Open Access: Pay What You Want

30.06.2015

Während bislang im Open Access der publizierende Verlag die Preise für eine Veröffentlichung diktiert, geht der Thieme Verlag einen neuen und geradezu revolutionären Weg

Das Verlagshaus Thieme will das unter anderem in der Gastronomie genutzte Pay What You Want in der Finanzierung von Open Access erproben: Der Autor soll entscheiden, was ihm eine Open-Access-Publikation seines Artikels wert ist.

Open Access hatte ursprünglich das alleinige Ziel, die Verfügbarkeit wissenschaftlicher Dokumente zu verbessern, um so die Kommunikation unter Wissenschaftlern zu vereinfachen und den wissenschaftlichen Fortschritt zu beschleunigen. In einer der beiden Open-Access-Spielarten, dem so genannten grünen Weg zum Open Access, besteht für Wissenschaftsverlage eigentlich keine Chance, Geld zu verdienen, denn hier werden bereits in Verlagen erschienene Dokumente - unter Umständen in einer präfinalen Form - entgeltfrei verfügbar gemacht.

Bei der zweiten Open-Access-Variante, dem goldenen Weg, gibt es hingegen für Verlage unter Umständen durchaus Einnahmemöglichkeiten. Im goldenen Weg werden Dokumente direkt (und nicht wie beim grünen Weg als Zweitverwertung) Open Access bereitgestellt, sprich: der goldene Weg produziert originäre Open-Access-Werke, vorranging als Artikel in Open-Access-Zeitschriften.

Diese Journale verlangen zwar nicht immer, aber laut einer 2012 publizierten Studie in doch ungefähr 26 % der Fälle für die Publikation eingereichter Texte eine Artikel- oder Publikationsgebühr, die auch als Article Processing Charge (APC) bezeichnet wird. Die Höhe der APC variierte in der Erhebung dabei recht stark zwischen 8 und 3.900 US-$, sie fiel am höchsten in der Biomedizin aus.

Im Fach Medizin startet der Stuttgarter Thieme-Verlag nun ein neues Open-Access-Journal, das sich ebenfalls aus der Zahlung von Artikelgebühren finanziert, dabei allerdings wahrhaft Neues wagt: The Surgery Journal soll konsequent das Pay-What-You-Want-Modell umsetzen: Autoren, die Artikel einreichen, können selbst entscheiden, welche Gebühr sie im Falle der Publikation des Artikels zu zahlen bereit sind. Das Konzept wurde unter wissenschaftlicher Beratung von Professor Martin Spann von der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München, einem Experten in Sachen Pay What You Want, entwickelt.

Laut Verlagsauskunft bestimmt der Autor die Summe, die er für die Veröffentlichung seines Artikels zu zahlen bereit ist, erst nach positiver Begutachtung in der Peer Review. Weiterhin wird  man jeden vom Autoren ausgelobten Betrag akzeptieren - selbst wenn dieser Betrag bei null liegt. Auch Satz und Lektorat erfolgen laut Thieme für alle Artikel unabhängig vom gezahlten Preis in gleicher Qualität. Die Zeitschrift wird auch nicht die Gestalt eines Mega-Journals annehmen, sondern in klassischer Weise mit festen Issues erscheinen.

Da die Höhe der Gebühr vom Autor erst nach positiver Review und Annahme des Artikels zur Publikation bestimmt wird, ist es nicht möglich, dass Autoren sich eine Veröffentlichung durch höhere Gebühren erkaufen. Ebenso dürfte die Gefahr gebannt sein, dass man journalseitig Artikel von prominenten Autoren zu geringeren Gebühren akzeptiert, da deren Beiträge eine hohe Rendite in der Wissenschaftswährung Zitation abwerfen, die wiederum größere Zahlungsbereitschaft anderer Autoren zur Folge haben dürfte.

Durch das traditionelle Format als Zeitschrift mit festen Issues kann zudem nicht der Verdacht aufkommen, man plane, Artikel in so großer Masse zu publizieren, dass die schiere Menge der Veröffentlichungen ein APC-Aufkommen generiert, mit dem die Finanzierung von TSJ gesichert werden kann. Das Publikationskonzept der Zeitschrift erscheint insofern nicht durch das Finanzierungsmodell korrumpierbar oder angreifbar.

Ein Ziel, das der Verlag durch Anwendung des Pay What You Want verfolgt, ist offensichtlich herauszufinden, welchen Betrag ein Wissenschaftler für die Publikation eines Artikels zu zahlen bereit ist. Dass Thieme diesen Versuch unternimmt, ist ehrenwert, ist es doch bislang so gut wie unmöglich, den finanziellen Wert eines wissenschaftlichen Artikels zu bestimmen.

Das kommerzielle wissenschaftliche Publikationswesen handelt auf einem Fantasiemarkt mit Fantasiewerten

Der Chemiker Peter Murray-Rust beschrieb die Gestaltung der Preise, die Verlage sowohl bei APCs im Open Access als auch bei den Abonnements wissenschaftlicher Journale im Closed Access veranschlagen, in einem Blog-Posting recht treffend:

#scholpub is now, at its worst, a vanity market such as fragrance or mineral water. The price is vastly higher than the cost.

Das kommerzielle wissenschaftliche Publikationswesen handelt mitunter auf einem Fantasiemarkt mit Fantasiewerten. Diese Preise wissenschaftlicher Publikationen werden nicht etwa nach deren Arbeitswert bestimmt, sondern, wie bei Parfum, durch Prestige und Image einer Marke. Anders lässt es sich auch schwerlich erklären, dass aus Geldern der österreichischen Förderorganisation Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) 2014 APCs in Höhe von 4.667,83 € für die Publikation eines Artikels im Journal Leukemia & Lymphoma gezahlt wurden.

Auch Versuche, den Wert eines Artikels durch dessen Entstehungskosten zu bestimmen, schaffen wenig Klarheit: Wissenschaftliche Untersuchungen zur Höhe der first copy costs, also der Kosten, die zur Erstellung der ersten digitalen Kopie eines wissenschaftlichen Artikels anfallen, kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, die zwischen 10 US-$ und 40.000 US-$ liegen. Differenzen dieser Größenordnung sind jedoch nur zum Teil durch unterschiedlich hohe Profit-Erwartungen der publizierenden Verlage zu erklären, die diese teils in die Bezifferung der first copy costs einfließen lassen - vielmehr sind die Kalkulationen weitgehend intransparent.

Der Vorteil des Thieme-Versuchs liegt auf der Hand: Wenn schon bei den meisten Verlagen unklar und geheim ist, welche Kosten sie für die Produktion wissenschaftlicher Artikel veranschlagen, könnte er zumindest helfen, herauszufinden, welchen finanziellen Wert Autoren der Publikation ihrer Artikel beimessen. Allerdings stellt sich die Frage, ob Wissenschaftler angesichts der Verteilungskämpfe um knappe Institutsmittel und in Anbetracht leerer Kassen nicht doch dazu tendieren, lieber zu geringe Beträge zahlen zu wollen als angemessene. Professor Spann nennt gute Gründe, warum Wissenschaftler trotz Finanznot einen adäquaten Preis zahlen könnten:

Zum einen wirken inPay-What-You-Want-Szenarien Fairness-Überlegungen, Menschen wollen einem Dienstleister, dessen Service sie nutzen, einen fairen Preis zahlen. Dazu kommen eher eigennützige Strategien: Man ist als Kunde am Erhalt eines Angebotes, das man nutzt, interessiert und wird daher einen Preis zahlen, der diesen Erhalt sichert.

Die Erfolgschancen für das Pay-What-You-Want-Experiment Thiemes stehen demnach womöglich gar nicht so schlecht. Im besten Fall erweist sich das Modell als finanziell tragfähig und verschafft Informationen darüber, welchen Wert Wissenschaftler einer eigenen Publikation beimessen. Wollte man hingegen herausfinden, was Verlagen Artikel wert sind, müsste man womöglich ein Auktionsmodell erproben, in dem Verlage auf Artikel bieten - so schlug es Richard Smith, Editor des British Medical Journal (BMJ) bereits vor Jahren vor.

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