Koch zugeschriebenen Bucheinbände oder Handschuhe aus präparierter Menschenhaut. Allerdings hatte Morgen gegerbte Menschenhäute in der Pathologie gesehen. Eine direkte Verbindung zu Ilse Koch konnte nie nachgewiesen werden. In der TV-Doku ist ein Ausschnitt aus der damaligen Wochenschau einmontiert. Da klingt es ganz anders. "Die Anklage wirft [Ilse Koch] schwerste Vergehen gegen die Menschlichkeit vor", tönt der Sprecher. "Dazu zählt der Besitz von präparierten Köpfen ermordeter Opfer und von Lampenschirmen aus Menschenhaut. Die Beweisstücke liegen dem Gericht vor."

Knapp vorbei ist auch daneben. In Ermangelung vorzeigbarer Lampenschirme (das Exemplar vom Buchenwald-Tisch war längst verschwunden) behalf sich die Anklage mit drei auf ihre Echtheit überprüften Hautstücken aus der Pathologie und mit einem Schrumpfkopf, der im April 1945 auf dem Buchenwald-Tisch gestanden und schon in Nürnberg beim Hauptkriegsverbrecherprozess dazu gedient hatte, die Bestialität der Nazis zu beweisen. Denson hielt Ilse Koch am Beginn seines Kreuzverhörs den Schrumpfkopf vor die Nase und wollte von ihr wissen, ob sie ihn je im Dienstzimmer ihres Mannes gesehen habe. "Nein, nie, hier zum ersten Mal", war ihre Antwort. Zur Wahrheitsfindung trug das nichts bei. Aber es war effektiv, weil es die hinterher von Denson erhobenen Vorwürfe rund um Folter, Perversion und Lampenschirme glaubwürdiger erscheinen ließ, durch Assoziation. Etwas bleibt immer hängen. Die Bilder von Ilse Koch und dem Schrumpfkopf gingen um die Welt.

Den Kopf und einige der anderen Gegenstände vom Buchenwald-Tisch sah man 1961 in Stanley Kramers Judgment at Nuremberg wieder. Richard Widmark ist der Ankläger in einem Prozess gegen NS-Juristen, Werner Klemperer (später Lagerkommandant in Hogan’s Heroes) einer von den Beschuldigten, und Marlene Dietrich ist dieses Mal die kultivierte Witwe eines als Kriegsverbrecher hingerichteten Fliegergenerals, die es dem von Spencer Tracy gespielten Richter sehr verübelt, dass er Burt Lancaster schuldig spricht. Richard Widmark als Ankläger führt einen Atrocity-Film vor. Unter "Buchenwald" (gegründet 1933, sagt der Staatsanwalt - 1937 wäre richtig gewesen) ist da alles in einen Topf geworfen, was den Machern zum Stichwort "NS-Verbrechen" spontan einfiel: abgemagerte Häftlinge, die Öfen von Topf & Söhne, Kinder mit eintätowierter Nummer, Schrumpfköpfe, Leichenberge, gegerbte Haut, Gaskammern und Lampenschirme. Ich persönlich finde in dem Film am gruseligsten, dass die Deutschen immer Schunkel- und Marschlieder singen, wenn der Richter durch das zerbombte Nürnberg geht. Bei mir kam die Botschaft an, dass man entweder ein Kriegsverbrecher wird oder nervlich zerrüttet, wenn man zuviel Heino und Musikantenstadl hört.

Unterirdische Sexualpraktiken

Am 14. August 1947 verkündete das Gericht die Urteile: Tod durch den Strang für 22 der 31 Angeklagten, fünfmal lebenslänglich, zeitlich befristete Haftstrafen in vier Fällen, kein Freispruch. Ilse Koch, zu lebenslanger Haft verurteilt, war im siebten Monat schwanger, was sich nicht mehr übersehen ließ. Beim Lesen der alten Berichte zum Buchenwaldprozess hat man den Eindruck, dass nicht das KZ-System und die von der SS begangenen Verbrechen der Skandal waren. Es ging um Sex und Perversion. Ohne Ilse Koch wäre das Verfahren einer von den vielen Prozessen gewesen, in denen in Dachau Kriegsverbrecher abgeurteilt wurden. Mit ihr als Angeklagter schritt die Boulevardisierung (und die damit verbundene Verharmlosung) des Dritten Reichs rasch voran. Einen von den Medien gern aufgegriffenen Beitrag leistete Dr. Konrad Morgen. Als Ermittler des SS- und Polizeigerichts zur besonderen Verwendung war er mutig gegen Korruption und persönliche Bereicherung in den Konzentrations- und Vernichtungslagern vorgegangen. Nach dem Krieg betätigte er sich als SS-Versteher. In seinen Zeugenaussagen berichtete er über die schwarzen Schafe im Apparat und über Verirrungen wie den Rassenwahn, aber er hatte auch Gutes über Himmlers Wertegemeinschaft zu vermelden.

Besonders schwarze Schafe waren Karl und Ilse Koch. In Dachau erzählte Morgen, dass Ilse ihre eigene Mutter aus dem Haus warf (die alte Frau saß dann vor der Tür auf einem Stein und weinte bitterlich) und dass sie sich - das wusste er von Stabsoffizieren und deren Gattinnen in der Führersiedlung - mit Absicht provokant anzog (kurze Kleider, enge Blusen), um die sexuell notleidenden Häftlinge zu erregen. Wenn sie ein Häftling ansah, machte es ihr Freude, ihn zu melden und "illegale Prügelstrafen" anzuordnen - illegal, weil sie keine offizielle Funktion im Lager hatte. Das impliziert, dass "legale", also von SS-Männern angeordnete Auspeitschungen in Ordnung waren und der Ettersberg nicht zum Ort des Schreckens geworden wäre, wenn die Kochs dort nicht ihre perversen Gelüste ausgelebt hätten. Darüber könnte man fast vergessen, dass in Buchenwald und in den anderen Lagern der Terror als Herrschaftssystem etabliert war, wie Eugen Kogon in Der SS-Staat schreibt.

Morgens persönliche Ilse-Koch-Story endete ein paar Jahre nach deren Suizid, als ihn die New York Times (7.5.1971) um ein abschließendes Statement bat. Zitat: "Sie war kein Unschuldsengel. Sie war eine ordinäre Frau, die in sexuell aufreizender Unterwäsche an den Gefangenen vorbeiritt und die Nummern derjenigen, die sie anschauten, für eine Bestrafung notierte. Sie lag in ihrem Garten, so dass die Gefangenen sie sehen konnten; sie war einfach primitiv. Aber mit den Lampenschirmen hatte sie nichts zu tun, und sie verdiente es nicht, so streng bestraft zu werden. Sie war ein Opfer der Horrorgeschichten." An diesen Geschichten hatte Morgen seinen Anteil. Mit seinen Einlassungen zu den sexy Outfits der Kommandeuse und ihrer Lust an der Macht über ihr ausgelieferte Männer beflügelte er die Phantasie der Berichterstatter, die durch die Schwangerschaft noch mehr in Wallung geriet.

Das Nachrichtenmagazin Newsweek (28.7.1947) brachte einen Artikel des Korrespondenten James O’Donnell, der endlich enthüllte, was die Welt schon immer hatte wissen wollen: Karl und Ilse Koch hatten in Buchenwald ein ausschweifendes Liebesleben mit zahlreichen Partnern geführt; Ilse hatte in Dachau mit mindestens fünf der mit ihr angeklagten SS-Männer Sex gehabt; O’Donnell wusste aus zuverlässiger Quelle, dass Karl nicht der Vater der ersten drei Kinder war (wahrscheinlich wegen seiner Homosexualität, die Fleck und Tenenbaum schon 1945 dem US-Geheimdienst gemeldet hatten); der mutmaßliche Vater der aktuellen Leibesfrucht war ein polnischer Gefängniswärter, der sich an Heiligabend in Ilses Zelle geschlichen und sie geschwängert hatte. Andererseits habe ich gelesen, dass jemand einen Tunnel grub, um durch den Boden in die Zelle der Kommandeuse und in sie selbst einzudringen. Denier Bud weiß, dass Ilse - einvernehmlich oder durch Vergewaltigung? - den Samen eines amerikanischen Vernehmungsoffiziers empfing. Der derzeit heißeste Kandidat ist Ilses Jugendfreund, der mit ihr in Dachau einsaß. Frauen und Männer waren im Gefängnishof durch einen Stacheldraht getrennt. Der Jugendfreund überwand den Draht und hatte fünfmal Geschlechtsverkehr mit Ilse. Ob der Mann die Wahrheit sagte oder ein Wichtigtuer war muss offen bleiben.

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